"Außenseiter – wie auch immer die Kategorisierung in dem Fall gedreht und gewendet wird, schlussendlich beschreibt sie die Situation leider am besten", resümiert die Kunsthistorikerin und Kuratorin Angela Stief die Diskussion über den umstrittenen Sammelbegriff "Outsider Art". "Es hat sich an der Situation der Künstlerinnen und Künstler mit gesundheitlichen wie psychischen Beeinträchtigungen nicht so viel verändert, wie man sich wünschen würde – in Gesellschaft, Politik und in der Kunst", erläutert die Chefkuratorin der Albertina Modern, die sich damit seit Jahren intensiv auseinandersetzt, im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Der aus dem Angloamerikanischen stammende Begriff verdeutlicht, dass noch viele Hürden zu überwinden sind, bis sich ein gleichberechtigtes System etabliert.

Richten wir den Blick in die nahe Vergangenheit: In den letzten Jahren schien es in der internationalen Kunstszene en vogue zu sein, sich mit "Art Brut" – eine weitere Definition, die der Künstler Jean Dubuffet geprägt hat – zu beschäftigen. Zahlreiche Ausstellungen wie im Genfer Centre d’Art Contemporain "When Language Seeks Its Other" (2020) oder im Bank Austria Kunstforum "Flying High – Künstlerinnen der Art Brut" (2019) sorgten für reges Besucherinteresse. Die seit 2012 stattfindenden Outsider Art Fairs in New York und Paris vermeldeten Verkaufsrekorde. Es sah fast so aus, als hätte der Schweizer Kunsthistoriker Rudolf Suter mit seinem Text "Vom Irrenhaus zum Jetset" (2018) den Kunsttrend der Zeit getroffen.

Und selbst die bezüglich eine aufgesetzten "Hippness" skeptische Angela Stief trägt mit ihrer Arbeit dazu bei, dass "Outsider Art" hierzulande neue Besucherschichten anspricht: Seit 2019 organisiert sie in den Räumen der neueröffneten Büros des Gesundheitsdienstleisters "Österreichische Gesellschaft vom Goldenen Kreuze" jährlich zwei Ausstellungen mit Außenseiter-Künstlern wie Josef Karl Rädler, Tim ter Wal oder Anna Zemánková. "Das Team der ÖGGK hat mich nach einem Präsentationskonzept gefragt, meinen Outsider-Artist-Vorschlag akzeptiert und sich auf das Wagnis eingelassen", erzählt Stief die Entwicklungsgeschichte der bemerkenswerten Ausstellungsserie.

Ihren persönlichen Zugang definiert sie über die Kunstwerke und deren originäre Authentizität. "Ich halte nichts davon, Künstler zu stigmatisieren – allein ihre Arbeit zählt", erläutert sie ihr Grundprinzip. Ihrer Meinung nach sind es Stigmatisierungen, die Inklusion und Integration der Kunstschaffenden verunmöglichen.

"Gerade für unsere nächste Ausstellung – in Zusammenarbeit mit Jugend am Werk im Werd – habe ich drei großartige Positionen entdeckt", schürt Stief Vorfreude auf die Show "Kunst als Ritual". Sie erkennt in dem Oeuvre der drei Frauen – Suzanne Dixon, Susanne Kuzma und Ingrid Lechner – höchste künstlerische Qualität und vertritt eindringlich die Meinung, dass, solang bei Museumsankäufen nicht regelmäßig Werkgruppen von Außenseiter-Künstlern angekauft werden, bei Galerien keine Gleichberechtigung in der Künstlerliste herrscht, diese bipolare Kunstwelt bestehen bleibt. "Daher dient der Begriff ‚Outsider Art‘ dazu, auf diesen Missstand aufmerksam zu machen!", meint sie abschließend.

Wenden wir uns von der kontroversen Begriffsdefinition zu anderen Aspekten dieser Kunstsparte – zu Produktionsorten, Kunstmessen und der Vermittlungsarbeit von Galerien.
"Selbstverständlich freuen wir uns einen ‚Haxn‘ aus, wenn sich das Belvedere, die Vienna Art Week und Angela Stief für Künstler aus unserem Atelier interessieren", bekennt die Leiterin der Werkstätte von Jugend am Werk im zweiten Bezirk, im Werd, Elisabeth Kuntner. Für die engagierte und aufgeschlossene Sozialpädagogin, die im Jahr 2014 die Leitung übernommen hat, sind das notwendige Meilensteine für eine breitere Wahrnehmung. Dabei stand Kunst nicht auf ihrer Prioritätenliste: "An sich wollte ich die Steigerung der Industriearbeit à la Kulis forcieren, aber ein Mitarbeiter brachte bei meiner ersten Teamsitzung das Thema Kunst ins Spiel", erzählt sie dem "Wiener Journal" von den Anfängen der Kultur-Plattform "art:werd".

Blick in die Künstlerstudios von art:werd, Jugend am Werk. 
- © Andrea Borgonovo

Blick in die Künstlerstudios von art:werd, Jugend am Werk.

- © Andrea Borgonovo

Nach intensiven Recherchen war ihre Begeisterung entfacht und mit der räumlichen Erweiterung entstanden nicht nur die Ateliers und ein Tagescafé, sondern auch ein Präsentationsraum. "Von 82 Kunden arbeiten zwölf konzentriert an ihren Werken", beschreibt sie den Tagesablauf und legt dar, dass mit der Unterstützung professioneller Betreuerinnen und Betreuer ein konsequent-künstlerischer Zugang gewährleistet ist. "Unser Angebot stellt aber absolut keine erweiterte Schiene irgendwelcher Kunsttherapien dar", klärt sie auf: "Es geht nicht darum, dass durch Malen nach Zahlen oder Skulpturen modellieren Krankheitsbilder geheilt oder zumindest weitgehend unterdrückt werden können."

Für Kuntner ist Transparenz von erheblicher Bedeutung für den Abbau von Hemmschwellen – sei es durch das Galerie-Café, den kleinen Shop oder das Sommerfest. "Es wäre falsch, das kontroverse und vielen Menschen fremde Thema ‚Outsider Art‘ zu lancieren, nur um sich dann abgeschlossen und elitär zu präsentieren. Wir müssen unbedingt sicht-, greif- und erlebbar sein!"

Apropos Shop: Werden Kunstwerke verkauft?

Die Frage nach dem Verkauf offenbart die Achillesferse und den Widerspruch des österreichischen Systems, wenn betreute Künstlerinnen und Künstler auf dem Kunstmarkt platziert werden. "Unsere Kunden dürfen nicht mehr als 130 Euro pro Monat dazuverdienen. Davon wird schon das Taschengeld zwischen 28 und 70 Euro abgezogen. Die Arbeiten kosten im Durchschnitt 80 Euro und 30 Prozent bleiben bei der Institution", schlüsselt sie die finanziellen Verpflichtungen und die ungeheuer geringen Verdienstmöglichkeiten auf. "Es ist einigermaßen frustrierend und die Politik muss hier unbedingt eine Lösung finden!", fordert Kuntner: "Denn die Summen verunmöglichen eine ernsthafte Präsenz im Kunstmarkt."

Der Forderung kann die Klagenfurter Galeristin Lena Freimüller nur zustimmen: "Wenn ich mit ‚Outsider Artists‘ arbeite, entsteht mir ein wirtschaftlicher Nachteil. Es sitzt de facto eine Partei mehr im Boot. Seien es nun Angehörige oder Institutionen. Das macht es organisatorisch und abrechnungstechnisch aufwendig", teilt die Galeristin, die sich seit mehr als 18 Jahren mit Außenseiter-Kunst beschäftigt, ihre Erfahrungen. "Auf meiner Künstlerliste waren immer 20 Prozent Künstler mit Beeinträchtigungen."

Freimüller, die klinische Psychologie studiert und sich mit Stigmataforschung beschäftigt hat, ist eine der wenigen Galeristinnen, die seit langem Kunstpositionen gegenüberstellt. Jedoch ohne gegenüber Sammlern die gesundheitliche Beeinträchtigung hervorzuheben. "Ich erzähle ja sonst auch nicht, der ist schwul, transgender oder farbig. Das ist nicht von Interesse. Das Werk muss Bestand haben. Wenn dem so ist, erfährt man es in einem vertiefenden Gespräch sowieso", erklärt sie ihren Vermittlungsansatz.

Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung möchte sie darauf hinweisen, dass es auch in dieser Kategorie eine "erste und zweite Liga" gibt: "Man muss vermeiden, bei jedem Künstler in Jubelstürme auszubrechen, nur weil es sich um einen ‚Outsider Artist‘ handelt – positive Diskriminierung hilft niemanden", fügt sie bestimmt im Gespräch mit dem "Wiener Journal" hinzu.

Welchen Stellenwert besetzt "Outsider Art" am Kunstmarkt?

Die Bilder kamen per Post. Nachdem eine Sammlerin im Frühjahr 2019 das Werk von Vera Girivi im Netz entdeckt hat, fragte sie direkt bei der Künstlerin um zwei Arbeiten an. Die war dermaßen erfreut, dass sie die beiden Werke sofort postalisch zusandte. Kostenpunkt: 174 Euro pro Werk. Im Oktober desselben Jahres, bei der Outsider Art Fair in Paris, wurden die Werke Girivis am Stand der Galerie James Barron mit 3.500 bis 4.000 Euro ausgepreist.

Selbst wenn die Summen im internationalen Vergleich moderat sind, die prozentuelle Steigerung ist enorm. "Die Preise bei ‚Outsider Art‘ haben in den letzten Jahren dermaßen angezogen, dass ich sie mir fast nicht mehr leisten kann", konstatiert die renommierte Sammlerin Hannah Rieger. Rieger sammelt seit 1991 nicht nur, sondern sie sitzt auch in Jurys für Kunstpreise und kuratiert Ausstellungen wie jene im Kunstforum Bank Austria ("Flying High").

Künstler und Galerist Andrea Borgonovo mit einem Wolf von WolfGeorg. 
- © Christof Habres

Künstler und Galerist Andrea Borgonovo mit einem Wolf von WolfGeorg.

- © Christof Habres

Auf der einen Seite des Marktes stehen rasante Preissteigerungen. Auf der anderen Seite steht die kleine Produzentengalerie Ateliermultimedia von Andrea Borgonovo. Hier lehnen beim Besuch Bilder an der Wand, Papierarbeiten und Mini-Skulpturen liegen auf einem Tisch. Borgonovo baut gerade um und bereitet die Gruppenausstellung "Die Wege der Kunst" vor.

Der Künstler, der an der "Academia Belle Arti" in Como studiert hat, betreibt seit fünf Jahren die Galerie, die beide Künstler-Kategorien gleichberechtigt präsentiert. "Mir geht es um das Pure in der Kunst", schildert er seine Faszination. Eine Faszination, bei der Kritik an den Auswüchsen der zeitgenössischen Kunstszene mitschwingt. "‚Outsider Art‘ ist unabhängig von Moden, Trends, Stilen – frei von Überintellektualisierung, die nur durch geschicktes Storytelling verstanden werden kann – Geld zu machen ist hier nebensächlich."

Er kennt das Umfeld aus der Praxis, denn seit 2011 arbeitet er als Betreuer für Menschen mit Behinderung in unterschiedlichen Werkstätten und hat auch Künstlerateliers aufgebaut. Mit oft kraftraubender Überzeugungsarbeit gegenüber Mitarbeitern wie Eltern.

"Gerade bei Klienten, die aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus kamen, war viel Überzeugungsarbeit zu leisten", erzählt er von seinen Erfahrungen. "Wenn Erziehungsberechtigte eine tradierte Kunstauffassung – Stichwort: Hochkultur – vertreten, lehnen sie die Naivität und Rohheit in den Arbeiten ihrer Angehörigen zuerst einmal ab." Aber konsequente Vermittlungsarbeit, Dokumentation der "Fortschritte" und erste Ausstellungen haben alle Skepsis verfliegen lassen.

Hält er einen weltweiten Hype bei der Kunstkategorie für möglich?

Andrea Borgonovo formuliert es pointiert wie etwas niedergeschlagen: "Die Hauptdarsteller des Kunstmarktes, wie Auktionshäuser, Galerien und Sammler, hofieren lieber gehypte Proponenten der zeitgenössischen Kunst, deren Arbeiten oft von mediokrer Qualität sind und sich etwa in Schielenachahmungen erschöpfen. Sie pushen die Werke zu abstrusen Verkaufspreisen und schnuckelige Künstler werden plötzlich zu Kreativdirektoren von Luxusmodehäusern wie Louis Vuitton oder Dior. In diesem Red-Carpet-Szenario finden Außenseiter mit gesundheitlichen Vorbedingungen keinen Platz!" Womit wir wieder beim anfänglichen Resümee gelandet sind.