Aus der Entfernung ertönt Klaviermusik, die jedoch rasch wieder verstummt. Während man wartet, ob jemand anderer sich traut, am allen Besuchern zur Verfügung stehenden Klavier eine neue Melodie anzustimmen, vernimmt man aus in einer Ecke arrangierten Kopfhörern leise Stimmen, die Gedichte vortragen. Die passende Umgebung, um sich die Frage "Wie (ver)lernen wir Rassismus?" zu stellen. Sie steht im Mittelpunkt des Ausstellungsprojekts "Re:Present - Unlearning Racism" im Weltmuseum Wien, das Teil des Calle Libre Street-Art-Festivals ist. Dabei konnten Künstlerinnen und Künstler bereits Anfang August an unterschiedlichen Hausmauern ihr Talent zeigen.

Kunst mit allen Sinnen erleben

Auch im Weltmuseum dienten Wände als Untergrund für Kunstwerke, für die Beantwortung der komplexen Eingangsfrage wurde aber auch eine Vielzahl anderer Darstellungsformen verwendet. Die präsentierenden Künstlerinnen und Künstler sprechen durch ihre Werke und Texte für sich selbst. Gezeigt wird unter anderem eine Lichtinstallation mit beschnittenem Papier von Olivier Hölzl, die die Koli Frauen, die frühesten Siedlerinnen von Mumbai, zeigt. Die zerknitterten und dekonstruierten Silbergelatineabzüge von Mahir Jamal versuchen die starken Gegensätze einer geteilten Realität aufzuzeigen und Stereotype zu zerstören. Die Fotografen Ricardo Hackl und Angelo Kreuzberger sowie die Fotografin Samira Saidi steuern digitale Bilder in Form einer Slideshow zur "Black Lives Matter"-Bewegung bei. Diese bewies in jüngster Vergangenheit, dass es möglich und notwendig ist, historische und konventionelle Formen von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu beleuchten, aufzuarbeiten und zu
bekämpfen. Ju Mu Monster drückt mit seinem Wandgemälde und einer Maskeninstallation die schöpferische Kraft der indigenen Völker aus.

Mit seiner Serie "They don’t care about us!" zerstört Künstler Mahir Jahmal bildlich stereotypische Erwartungshaltungen an die afroamerikanische Kultur. - © Mahir Jahmal
Mit seiner Serie "They don’t care about us!" zerstört Künstler Mahir Jahmal bildlich stereotypische Erwartungshaltungen an die afroamerikanische Kultur. - © Mahir Jahmal

Auch der Spagat zu den sozialen Medien gelang: Visual Poems, also Gedichte zum Anhören, und Speak-ups (Kurzvideos) von Kids of the Diaspora spannen den Bogen zur digitalen Gegenwart. Der Ausstellung gelingt es somit, eine Plattform für einen künstlerischen Diskurs über das kulturelle Erbe von Kolonialismus und dessen Folgen für die ausgebeuteten Länder, die noch heute spürbar sind, zu bieten.

Ein zentraler Gedanke aller Werke ist auch der Kontrast zwischen der Eigen- und der Fremddarstellung. Es wird die Frage gestellt, wer man ist, wenn man sich selbst ohne den Blick von außen sähe - ohne Rassismus und Diskriminierung. So zeigen zum Beispiel die Spraypaints auf Holz von Stinkfish Porträts von Frauen mit bunten, psychedelischen Elementen. Alles in allem ist die Botschaft klar: Alle Minderheiten haben ihre eigene Geschichte der Diskriminierung, doch die Lösung des Problems ist für alle dieselbe: Toleranz, Akzeptanz und Solidarität sind die ersten Schritte in die richtige Richtung.

Selbstreflexion zum Abschluss der Ausstellung

Kurz vor dem Ausgang haben die Besucher die Möglichkeit, selbst Teil des Diskurses zu werden. Hier zeigt sich der interventionistische Charakter der Ausstellung. Mithilfe von Post-its ist man aufgefordert, seine eigene Meinung zu drei Fragen an der Wand zu äußern und sich ganz persönlich mit dem Thema Rassismus und Diskriminierung zu beschäftigen. Durch die bereits an den Wänden klebenden Zettel bekommt man Anregungen, die eine ehrliche Auseinandersetzung erleichtern und neue Perspektiven liefern. Die Frage "Was hat das alles mit mir zu tun?" sollte sich den meisten nach einem Besuch der Ausstellung nicht mehr stellen. Und auch jenen, die sich bereits viel mit dem Thema beschäftigt haben, wird klar: Je mehr man reflektiert, desto häufiger hinterfragt man seine eigenen Ansichten.

Das Weltmuseum setzt mit der Ausstellung ein Zeichen gegen Diskriminierung und versucht, die Gräben zu schließen, die unsere Gesellschaft trennen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Nadja Haumberger, Jakob Kattner und Tonica Hunter, unterstützt wurden sie von der Historikerin Vanessa Spanbauer und Mercedes Mercedes-Mercedes.