Diese Bilder existieren eigentlich gar nicht. Zumindest sind sie in Wirklichkeit nicht so, wie sie aussehen. (Andererseits: Wie real ist die Wirklichkeit?) Drum kann man von ihnen auch kein Foto machen, geschweige denn sie in der Zeitung drucken. Oder schon. Aber es fehlt dann was. Eine entscheidende Zutat, die sich nicht reproduzieren lässt: der geile 3D-Effekt. Den man sogar mit bloßem Auge erkennen kann. Ohne Spezial-Brille.

Wobei: Das ist nicht ganz richtig. Man braucht selbstverständlich ZWEI Augen. Plural. (Und weil die Kamera üblicherweise lediglich EINES besitzt . . .) "Live-Bilder" quasi, die man DIREKT erleben muss, da sie "aufgewärmt" nicht funktionieren. Auf der Homepage der Galerie Artecont (https://artecont.at) behilft man sich mit Animationen, um die virtuelle Räumlichkeit notdürftig zu simulieren.

Postapokalyptische Romantik von Markus Riebe: Flugzeugwrack (Fliegen ist sowieso schlecht fürs Klima) mit "Alien" und Mond. 3D-Lentikularbild aus der "Uncharted Territories"-Serie. 
- © Markus Riebe

Postapokalyptische Romantik von Markus Riebe: Flugzeugwrack (Fliegen ist sowieso schlecht fürs Klima) mit "Alien" und Mond. 3D-Lentikularbild aus der "Uncharted Territories"-Serie.

- © Markus Riebe

Das Neuland digital und analog erforschen

Hinten sind sie freilich eh flach, die komplexen 3D-Lentikularbilder vom Markus Riebe. Hinter den Linsen nämlich, diesen millimeterschmalen, transparenten Linien, die den Print überziehen, der ohne sie wiederum keinen Sinn ergäbe, keine Szene. (Bei meinem alten Röhrenfernseher ist’s genau andersrum. Der ist VORNE plan und hinten äußerst dreidimensional.) "Uncharted Territories" heißt die Schau im Übrigen. (Untertitel: "Bilder im Schnittfeld von Kunst und digitalen Medien.") Nach einer der gezeigten Serien. Auf Deutsch: Neuland. Die postapokalyptischen Landschaften sind schließlich auf keiner Karte verzeichnet.

Dieses Suchbild mit Babysatyr und Schildkröte (mit analoger Acrylfarbe von Markus Riebe gemalt) heißt wahlweise "Satyricon" oder "Turtle Torture". 
- © Markus Riebe

Dieses Suchbild mit Babysatyr und Schildkröte (mit analoger Acrylfarbe von Markus Riebe gemalt) heißt wahlweise "Satyricon" oder "Turtle Torture".

- © Markus Riebe

Unerforschte Gebiete, die der Oberösterreicher (1955 in Gmunden geboren) grad dabei ist auszukundschaften. Digital und analog. (Riebe: "Ich weiß am Anfang AUCH nicht, wohin die Reise geht.") Am Computer wird generiert und komponiert, werden Elemente mit 3D-Programmen gedreht, paart sich Abstraktes mit Gegenständlichem, die Geometrie mit der Biologie (oder griechischen Mythologie) zu rätselhaften, unheimlichen Visionen, spannungsgeladenen, dynamischen Ambivalenzen.

Fantasiewesen aus dem digital-analogen Reich von Aditya Pande: "A Jester's Gesture", 2009. 
- © Aditya Pande

Fantasiewesen aus dem digital-analogen Reich von Aditya Pande: "A Jester's Gesture", 2009.

- © Aditya Pande

Ein abgestürztes Flugzeug, einfühlsam beleuchtet, ein Tentakel-Alien wie aus einem Science-Fiction-Film räkelt sich bedrohlich in seiner überschwänglichen Bunt- und Schönheit, windet sich anmutig aus der Zweidimensionalität heraus und züngelt nach dem Betrachter, mit dem der Vollmond Verstecken spielt (einmal ist er da und plötzlich wieder futsch). Überall Endzeit im Stimmungslicht, Weltuntergangsromantik, melancholische Einsamkeit. Ruinen, gestrandete Boote in der Wüste und sonstige Wracks, kaputte Fortbewegungsmittel ohne Antrieb. Drei Pkw hat der Künstler digital geschrottet und auf den virtuellen Autofriedhof verfrachtet. ("Ich hab’s gestapelt und das Blech verformt.")

Plastikflaschen sind pfui, aber schön räumlich

Ein Quader, wie mit weißem Licht gezeichnet, hebt dagegen ab, schwebt scheinbar völlig losgelöst einige Zentimeter VOR dem Bild, VOR dem düsteren Gebirgspanorama aus der Flugsimulatorperspektive. Illusionsmalerei im digitalen Zeitalter. Selbst die entlegenste afrikanische Idylle bleibt nicht von Klimawandel oder Plastikabfällen verschont. Aus dem harmlosen Badespaß ragt penetrant eine Colaflasche heraus, das Attribut des Umweltverschmutzers. Sehr "volle", gut gefüllte 3D-Bilder, die man sich erst erschauen muss und die inhaltlich nicht WENIGER in die Tiefe gehen.

Dauernd ist etwas (nicht zuletzt das Publikum) in Bewegung oder mitten in einer Metamorphose. "MeToo"-Opfer Daphne verwandelt sich, um den Zudringlichkeiten ihres verliebten Verfolgers zu entkommen, in einen Lorbeerbaum (Wer ist schneller – Apollo oder die Rinde?), streckt dem Zuschauer hilfesuchend die Arme entgegen (bzw. die Äste), als könnte sie dieser aus der Kunst herausziehen und retten.

"Materia prima": die noch ungeformte Substanz. Hier ein unbestimmter Farbklecks, aus dem alles werden kann, jedes Gemälde. Nach eigenen Angaben ist der Riebe zwar "ned auf der Suche nach der Urmaterie", die ist allerdings sowieso nicht immer eindeutig zu unterscheiden von der "Materia ultima". Vom LETZTEN Stoff, vom explosiven Chaos, der detonierten Ordnung. Oder vom Gekritzel, das die kinetische Energie der Künstlerhand speichert und das das eine oder andere Opus gestisch auflädt.

Such die Schildkröte!

Und weil es in der Pandemie zunächst schwierig war, an die Linsen ranzukommen, hat Riebe es zwischendurch wieder mit "Acryl auf Leinwand" probiert. Sein aus neun Einzeltaferln zusammengefügtes "Satyricon" (digital entworfen und mit analoger Akribie gepinselt – "kontemplativ, weil man lange dasitzt") ist ein regelrechtes Suchbild mit Babysatyr. Was MACHT der in dem dekorativen Durcheinander, in diesem Dschungel aus Linien, Orange- und Blautönen? Antwort des Urhebers (und der muss es ja wissen, der hat es immerhin gemalt): "Er reitet auf einer Schildkröte und treibt sie zu Höchstleistungen an." Schildkröte? Wo? Und wo ist die Tierquälerei? Im Titel. Ursprünglich wenigstens. Beides. "Turtle Torture" hat der gelautet. ("Ich geb’s offen zu.") Schildkrötenfolter.

Vergleichsweise unspektakulär sind die eingestreuten Arbeiten von Aditya Pande aus Neu Delhi. (Ruhepole oder Fremdkörper?) Luftige Mischtechniken aus Tradition und feiner Vektorzeichnung. Fantasiewesen (allein oder interagierend), kryptische Zeichen, und über allem die Frage: Wo hat der Computer seine Nullen und Einser im Spiel und wo der Künstler seine Hand?