Da vermisst einer die Kunstgeschichte. Wieso? Ist sie denn weg? Seit wann? Gestern war sie jedenfalls noch da. Keine Sorge, das ist sie eh immer noch. Und der Milen Till, der als Sprayer begonnen und dann mit seinem Bruder Amédée als DJ-Duo Kill the Tills die Techno- und Club-Szene beschallt hat, hat auch kein weltweites Museumsverbot. Er vermisst die musealisierte Vergangenheit ja nicht "mit dem Herzen" (im Sinne von "nachtrauern", sprich: Man vermisst nur mit dem Herzen gut), sondern mit dem Zollstock. Bekanntlich ein total emotionsloses, objektives Instrument, mit dem man unhandliche zwei Meter unglaublich platzsparend zusammenklappen kann, dass sie sogar ins Handtascherl passen. (In den Hosensack freilich nicht. Zumindest nicht zur Gänze.)

Malen nach Zentimetern

Schon der Titel der Schau in der Galerie Crone ist doppeldeutig: "Vermessen" (nicht "Vermissen", wohlgemerkt.) Und ist es nicht tatsächlich ein bissl anmaßend, sich einer Ikone wie Malewitschs "Schwarzem Quadrat" mit dem Gliedermaßstab zu nähern? (Ist die Maßeinheit der Kunst nicht Dollar?) Tills Vorbild ist da ein berühmter Landsmann von ihm: der Karl Valentin. (Der Komiker? Der gemeint hat, dass die Zukunft früher besser gewesen wäre? Bedeutet das, man darf das alles gleichermaßen nicht so ernst nehmen?) Der war ebenfalls ein Bayer. Und – als gelernter Schreiner und Tischler – ein Vermesser der Welt, der den Zollstock als Werkzeug seiner Komik gern in seine Sketche integriert hat. Zum Beispiel, wenn er (in einem Stummfilm) einem neuen Schreibtisch die viel zu langen Beine umständlich gestutzt hat, bis seine eigenen nimmer unter das Möbel gepasst haben und er ein Loch in den Boden bohren musste, durch das er schließlich selbst gefallen ist. Als leibhaftige Schlusspointe.

Auf ein Foto, das den "bayrischen Nestroy" zeigt, wie er 1941 am Zirkus Krone Maß nimmt, um nachher festzustellen, dass er den doch nicht kaufen wird, weil er für seine Bedürfnisse um ein paar Zentimeter zu klein ist (he, der Zirkus hat denselben Namen wie die Galerie, bloß mit K!), klebt der ANDERE gebürtige Münchner, nämlich der, der so heißt wie dieser Schelm, der Eulenspiegel (halt mit Nachnamen), einen echten Zollstock drauf. Der Humor vom Till, MILEN Till, ist nun genauso Maßarbeit. Technik: Zollstöcke auf Holz oder manchmal auf Leinen. (Bzw. Vermessenheit auf Holz.) Eine Form von "Malen nach Zahlen", quasi "Malen nach Zentimetern". Und ohne Pinsel. Dafür mit Klebstoff.

Wer hat den Mondrian gebleicht?

Na? Erkannt? In der Ecke drückt sich das berühmteste schwarze Quadrat der Kunstgeschichte herum: das von Kasimir Malewitsch. In dem Fall allerdings von Milen Till. 
- © www.lukasdostal.at, Courtesy: Galerie Crone Wien

Na? Erkannt? In der Ecke drückt sich das berühmteste schwarze Quadrat der Kunstgeschichte herum: das von Kasimir Malewitsch. In dem Fall allerdings von Milen Till.

- © www.lukasdostal.at, Courtesy: Galerie Crone Wien

Nicht, dass sich der Gegenwartskünstler mit der GESAMTEN Kunstgeschichte messen würde. Lediglich mit der ungegenständlichen. Mit der geometrischen Abstraktion, dem Minimalismus, Konstruktivismus, der Farbfeldmalerei. Na ja, ein gestreiftes Gemälde von Agnes Martin ("Happy Holiday") oder die Klarheit von Ellsworth Kellys Hard-Edge-Kompositionen (hard edge: "harte Kante") ist vermutlich schlichtweg einfacher mit gelenkigen, aber im Endeffekt steifen Staberln zu kopieren als die "Mona Lisa" oder ein Picasso.

Das kleine Schwarze, nicht jenes von Coco Chanel, nicht das mit den weiblichen Rundungen, vielmehr das viereckige von Kasimir Malewitsch, verfügt hier nicht allein über die korrekten Maße (79, 5 mal 79, 5 Zentimeter), es ist obendrein gleich positioniert wie das Original dieses "Nullpunkts der Malerei" in seiner allerersten Ausstellung 1915 in Petrograd (heute Sankt Petersburg): hoch oben und quer über eine Raumecke gehängt, ein wenig nach vorn gekippt. Wie ein Heiligenbild in einem russischen Herrgottswinkel.

Mondrian mit seinen strengen Rastern scheint sowieso eine leichte Übung zu sein. Besonders, wenn man ihn "entfärbt". Die Primärfarben raushaut und nichts als das schwarze Gerüst übrig lässt. Das Rot, das Blau und das Gelb muss man sich in der "Komposition mit Rot, Blau und Gelb" eben dazudenken. Macht irgendwie Spaß, den Blanko-Mondrian in Gedanken auszufüllen wie die "leere" Zeichnung in einem Malbuch. Oder die "Vertikale Komposition mit Blau und Weiß" zu googeln und nachzuprüfen, ob man RICHTIG geraten hat, wo das Blau hingehört.

Was? Der andere Mondrian "mit ohne Blau" IST überhaupt keiner? NATÜRLICH nicht. Das ist ein Till. Ja, aber einer, der so tut, als mache er einen Mondrian nach, der in Wahrheit allerdings von einer Frau stammt, die Männerkleider getragen und sich außerdem in einen Mann UMBENANNT hat. Von Marjorie in Marlow. Und Marlow Moss hat man lange als reine Mondrian-Imitatorin abgetan. Der Till nimmt sie jetzt offenbar für voll, während er sie SELBER nachahmt. Okay, das mit der leichten Übung nehme ich zurück. Nicht JEDER Mondrian ist eine solche. Die extrem kleinteilige "Komposition mit Linien" (2017) ist komplex wie ein QR-Code. Das dichte Gewusel aus teils überkreuzten Waagrechten und Senkrechten ausgerechnet mit Zollstöcken zu replizieren (noch dazu absolut exakt), verlangt dem Betrachter Staunen und Bewunderung ab.

Das ist doch der, der die Tür zugemacht hat, oder?

Till ist trotzdem kein Kopiersklave. Den Werken der Meisterinnen und Meister, die allesamt längst tot sind und sich nimmer wehren können, verleiht er durchaus mitunter seine persönliche Note. Barnett Newmans "Onement VI" am unübersehbarsten. No na, es ist das riesigste Exponat (zweieinhalb Meter hoch und drei Meter lang!) und stellt sich einem wie ein Paravent in den Weg. Newman, das ist übrigens der, der die Tür zugemacht hat. Welche Tür? Die, die in einem legendären Zitat des Kunstkritikers Harold Rosenberg vorkommt. (Das ist wiederum der, der den Begriff des "Action Paintings" geprägt hat.)

Die schwarz-weiß gestreifte Säule ist ein Selbstporträt. Einer Säule? Nein, eines Meisterschülers (Milen Till). Ganz hinten an der Wand: die "Klasse Hildebrandt". 
- © www.lukasdostal.at, Courtesy: Galerie Crone Wien

Die schwarz-weiß gestreifte Säule ist ein Selbstporträt. Einer Säule? Nein, eines Meisterschülers (Milen Till). Ganz hinten an der Wand: die "Klasse Hildebrandt".

- © www.lukasdostal.at, Courtesy: Galerie Crone Wien

"Newman schloss die Tür, Rothko zog den Rollladen herunter und Reinhardt löschte das Licht." Die Kunst zieht sich folglich zur Kontemplation aus der Hektik und Fülle dort draußen in die pittoreske Stille zurück. In die Reduktion. Und wie soll man was ERKENNEN, wenn’s finster ist? Ach, die späten meditativen Tafelbilder von Ad Reinhardt sind ohnedies schwarz ("Black Paintings").

Und "Onement VI"? Ein spirituelles Blau, in der Mitte durch einen senkrechten Streifen geteilt. Oder geteilt, und zugleich werden die Hälften durch ihn vereint. Immerhin bezeichnet der abstrakte Expressionist und Farbfeldmaler Newman diese Vertikalen als "Zips". Reißverschlüsse. Und die machen beides: trennen und zusammenfügen. (Und "Onement" ist das mittlerweile ungebräuchliche englische Wort für "Einheit, Vereinigung, Harmonie".) Die Enden des Trumms hat Till eingerollt, und nun ist es "selbständig", steht von selber, braucht keine Wand mehr.

Und Sigmar Polkes "Zollstockpalme" (ein Zollstockgewächs, fragil wie ein Strichmännchen oder -weibchen) übersetzt er konsequent in ein Zollstockwerk, puzzelt die diesmal NICHT entfalteten Zollstöcke zu einem fotorealistischen Schwarzweiß-Bild des Objekts zusammen. Zugegeben, das Foto ist vorher auf die Zollstöcke MONTIERT worden.

Manche Meisterschüler sind länglicher

Die Nähmaschine von Tex Rubinowitz ist sehr mitteilsam. Na ja, wenn einer das "Ich" in "Wirklichkeit" ist . . . 
- © www.lukasdostal.at, Courtesy: Galerie Crone Wien

Die Nähmaschine von Tex Rubinowitz ist sehr mitteilsam. Na ja, wenn einer das "Ich" in "Wirklichkeit" ist . . .

- © www.lukasdostal.at, Courtesy: Galerie Crone Wien

Wer hat eigentlich den größten . . . Namen? Aus seiner eigenen Größe macht er gleichfalls kein Hehl, der Meisterschüler von Gregor Hildebrandt an der Akademie der Bildenden Künste in München: 1,84 Meter. Diese Erektion, Tschuldigung: schwarz-weiß gestreifte Säule, ist ein Selbstporträt. (Und eine Selbstironie.) Und das rosarote Gegenstück: seine Verlobte, die Künstlerin Ruscha Voormann (Körpergröße: 1,68 Meter). Und beide tauchen noch einmal im Gruppenbild der Klasse Hildebrandt auf. Lauter angelehnte Zollstöcke, aufgereiht wie für ein Klassenfoto (oder ein Erschießungskommando). Unweigerlich fällt einem ein, was Karl Valentin über SEINE Größe gesagt hat: Er sei "länglich".

Ein wenig ist das alles so, wie wenn man aus Lego das Weiße Haus nachbaut (in Originalgröße): bunt und verspielt. Und nimmer so einschüchternd, so verdammt sakrosankt. Ein erfrischend ungenierter Zugang.

Das Unbewusste hat der Nähmaschine was diktiert

Moment: Eine offene Tür! Der Newman mag eine geschlossen haben, doch definitiv nicht diese. Respektive hat ein andrer sie wieder aufgemacht: Tex Rubinowitz. Ein Kammerl voller witziger (rubino-witziger) Sprüche, die sich als Redensarten und g’scheite Aphorismen tarnen. Der Cartoonist und Bachmann-Preisträger von 2014 hat sie mit einer speziellen Schreibmaschine auf alten Tüchern notiert. Mit einer von Pfaff. Pfaff? Sind die nicht eher bekannt für Nähmaschinen? Eben. Das IST ja gerade das Spezielle.

Die antike Nähmaschine hat gewissermaßen das Diktat seines Unbewussten aufgenommen, hat irgendwo aufgeschnappte Fragmente zu einem "Sinn" vollendet. Oder zu dadaistischem Humor. Jedenfalls zu unterhaltsamen Sätzen wie "Die Erde ist keine Tube", über die man schmunzelt, ohne dass man immer wüsste warum. "Ich bin das Ich in Wirklichkeit" ist dafür grenzgenial. Oder: "Manchmal muss man das Einfache kompliziert machen, um es zu verstehen."

"Tarnsätze und Stickstoffe" sollen das sein. "Stickstoff" wie das Gas? Wie der Hauptbestandteil der Luft? Falsch. Wie Wortfetzen. Besticktes Textil. (Hm. Steigert man Tex "Tex – Text – Textil"?) "Ich bin Jürgen und heiße auch so." – Nein, tut er NICHT. Er ist der Tex und hat früher Dirk geheißen. Dirk Wesenberg. "Beleidigt seit 1961" dürfte hingegen autobiografisch sein. (1961 wurde er in Hannover geboren.) Also beleidigt seit 1961 und seit 1984 in Wien.

Die Größe spielt bei seinem automatischen Nähen ebenfalls eine Rolle, wenn die Nadel ins willige Gewebe eindringt: "Die Häuser waren früher kleiner, weil die Menschen kürzere Hosen trugen." Tja, wenn das Es eines Intellektuellen herumblödelt, schweigen kleine Menschen leiser.