Angeschaut hab ich mir die Arbeiten eh sehr genau (Betonung auf "angeschaut"), aber ob ich sie auch gesehen habe? Sie anzugreifen hab ich mich nämlich nicht getraut. Mich anzukuscheln, hineinzuwühlen, die Dinger zu zwicken. Weil eine Galerie kein Streichelzoo ist.

Wo ich gewesen bin? In der Galerie nächst St. Stephan. Oder nicht direkt dort. Nicht in der Grünangergasse. Doch gleich daneben. In der neuen Filiale in der Domgasse. Die derzeit von Sheila Hicks mit ihren "Cosmic Vibrations" bespielt wird. Kosmisch? Nicht, dass die Materialien, mit denen die 1934 in Nebraska geborene Künstlerin geschickt hantiert, außerirdisch wären. Im Gegenteil. Sie könnten irdischer nicht sein. Sind geradezu banal. Womöglich die vertrautesten überhaupt. Schließlich begleiten sie einen durchs ganze Leben: Natur- und Kunstfasern. Und Wolle ist sowieso universell und multikulturell. Was die US-Amerikanerin (bereits seit 1964 lebt sie in Paris) nun mit feinem Gespür für Farbe und Textur daraus macht, spricht ungeniert den Tastsinn an.

Den Wald vor lauter Wolle nicht sehen

Man schaut bekanntlich mit den Augen, sehen tut man allerdings – nur mit dem Herzen gut? Nein, mit den Fingern. Manchmal zumindest. Man benötigt jedenfalls viel Selbstbeherrschung, um diese zwei zotteligen Wandteppiche nicht zu berühren (oder wartet einfach auf einen unbeobachteten Moment). Das eine Exemplar heißt sogar einladend "Entrance to the Forest". Eingang in den Wald. Eingang! Das ist praktisch eine Aufforderung, jede Faser der Wolle ruft: "Herein!", während aus einer Art Torbogen der üppige Flor wuchert, die flauschige Fülle in traditioneller Webtechnik. Ein Tor in eine andere Welt, die man vielleicht nicht betreten kann, dafür umso mehr begreifen (theoretisch). Bzw. führt die Tür ins Hier und Jetzt. Zum sinnlichen Erlebnis des Augenblicks.

Sheila Hicks macht einen romantischen Spaziergang: Der Dschungel rankt sich um einen Lichtstrahl ("Deep on a Hidden Forest Walk") und der Mond zeigt uns seine Sonnenseite. 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Sheila Hicks macht einen romantischen Spaziergang: Der Dschungel rankt sich um einen Lichtstrahl ("Deep on a Hidden Forest Walk") und der Mond zeigt uns seine Sonnenseite.

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Wobei: Wenn das jeder täte. Hingrapschen. Die Teppiche sind immerhin 50 Jahre alt. Ein halbes Jahrhundert. Andererseits: Wann, wenn nicht jetzt? Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit haben sich die Leute die Hände so oft gewaschen und desinfiziert wie in dieser Pandemie. Die übrigen Exponate sind freilich ohnedies neuere und neueste Werke. Hängen gesittet an den Wänden wie klassische Tafelbilder oder lässig von der Neonröhre als textile und tak-tile Dschungel-Installation.

Wenn das gleiche Blau nicht dasselbe ist

Studiert hat Hicks, die sich fortwährend anderen Kulturen, Ländern und Kontinenten ausgesetzt hat (Afrika, Indien, Japan, China, Mexiko . . .), ja ursprünglich Malerei. In Yale. Bei keinem Geringeren als Josef Albers, dem "Lord of the Squares", dem Herrn des Eckigen, Vier-Eckigen, in das nichts Rundes hineinmusste. Legendär seine "Hommagen ans Quadrat", seine Studien zur kontextabhängigen Farbwahrnehmung, und dabei war seine Laborratte halt das Quadrat (das, wie man weiß, keine Beinchen hat und nicht einmal versuchen kann davonlaufen). Zufall oder nicht: Die Holzplatten, die seine Schülerin präzise und dicht mit Leinengarn umwickelt, um mit den gefärbten Fäden regelrecht zu malen (statt "Öl oder Acryl auf Leinwand" ist ihre Technik "Leinen auf Holz"), die haben ebenfalls allesamt quadratisches Format.

Mit Leinengarn kann man sogar malen: "Opuscule" (2020) von Sheila Hicks. 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Mit Leinengarn kann man sogar malen: "Opuscule" (2020) von Sheila Hicks.

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

In den rhythmisch gestreiften oder monochromen Echos der Farbfeldmalerei, Konkreten Kunst, Minimal Art, und in den nuancenreichen Farbdialogen scheinen dieselben Fragen gestellt und beantwortet zu werden wie in den Bildern eines Barnett Newman, Mark Rothko oder Ad Reinhardt. Das Diptychon: Beide Teile haben zwar das gleiche Blau, aber nicht dasselbe. Das linke ist . . . links und das rechte rechts? So ähnlich. Jedes hat eine andere Richtung. Ersteres ist senkrecht gewickelt, Zweiteres waagrecht gewickelt, und dieser minimale Unterschied bringt eine diskrete Spannung rein, wenn sich beide miteinander und mit dem Licht unterhalten. "Blue Vertical" und "Blue Horizontal" müssen nicht unbedingt die Blicke einsaugen wie Yves Kleins patentiertes "International Klein Blue" (dieses Ultramarinblau ohne Saugkraftverlust), ihre Sogwirkung funktioniert mittels gekonntem Understatement.

Die Nächstenliebe schaut ja aus wie Zuckerwatte

Der Faden, die eindimensionale Linie, konzentriert sich zur Fläche oder gleich zur Skulptur, befreit sich aus der disziplinierten, schnörkellosen Geometrie und wächst organisch mit der dritten Dimension zusammen. Das aufgespießte sympathische wolkige Klümpchen im Fenster erinnert ein bissl an Zuckerwatte. Oder soll das ein Bäumchen sein? Ein Bonsai? Laut Titel handelt es sich jedoch um was Abstrakteres: "Neighbourly Affection." Nachbarschaftliche Zuneigung. Nächstenliebe am Stiel?

Weiches Rätsel am Stiel: Sheila Hicks' "Neighbourly Affection" (2021). 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Weiches Rätsel am Stiel: Sheila Hicks' "Neighbourly Affection" (2021).

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Einfühlsam geht die Künstlerin auf die Architektur ein, reagiert auf sie. Lässt Textil-Schlangen zu Lianen mutieren und botanisch von der Neonröhre baumeln. (Oder machen umgekehrt die Schlingpflanzen eine Metamorphose zur Schlange durch?) "Ich habe sie eingeladen, ungezogen zu sein", sagt Hicks in einem Zoom-Gespräch mit Kuratorin Julia Garimorth vom Musée d’Art Moderne de Paris über ihre antiautoritär erzogenen Gewächse ("Die müssen nicht bauhausstreng sein."), die sich um diesen künstlichen Lichtstrahl ranken, sich an ihn klammern, der sich wiederum schnurgerade durch den kompletten Raum zieht. ("Deep on a Hidden Forest Walk", 2015 – 2018.) Wie essenziell das Licht für ihre Kunst ist, hätte sie nicht besser demonstrieren können. Oder romantischer.

Der Mond sonnt sich am Nachthimmel

Sogar ein Vollmond ist vorhanden. Ein kreisrundes Materialbild mit pittoresken gelben Einsprengseln zeigt die "Sunny Side of the Moon". Es stimmt trotzdem nicht, dass es auf der dunklen Seite des Mondes permanent finster wäre, ständig Nacht. Die Rückseite des Himmelskörpers ist lediglich unsichtbar. (Von der Erde aus.)

Eine Schau, die wärmt. Und durchaus geeignet, um ein etwaiges schulisches Handarbeitstrauma zu bewältigen, den Horror mit missgebildeten Socken, Hauben und Zombie-Pullovern. Die Arbeiten von Sheila Hicks haben also zum Glück keine Ärmel. (Zombie-Pullover? Ja, das ist ein selbstgestrickter Pullover, den man aufgetrennt hat, weil man keine neue Wolle gekriegt hat, und den man mit der untoten Wolle noch einmal strickt.)