Ist das noch eine Galerie oder bereits selber Kunst? Kunst. Eindeutig. Und möglicherweise ist mir hinter meiner FFP2-Maske sogar ein "Wow" entfleucht. Der Anton Henning ("Moderne, Postmoderne und Metamoderne waren gestern. Jetzt komm ich!") hat aus der Galerie Hilger nämlich eine eindrucksvolle "Vienna Suite No. 1" gemacht.

Sobald man über die Schwelle tritt, fühlt man sich jedenfalls ein bissl wie Judy Garland als kleine Dorothy in "Der Zauberer von Oz". Als wäre man plötzlich aus dem eintönigen Alltag, einem Schwarz-Weiß-Film, ins farbenprächtige Technicolor-Land Oz entrückt worden. (Die Szenen auf der Farm in Kansas wurden ja damals "monochrom" gedreht, unbunt.) Nur dass einen eben kein Wirbelsturm dorthin verblasen hat, sondern man wahrscheinlich mit der U-Bahn gefahren ist und das letzte Stückl zu Fuß zurücklegen hat müssen. Und keine böse Hexe des Westens macht einem mit ihrer fliegenden Affen-Armee Stress und will einem unentwegt die Schuhe klauen. Nicht, dass Wien nicht in Farbe wäre, aber zwischen den Farben ist halt verdammt viel Grau.

Und deshalb ist Fidel Castro kein Kubist

White Cube (und das ist nicht Neudeutsch für "Zuckerwürfel", damit ist der neutrale, weiße Ausstellungsraum gemeint, in dem nichts von den eigentlichen Werken ablenken soll) ist das also definitiv keiner. Vielmehr sind die Räumlichkeiten in der Dorothygasse, hoppala: Dorotheergasse, ein künstlerisch durchgestaltetes "Interieur", wo Malerei, Skulptur, Architektur und Licht stimmig verschmelzen. Zu einem sinnlichen Gesamtkunstwerk, einem "Erlebnis". Ein begehbares Gemälde sozusagen. Bzw. ist es außerdem besitzbar. Es gibt schließlich auch ein Sofa. Eines für zwei, bei dem sich Gelb, Violett, Rot, Hellblau und Schaumstoff zur kuscheligen Gemütlichkeit vereinen, in der man bequem versinkt. (Keine Sorge: Spätestens um 18 Uhr – oder am Samstag um 16 Uhr – taucht man zwangsläufig wieder auf. Wenn die Galerie zumacht und man hinauskomplimentiert wird, erneut raus muss ins Alltagsgrau.)

Wände sind einfach die besseren Bilderrahmen. Und die Malerei endet beim Anton Henning sowieso nicht dort, wo die Leinwand aufhört. 
- © KATHARINASTOEGMUELLER, Anton Henning/VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Wände sind einfach die besseren Bilderrahmen. Und die Malerei endet beim Anton Henning sowieso nicht dort, wo die Leinwand aufhört.

- © KATHARINASTOEGMUELLER, Anton Henning/VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Überall um einen herum bunte Wände, von denen die Ölbilder imposant gerahmt werden und auf denen diese regelrecht nachhallen. Irgendwas an denen, an den Bildern, kommt einem freilich merkwürdig vertraut vor. Genau: der Stil. Oder die Stil-e. Plural. Kubismus (bekanntlich nicht die Form des Sozialismus auf Kuba, weshalb als die Hauptvertreter dieser Stilrichtung nicht Fidel Castro und Che Guevara gelten, sondern Pablo Picasso, George Braque und Juan Gris), ein wenig Fauvismus, Surrealismus und geometrische Abstraktion.

Der Autodidakt fährt einen Hybridstil

Der 1964 in Berlin geborene Deutsche, der quasi auf Spanisch und Französisch pinselt, greift schamlos bei der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu, adoptiert offenbar Picasso, Matisse und ein paar andere als seine Väter und transformiert die klassische Moderne in seinen eigenwilligen, durchaus witzigen Hybridstil. In einen verspielten Anachronismus, eine Avantgarde im Vintage-Look. Moment. Sind Ismenmix und das Sampeln nicht Merkmale der Postmoderne? Die leidet doch an einer "Zitatitis", oder? Am chronischen Zitieren. Ein postmoderner Salon demnach?

Laut Eigendefinition ist Henning "ein verträumter Realist, intuitiver Konzeptualist und hoffnungslos ironischer Romantiker". Sind das nicht lauter Paradoxa? Widersprüche in sich? Ja, eh. "Autodidakt" ist er obendrein. Noch dazu einer, der malt, als wäre er nicht lediglich einer. Und was ist drauf auf seinen Leinwänden? Ach, thematisch bedient er sich völlig unspektakulär der traditionellen Gattungen: Akt (wobei er seine Akte anscheinend "Pin-ups" nennt), Porträt, Stillleben, Landschaft, Interieur. Pur oder in diversen Mischungsverhältnissen. Interieur mit Stillleben, Pin-up mit Früchten, Landschaft mit Pin-up (oder eher umgekehrt: Pin-up mit Landschaft). Und an den knalligen Wänden der gemalten Interieurs sind sowieso Bilder der unterschiedlichsten Genres montiert.

Eine Lampe macht Stimmung. Links: Porträt von Anton Henning (von ihm gemalt, nicht ihn darstellend - schließlich hat er keine Brüste, oder?). 
- © KATHARINASTOEGMUELLER, Anton Henning/VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Eine Lampe macht Stimmung. Links: Porträt von Anton Henning (von ihm gemalt, nicht ihn darstellend - schließlich hat er keine Brüste, oder?).

- © KATHARINASTOEGMUELLER, Anton Henning/VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Abstraktes und Figuratives treiben’s ungeniert miteinander, Leiber lösen sich lustvoll in totale Kreativität auf, ins fantastisch Organische. Die Farbe selbst wird in ihrer Körperlichkeit spürbar. E-rotisch sind die Akte, Tschuldigung: Pin-ups, dabei zwar nicht unbedingt, allerdings sehr . . . rosa-rotisch. Okay, Brüste hängen meistens ebenfalls irgendwo dran.

Die Kunst vor lauter Ausstellung nicht sehen

Was haben übrigens Schmorgurken und Johann Sebastian Bach gemeinsam? Hm. Beide sind keine Salatgurken? Falsch. Oder selbstverständlich richtig. Beide sind keine Salatgurken. Noch richtiger ist indessen, dass ein gewisser Anton Henning sowohl auf Schmorgurken als auch auf Bach steht. Und weiters liebt er "Wagner, Whisky, Jazzpiano, Äpfel und Zigarren . . ." ("Am meisten aber gute Malerei.") Äpfel könnte ich tatsächlich gesichtet haben. In einem Stillleben. Whiskygläser, Klaviere und Zigarren dagegen nicht. Oder Schmorgurken. Geschweige denn Bach oder Wagner. Andererseits legen sich die Porträts nicht auf bestimmte Personen fest.

Bei der aufwändigen Inszenierung kann es natürlich passieren, dass man vielleicht die Kunst vor lauter Ausstellung nimmer sieht. Oder die Malerei vor lauter Farben. Genauer hinzuschauen lohnt sich trotzdem. Sonst kriegt man womöglich den Humor nicht mit. Und das raffinierte Spiel mit den Realitäten. Etwa wenn der Künstler einem Tafelbild Beine macht. Tisch-Beine. Oder weniger macht als malt. Immerhin ist das in eine Tischplatte umfunktionierte Gemälde, dessen Motiv sich nachher von der Fläche löst, um in den Raum hineinzuwachsen (in den Illusionsraum), selber nur gemalt, nämlich auf einen ebenso gemalten Teppich, und nicht "echt". (Kompliziert.) Oder eine überhaupt weiße Leinwand, perspektivisch korrekt verzerrt wiedergegeben, wird in einem wiederum gemalten Innenraum zur Ablage für eine Vase und Obst.

Ein andermal haucht Henning einem strengen Streifen-Opus Leben ein. Nein, nicht indem er eine Mund-zu-Kunst-Beatmung durchführt. Er zieht kurzerhand zwei Linien nicht mit dem Lineal und modelliert sie zu Schatten werfenden Schnüren.

Am Hintern hat man keine Augen, aber es schön warm

Problemkunst ist seine Sache nicht. "Doktrinäre Rechthaberei" findet er langweilig ("und kontraproduktiv"). Die Blumenstillleben erzählen nicht einmal von der Vanitas, vom Verwelken, von der Vergänglichkeit. Ihre Farben blühen unverwüstlich heiter vor sich hin.

Er existiert also doch, der blaue Humor. Hier hat er sich offenbar als Surfbrett materialisiert. (Witziges Opus von Anton Henning.) 
- © KATHARINASTOEGMUELLER, Anton Henning/VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Er existiert also doch, der blaue Humor. Hier hat er sich offenbar als Surfbrett materialisiert. (Witziges Opus von Anton Henning.)

- © KATHARINASTOEGMUELLER, Anton Henning/VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Ja, das eine "Porträt" mag eine ziemliche Horrorfratze sein, die Sicht auf diese wird jedoch ohnehin von einer unmittelbar davor platzierten Bronze eingeschränkt. Ist die nicht erst recht unheimlich? Eine gequälte knorrige Masse mit leeren Augenhöhlen? Ein gekneteter Albtraum? Schon. Dafür mit lebensbejahenden phallischen Fortsätzen. Mindestens so viel Eros wie Thanatos. Gut, der zweite Bronzekopf ähnelt frappant einem Totenschädel. Der starrt einen an wie ein Bildnis des Todes höchstpersönlich.

Wurscht. Die lustigen Stehlampen (oder Lichtskulpturen?), die sich mit ihren aufcollagierten Mustern, Comicszenen ("Die Simpsons") und Botschaften ("glücklich", "wenigstens") perfekt in diese vergnügliche Sampling-Welt integrieren, strahlen etwaige düstere Gedanken eh sofort wieder weg.

He, ist das da auf der Leuchtvitrine (mit Zeichnungen von geschlechtlichen Handlungen und Nackerten und mit Schlagzeilen aus der Zeitung wie: "Tötete sie Mutterliebe?") "weiches Glas"? (Wenn man die transparente, farblose Schicht antippt, sinkt der Finger auf jeden Fall ein.) I wo. Das ist eine Gelmatte. Und das Ganze ein Schaukasten zum Draufsetzen. Obwohl man "hinten" keine Augen hat. Oder ist gerade das der Gag? Und was hat es mit dem blauen Surfbrett auf sich, das hoch oben auf einem Turm aus drei Sockeln gestrandet ist wie die Arche Noah auf dem Berg Ararat? Ein dadaistischer Scherz? Blauer Humor? Oder schlicht ein Readymade? Eine Ausstellung, die einfach fröhlich macht. Und den Hintern wärmt.