Er mache den Prozess des Beobachtens selbst zum Gegenstand seiner künstlerischen Konzepte und Interpretationen, meinte Rainer Fuchs über die plastische Umsetzung der Heuhaufen Claude Monets durch Frantisek Lesák. 1992 wurden sie als bemalte Kunststoffkörper auf tischartigen Podesten im 20er Haus als Teil des modernen Museums präsentiert, heutiges Belvedere 21. Der Künstler war damals Professor an der TU, neben dem Zeichnen ist die Sprache als Zeichensystem für ihn wichtig, was er 2001 in der Ausstellung "raumdeutsch. Skizzen zur architektur" im Wiener Künstlerhaus exemplifizierte.

Wie erst jetzt in der Galerie der Secession sichtbar wird, arbeitet er schon lange zusätzlich mit Fotografie, um Bewegungsabläufe mit dem eigenen Körper oder seinen Händen nach ihm wichtigen Kunstwerken und ihren Protagonisten nachzustellen wie sein "Bonjour Monsieur Courbet" aus Gustave Courbets Gemälde "Le Rencontre".

Was ihm früher noch zu sehr Hilfsmittel für seine zeichnerischen Konzepte war, zeigt er jetzt in einer neuen Serie "Begründung eines Meters", die jenen Zyklus über Courbet erweitert und auch besser erläutert. Die Studien wurden 1972 bis 2020 immer wieder aufgenommen, eine typische Strategie Lesáks, auch den Tastsinn über die reinen Wahrnehmungsfragen und Bewegungsabläufe hinaus in den Mittelpunkt seiner geistigen Praxis zu stellen.

Kartografie eines Körpers

Vermessung und Kartografie einer Landschaft, aber auch eines Köpers oder nur der Hände, kennen wir, seit es Akademien gibt, also seit der Antike. Aber auch noch in unserer Gegenwart ist der Modellbaukasten als Lehrmittel retrospektiv ein Thema, insofern ist es spannend zu sehen, was ein routinierter Zeichner aus der Erinnerung an seine Hand herauszuholen vermag, wenn er sie unter dem Tisch versteckt hält.

Vielleicht ist auch das Ausloten das eigentliche Hauptthema des Künstlers, Perspektiven und Vielansichtigkeit von Objekten spielen jedenfalls eine entscheidende Rolle im zweiten Teil der Ausstellung "Vermutung und Wirklichkeit". Es betrifft die Landschaft des nördlichen Weinviertels mit seinen urzeitlichen Findlingen und Wäldern, die er in "Äquivalente" und "Waldlandschaften" aus den letzten fünf Jahren präsentiert. Teilansichten und Ergänzungen der jeweils abgewandten Seite des Motivs werden mit erhabenen Ziffern des Vermessungssystems kombiniert, wobei ihre Raumlage die unterschiedlichsten Varianten von Ansichten erlaubt, dabei setzt der Bildhauer-Zeichner auch subtil grüne Wasserfarben ein, die jenen hohen Grad an Präzision angenehm auflockert.

Hinterfragung des Erfassens

Der antike Hermes des Praxiteles gehört zu den wichtigsten Lehrfiguren von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert. In Prag, wo Lesák anfangs studierte, fand die alte Methode, nach Gipsen zu zeichnen, auch noch in der Nachkriegszeit Anwendung. Nicht nur durch seine Flucht nach Wien kam die kritische Hinterfragung des Erfassens von Körpern in neue Richtungen. Die gemessenen akademischen Punkte zeigen ein System, das auch Meister wie Antonio Canova auf ihren Gipsen nach dem Original oder in Vorstudien umsetzten. Die Serie "Hermes" von 2012 und "Hermes mit Licht punktiert" von 2003 sind reizvolle Paraphrasen der Gegenwart nach dem antiken Bildhauerstar.

Dabei kommt die Kopiermanie der Kunstakademien seit der Auffindung des Hermes 1877 im Hera-Tempel in Olympia als Seitenstrang-Erzählung mit hinein. Denn immer kommen ein politischer Akzent und die Institutionskritik an Akademien sowie auch Ausstellungpraxen mit zum Tragen. Dabei ist das Angenehme dieser sehr theoretisch klingenden Rekonstruktionen, dass sie zwar poetisch und quergedacht sind, aber nie langweilig oder trocken. Wer weiß, wohin Hermes und die Wackersteine noch weiterwandern werden im räumlichen Gefüge der Verfasstheit von Lesáks sich stets wandelnder Welt.