Schon die Kunst der 1960er und 1970er Jahre war in Europa stark politisch ausgerichtet, Kapitalismuskritik und Feminismus brachten soziologische Schwerpunkte, dazu veränderte die Philosophie des Strukturalismus die künstlerische Praxis. Das wird heute, mit neuen Aspekten und Aufarbeitung schmerzlicher Erfahrungen verknüpft, rezipiert und natürlich spielt das dramatische Fortschreiten des Klimawandels eine Hauptrolle. Derzeit sind zu all dem einige Ausstellungen in Wien zu sehen, auf die hier hingewiesen wird.

Dominique Gonzales-Foerster

Im Hauptraum der Secession lässt die in Paris lebende Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster alle ihr wichtigen Persönlichkeiten aus mehr als einem Jahrhundert auf einer halbkreisförmigen Panoramawand wie in einem erträumten Protestaufmarsch zusammentreffen. Sie mischt sich in verschiedenen Rollen mit ins Geschehen. Die große Collage besteht aus Farb- und Schwarzweißfotos, Comiczeichnungen, Transparenten, Aliens und Tieren in einer Vulkanlandschaft. Die glühende Lava wirkt nicht gefährlich, sondern ein wenig märchenhaft und mit fliegenden Kolibris und anderer Tierbegleitung fast kitschig wie ein alter Hollywoodfilm. Die Kunstgeschichte wird angerufen mit Diego Rivera und Frida Kahlo, die dereinst den flüchtigen Leo Trotzki vor den Verfolgern Josef Stalins retten wollten. Riveras Wandbild "Sueño de una tarde dominical en la Alameda Central" von 1946/47 schickt uns auch "La Revoltosa" in bunter Tracht und Frisur als Vertreterin Altmexikos.

Die Frau im Bild

Die Corona-Pandemie hat es verhindert, dass Gonzales-Foerster geplante Performances machen konnte, und so tritt sie ziemlich gut getarnt in der Fotocollage als Bob Dylan, Franz Kafka, Sarah Bernhardt oder als Klaus Kinsky in seiner Paraderolle als Fitzcarraldo in dieser Menschenmenge auf. Transgendern fällt ihr nicht schwer, auch wenn sie sich vor allem in der Rolle der drei Gorgonen Gustav Klimts nackt einbringt, denn deren Nacktheit und bedrohlich kantige Körperlichkeit war 1902 ein Skandal in der Secession. Die "bösen" Frauen mit Schlangen spiegelten neben dem Gorillamonster die Verfasstheit der männlich dominierten Wiener Gesellschaft um 1900 wider. Somit ist es auch eine Referenz an das damals medial bekämpfte radikal moderne Ausstellungshaus Secession.

Gonzales-Foerster macht Klimts Gorillamischwesen Typhoeus aus dem Beethovenfries 1902 zum zentralen Rednerpult. An ihm spricht der verstorbene Transgenderaktivist Leslie Feinberg und daneben steht einer der heute meistdiskutierten Wissenschafter aus Südafrika: Achille Mbembe. Seine Bücher, "Kritik der schwarzen Vernunft" oder "Ausgang aus der langen Nacht", sprechen von versäumten Möglichkeiten der Entkolonialisierung Afrikas und Fehlern auf allen Seiten. Sie haben nahezu kultischen Status wie davor die Schriften Giorgio Agambens, der einen verwandelten Künstlertypus ins Gespräch brachte.

Kämpfer für eine gerechtere Welt

In dem panoramatischen Protestaufmarsch werden Mbembes Fächer Geschichte, Politik und Philosophie nicht wissenschaftstheoretisch abgehandelt, sondern in einer Neuauflage des von Peter Blake 1967 für die Beatles künstlerisch gestalteten Plattencovers "Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band"; Pop-Art vom Feinsten wurde zum nachgeahmten Kultbild der neuen Kitsch-Kunst. Walter Grasskamp hat dieser "Momentaufnahme der Popkultur" mit Vorgeschichte ab Raffael und anhaltendem Nachleben 2004 sein Buch "Das Cover von Sgt. Pepper" gewidmet. Jetzt müsste er es verlängern um Gonzales-Foersters festliche Inszenierung vom Zusammentreffen ungleichzeitiger Kämpfer für eine gerechtere Welt.

Auch wenn die bereits Verstorbenen oft in bekannten Schwarzweißfotos unter dem Vulkan auftreten wie Andy Warhol oder Tänzerin Isadora Duncan, und die Zeitgenossen in Farbe, sind Rollentausch und Wirklichkeit vermischt, hohe Aufmerksamkeit und Neugier steuert die Betrachtung über lustvollen Wiedererkennungseffekt. Greta Thunberg trifft Rosa Luxemburg, Louise Bourgeois Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl, Romy Schneider und Helmut Berger kehren als Kaiserin Sisi und Ludwig II. von Bayern aus Luchino Viscontis Filmen zurück. Die Künstlerin verwandelt sich auch in Bob Dylan, Arthur Rimbaud oder Marlene Dietrich.

Ho Rui An

In der Kunsthalle am Karlsplatz zeigt uns ein junger Künstler aus Singapur, Ho Rui An, aus neuem Blickwinkel die komplexen Verstrickungen von "Osten" und "Westen" mit der Ausstellung "The Ends of a Long Boom". Der in alle Regionen der Erde heimtückisch und zerstörerisch vorgedrungene Neoliberalismus wird mittels Videos, Fotos, Essays auf am Boden liegenden Schrifttafeln polyphon verhandelt. Da selbst Zeit- und Geschichtsempfinden von Europa und Amerika aus dem Osten diktiert wurde und das noch 1997 vor der "Asienkrise" propagierte anhaltende Wirtschaftswachstum in die heutige katastrophale Situation mündete, bleiben wir ratlos.

Ho Rui An: "Asia the Unmiraculous", 2018–2021. 
- © Yasuhiro Tani, Courtesy Yamaguchi Center for Arts and Media

Ho Rui An: "Asia the Unmiraculous", 2018–2021.

- © Yasuhiro Tani, Courtesy Yamaguchi Center for Arts and Media

Bei aller Reduktion künstlerischer Üppigkeit – ein klarer Gegensatz zur Kulinarik von Gonzales-Foerster in der Secession – sind in eine Art Mahnung auch Momente der Ironie eingestreut, unsichtbar schwebende Hände, Zeitungen von Hollywood-Filmproduktionen, Karikaturen, die Rassismus und normative Blickwinkel auflösen. Im neuen chinesischen Hochgeschwindigkeitszug kann sich eine Euromünze senkrecht stehend halten: Vorgegaukelte Stabilität als Illusion und politische Propaganda weist im Video-Loop minimalistisch auf eine nötige globale Neuorientierung hin.

Lois Weinberger

Nach Postkolonialismus, Geschlechterdebatte und Kritik am postsozialistischen Kapitalismus sowie rassistischen Vorurteilen folgen Grundfragen der komplexen Beziehung zwischen Kunst und Natur, Mensch und Umwelt. Die Personale des 2020 in Wien verstorbenen Lois Weinberger im Belvedere 21, noch von ihm mit seiner Frau Franziska und Kurator Severin Dünser konzipiert, bietet seine poetische Sicht auf "Basics", sieben aus Holzstücken in Erde geformten Golems. Prometheus' Schöpfung zeigt sich unvollendet. Komplexe Beziehungen zu Politik und Philosophie, Religion und Kult stecken selbst in einem kahlen Busch, bestückt mit Schuhsohlen.

Lois Weinberger: Basics – die Idee einer Ausdehnung, 2018. 
- © ohannes Stoll / Belvedere, Wien, Courtesy: Studio Lois Weinberger und Galerie Krinzinger Wien

Lois Weinberger: Basics – die Idee einer Ausdehnung, 2018.

- © ohannes Stoll / Belvedere, Wien, Courtesy: Studio Lois Weinberger und Galerie Krinzinger Wien

Auch im Dom Museum Wien ist Weinberger in der Ausstellung "Fragile Schöpfung" mit besonderen Fotoarbeiten vertreten, sein Text zur Dokumentation einer Baumpflanzung "Ich stehe dem Geschehen welches allgemein als Natur bezeichnet wird bei" verrät die subtilen Denkweisen und seine Methode, frühere Konzeptkunst, Land Art, den gewandelten Umgang mit Objekten, Film und erweiterte Kunsträumen zu verbinden. Erde wird zum Kind, das am Arm getragen wird, pannonische Gräser zur Zopffrisur.

Niemand kann mit so kleinen Eingriffen und Gesten dem Begriff "Pathosformel" Aby Warburgs näherkommen. Keiner kann schönere Gärten aus Unkraut auf Brachen gestalten, Metallkäfige zu Orten der Befreiung wandeln, Laubreisen entfachen, Steine mit Federn bestückt zum Fliegen bringen, das trojanische Pferd in die Knie zwingen. Dazu seine "Herbstgedichte" und andere Texte zu lesen, hilft, in seinen vielschichtigen Kosmos einzudringen.

An einem Tisch sind die Anregungen für seine Werke durch bekannte Dichter und Theoretiker zu finden, transdisziplinär sind fast alle, von den strukturalistischen Philosophen und Emile M. Cioran über Ethnologen wie Hans Peter Duerr, Biologen wie Rupert Riedl bis zu Sprachkünstlern wie Vergil, Laurence Sterne oder Peter Handke. Weinberger tritt uns als "Green-Man" auf einer Fotografie von 2004 entgegen, seine Gesichtsfarbe ist grasgrün eingefärbt, er trägt eine Brille und unter seine Nase hat er sich eine zur Sichelmondform geschliffene Muschel geklemmt, gefundenes Strandgut. Den Green-Man gibt es wahrscheinlich von Altpersien über die Römer, das christliche Byzanz, die Kelten als Bild des Natur- oder Waldmenschen, der zur Pflanze hin eine Metamorphose vollzieht. Wie dieses Wesen Kulturen übergreifend auftritt, ist es ein Alter ego und Pars pro toto von Weinbergers Kunst. Dazu ein vielinterpretiertes Selbstbildnis, dabei auch männliches Pendant der Mondgöttin Luna, die das Mondsymbol am Kopf trägt, dessen traurige Umkehr mit den Spitzen Richtung Boden vor 17 Jahren auch Ausdruck seiner Psyche nach der Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit ist.

Teil der angeblichen Gegensätze

Die Gegensätze zwischen Natur und Kultur aufzulösen, gelang Weinberger, weil er sich nicht über, sondern als Teil der angeblichen Gegensätze empfand und darstellte. Im früheren Skulpturengarten hängt ein "Hochhaus für Vögel" und stehen seine besonders von Pflanzen-Migranten benützten Säcke "Portable Garden", im Innenraum des Museums wachsen grün eingefärbte Baumschwämme als "Invasion" eine Wand empor. So wie im Orient Frauen kleine Stoff- und Plastikfetzen an Bäume hängen, im (Aber-)Glauben die eigene Fruchtbarkeit zu befördern, hängt Weinberger diese an Stacheldrahtfragmente, um Grenzüberschreitung anzuregen, denn immer geht es um anarchische Befreiung von alten Vorurteilen.

Sich verzweigende Rhizome (nach Deleuze und Guattari), oft mit Buntstift oder Aquarell gestaltet, sollen unsere Wissenssysteme richtiger aufzeigen als Verzweigungen einer Baumkrone. Die Eselsdistel triumphiert über die edle Rose, ein Holzfundstück mit Maske wirkt mehr als Hirsch, heißt aber "Bischof". Weinberger ist als Kind nahe dem Kloster Stams im kleinbäuerlichen Umfeld aufgewachsen. Die Dachbodenfunde und Ausgrabungen um sein Elternhaus "Debris Field" verpflanzte er in Vitrinen und Schachteln und ergänzte sie mit Sprache und Bildern auf der 14. documenta in Athen.

Vom Wind zugewehte Ruderale (Unkraut), die keine Bewässerung benötigen, um zu blühen und zu wachsen, an den Peripherien der Städte auffindbare eingewanderte Neophyten, stehen für den auf der Flucht befindlichen, immer "fremden" Menschen. Als Kunstwerk hat sie der Künstler zur 10. documenta auf eine aufgelassene Bahnstrecke in Kassel aus seiner Samenbanksammlung ausgepflanzt, in Japan und auf dem Wiener Rathaus bilden sie Dachgärten, die keine menschliche Pflege benötigen, um lange zu existieren, ständig in Veränderung durch die jahreszeitlichen Wetter: Die Kunst spricht über das anthropozentrische Weltbild im Stadium seines Verfalls.