Wer hat Angst vorm "Grünen Mann"? Niemand. Weil: Wer IST das überhaupt? Na ja, so genau weiß das im Grunde eh keiner. Ein Hybrid aus Pflanze und Mensch? Ein "Homo vegetabilis" also? Oder das personifizierte Umweltbewusstsein? Das maskuline Gegenstück zur Mutter Natur? VATER Natur? (Und ein ominöses "Blattgesicht" taucht überdies irgendwann im Mittelalter als architektonisches Zierelement auf.)

Es handelt sich jedenfalls nicht um einen Marsianer (das wäre das kleine grüne MÄNNCHEN – Diminutiv) oder um einen sehr zornigen hünenhaften Kraftlackel aus dem Marvel-Comics-Universum (das wiederum wäre der Hulk). Aber wie der giftgrüne Wut-Riese das aggressive Hau-drauf-Alter-Ego von Bruce Banner ist, so hat sich der Lois Weinberger eben in den naturverbundenen "Green Man" verwandelt. Allerdings ist er FRIEDLICH ergrünt (mittels abwaschbarer Farbe).

Die Gstätten ist der bessere Garten

Sehr grün: Lois Weinberger war der "Green Man" (2004). 
- © Galerie Krinzinger und Lois Weinberger /Paris Tsitsos

Sehr grün: Lois Weinberger war der "Green Man" (2004).

- © Galerie Krinzinger und Lois Weinberger /Paris Tsitsos

Versonnen blickt er aus seinem chlorophyllgrünen Teint. (Nicht, dass er mit diesem zur Photosynthese fähig gewesen wäre.) Oder eigentlich scheint sich sein Blick vielmehr in die Augen ZURÜCKZUZIEHEN auf dem Porträtfoto von 2004, auf dem er Brille und einen Nasenschmuck (eine Muschel) trägt und das intim ist wie die ganze Ausstellung rundherum. Parallel zur umfangreichen Schau im Belvedere 21 (für die auf Plakaten mit demselben grünen Konterfei geworben wird) begegnet man dem reichhaltigen Schaffen des im Vorjahr in Wien verstorbenen "philosophischen Feldarbeiters" im Showroom und Kabinett der Galerie Krinzinger nämlich in kompakterer Form: "Field Work." (Objekte, Fotos, Zeichnungen . . .)

Trotzdem ist alles da. Auf die Essenz konzentriert sozusagen. Die Landschaft zwischen Natur und Kultur bzw. die Natur zwischen Wildnis und Kultivierung war das Forschungsgebiet und Betätigungsfeld des gebürtigen Tirolers (Jahrgang 1947), der selbst ländliche Wurzeln hatte, in Stams auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, bevor er Kunstschmied und Schlosser, Schauspieler und schließlich Künstler geworden ist (zuletzt hat er in Gars am Kamp gelebt – und in Wien), einer, der sich vorzugsweise in den Randzonen der gezähmten Botanik herumgetrieben hat, einer, dem die Gstätten, ein Ort des Nichteingreifens, einfach lieber war als der gepflegte Garten und der nach dem Fall der Berliner Mauer quasi als subversiver Gärtner mit der Gießkanne durch die struppige Todeszone gestreift ist. Und 1997 hat er für die documenta X auf einem stillgelegten Bahngleis Neophyten gepflanzt, gebietsfremde, zuagraste Flora, Migranten, wobei man sowieso oft den Eindruck hat, in Wahrheit ginge es hier um die Menschen. Zumindest AUCH. Außerdem teilen DIE die Pflanzenwelt ein in die erwünschten Gewächse und das Unkraut.

Die Pflanzen antiautoritär aufwachsen lassen

Kein Eisvogel, ein "Frozen Starling" (1996 von Lois Weinberger fotografiert), also ein gefrorener Star. 
- © Galerie Krinzinger und Lois Weinberger / Anna Lott Donadel

Kein Eisvogel, ein "Frozen Starling" (1996 von Lois Weinberger fotografiert), also ein gefrorener Star.

- © Galerie Krinzinger und Lois Weinberger / Anna Lott Donadel

Der handliche "Wild Cube" (das Skelett eines alles andere als mathematisch strengen Würfels, aus grün bemalten Metallstäben konstruiert, die so tun, als wären sie organisch gewachsene Ästchen oder Stängel) pickt an der Wand wie ein fernes Echo der geräumigeren Käfige, in denen der Künstler die Spontanvegetation in Schutzhaft genommen hat, die Revoluzzer, Anarchisten und Dissidenten, kurz die Außenseiter davor bewahrt hat, diszipliniert oder ausgerupft zu werden, und wo sie antiautoritär, ohne gärtnerische Erziehungsmethoden, aufwachsen konnten und mitunter nach wie vor können (etwa in der Ruderal-Einfriedung beim Belvedere 21). Gewissermaßen Gefängnisse für die Freiheit.

Immer wieder war die Natur seine Assistentin (oder der Weinberger IHR Assistent?). Auf alle Fälle waren die beiden ein gutes Team. (Wie Lois und FRANZISKA Weinberger. Franziska: seine Frau. Die ZWEITE Hälfte des Künstlerduos umfasst in der geradezu prophetischen Fotoarbeit "Das Meer", 1994, übrigens eine Mineralwasserflasche. Heute ist die Kombination Meer und Plastik ja nicht einmal mehr KONZEPTUELL romantisch. Oder poetisch.) Beim ältesten präsentierten Exponat ("Wege", 1978) war der Borkenkäfer sogar der Kreative, hat die – grafischen – Gänge gegraben, und nachher hat sein menschlicher Partner die zerfressene Rinde wie den Druckstock für einen Holzschnitt eingefärbt. Rot.

Auch das ist der "Green Man", obwohl er braun ist. Wurzelige Figur aus Silikon und Holz von Lois Weinberger (2010). 
- © Galerie Krinzinger und Lois Weinberger / Anna Lott Donadel

Auch das ist der "Green Man", obwohl er braun ist. Wurzelige Figur aus Silikon und Holz von Lois Weinberger (2010).

- © Galerie Krinzinger und Lois Weinberger / Anna Lott Donadel

Oder der mit den zwei Händen analysiert (zerpflückt) die Losung (Jägersprech für Kot) eines vierbeinigen Räubers und ordnet das Unverdaute dann zum Minimalismus, zu einem braunen Quadrat (seine Antwort auf Malewitschs berühmtes SCHWARZES Quadrat?). Weinbergers "Steinmarder" mag nicht so hübsch sein wie Dürers "Feldhase", eine Tierstudie ist er aber zweifellos. Und den Realismus kann man ihm vermutlich genauso wenig absprechen. Kommt halt auf die Definition von Realismus an.

Singen hält nicht warm (wenn man ausgestopft ist)

Dafür ist der "Eisvogel", Tschuldigung: "Frozen Starling" (1996), beinah schon hyper-realistisch. Ein Star vor winterlicher Kulisse. Mit offenem Schnabel und behangen mit Eiszapfen. Wurde der mitten im Zwitschern tiefgekühlt? Keine Sorge, der war bereits vorher tot. Ehe er erfroren ist. Der Fotograf hat den ausgestopften Vogel freilich äußerst lebens- (oder todes-)echt inszeniert. Was man von der Katze zum Glück NICHT behaupten kann. Im leibhaftigen Stillleben "Tisch mit Katze" (1983) ist sie höchstens aus echtem MASCHENDRAHT geformt. Und mit Autolack koloriert. Nicht unbedingt Naturprodukte. Geschweige denn biologisch abbaubar.

Die animalischen Überreste (Zähne, Schädel, ein Schneckengehäuse . . .), die Weinberger in einem Schaukasten mit zivilisatorischen Hinterlassenschaften paart, mit Tonscherben oder einem Flaschenhals, sind dagegen eindeutig pure Natur. Und die Scherben Kul-tur. Ein ruhiger Dialog zwischen den beiden Sphären.

Ordnung und Chaos ("und", wohlgemerkt): Ständig verhandeln auch DIESE zwei miteinander, arrangieren sich. Und ist das Chaos nicht ohnehin eine Variante der Ordnung (wenn die Unvorhersehbarkeit zum Ordnungsprinzip wird)? Die "Übungen": eine skripturale Spontanvegetation auf der Leinwand. Abstrakte Gesten räkeln sich auf 40 durchnummerierten Einzeltafeln wie die Buchstaben eines Alphabets, eines GRAS-Alphabets, nämlich wie ausdrucksstarke Halme, die den Leuten etwas mitzuteilen haben. Die ursprüngliche Reihenfolge ist jedoch komplett durcheinandergebracht worden, hat sich umorientiert. Zur rein ästhetischen Botschaft.

Ein Spiegel, der die Vergangenheit reflektiert

Und das zerbrochene Spiegelbild? Das geklebte Scherben-Wirrwarr? IST gar kein reparierter Spiegel. Sondern? Ein Spiegel-MOSAIK, zusammengesetzt aus irgendwelchen Bruchstücken, die der Künstler aus dem Boden geholt hat und die zum Teil unter der Erde erblindet sind. Als Instrument der Selbstbeschau, also zur Anfertigung von flüchtigen Selfies (Spiegel haben bekanntlich kein Gedächtnis), taugt das Ding auf alle Fälle bloß ungenügend. Stattdessen reflektiert es vage die Vergangenheit. Gern hat Weinberger mit Gefundenem gearbeitet. Und manches davon hat er erst einmal ausbuddeln müssen. Oder hat die Geschichte eines Ortes (beispielsweise die seines Elternhauses) gleichsam exhumiert. Mit archäologischer Neugier.

Überall geht’s um Leben und Tod, ums Wachsen und Vergehen, Blühen und Welken. Womit wir wieder beim "Green Man" wären. Zumal die beiden braunen Silikon-Wesen, die ihn darstellen sollen, was von anthropomorphen Wurzeln haben, was Unterirdisches. (Oder doch ein baumgestaltiger Waldgeist?) In seinem Todesjahr hat Weinberger ihn als grünes Gerippe aufs Blatt aquarelliert. Als Memento mori. Inzwischen ist der "Grüne Mann" in den Schoß der Natur zurückgekehrt.