Ordnung ist das, was übrigbleibt, wenn man den Rest entsorgt hat. Gut, der Kurt Tucholsky hat das etwas eleganter formuliert: "Die Seele jeder Ordnung ist ein großer Papierkorb." Was ist andererseits mit dem kreativen Chaos? Immerhin soll das die Muse der schöpferisch Tätigen sein. Und macht ein bissl Chaos das genaue Gegenteil (Betonung auf "genau" im Sinne von "akkurat") nicht erst spannend? Und originell?

"Ordnung : Unordnung" – die mutmaßlichen (oder eher vermeintlichen) Erzfeinde stellen grad gemeinsam in der zs art galerie aus. Bzw. haben die beiden den zwei Künstlern und der Künstler-in quasi assistiert. Drei Positionen aus drei Generationen.

Bis das Schachbrettmuster matt ist

Der Älteste: Viktor Hulik (Jahrgang 1949) aus Bratislava, der dort übrigens SELBER eine Galerie betreibt (die nicht kommerziell ausgerichtete Galerie Z). Der bastelt so etwas wie ausgeklügelte Vorrichtungen zur spielerischen Erzeugung von Chaos. Seine variablen Wandobjekte sind gewissermaßen raffinierte Puzzles mit beweglichen, drehbaren Teilen. Simple geometrische Muster in klarem Schwarzweiß (gestreift, kariert, aus konzentrischen Kreisscheiben . . .) lassen sich theoretisch vom Betrachter, aber praktisch von der Galeristin (Andrea Zehetbauer) immer komplexer durcheinanderbringen, dynamisch verwirren. Auf dem Schachbrett zieht sozusagen nicht Weiß gegen Schwarz in die Schlacht, vielmehr balgen sich Ordnung und Chaos ums Karomuster, bis es matt ist. Das Chaos wird zur höheren Ordnung. Zumindest zur aufregenderen.

Ordentlich aufgehängt: links die Holzreliefs von Marie-France Goerens (die Farben sind live noch anziehender), Mitte und rechts Jesse Willems' markante Formensprache. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Ordentlich aufgehängt: links die Holzreliefs von Marie-France Goerens (die Farben sind live noch anziehender), Mitte und rechts Jesse Willems' markante Formensprache.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Eine Luxemburgerin wiederum (1969 geboren), die in Wien unter anderem beim Erwin Wurm studiert hat, dem Erfinder der interaktiven One-Minute-Sculptures (nicht zu verwechseln mit dem Minuten-Walzer, der nämlich von Chopin stammt), steuert ihre Serie "Terrain vague" bei. (Französisch für Brache, Baulücke, verwahrlostes urbanes Land.) Während der Pandemie hat Marie-France Goerens leerstehende Wohnungen besichtigt (und Wohnungen haben permanent Hausarrest, die kommen auch ohne Lockdown nie raus), hat die angefertigten Skizzen der jeweiligen Grundrisse später zerteilt, zerrissen, gefaltet und in eine neue ästhetische, subjektive Ordnung überführt, in abstrakte Holzreliefs, denen ihre Herkunft aus der Architektur wahrlich nimmer sonderlich anzumerken ist, von denen manche allerdings dermaßen unwiderstehlich koloriert sind (in einem Wahnsinns-Grün oder -Blau), dass der Blick förmlich einzieht. Würde man die Dinger noch länger anstarren, müsste man bereits Miete zahlen.

Konzeptuelle Interieurs? Laut Titel führen ein paar davon "Küchengespräche". Küchenstücke also, modern interpretiert? Keine appetitlich mit dem Pinsel geschilderten, stillebenartig arrangierten Lebensmittel wie im 16. Und 17. Jahrhundert in den Niederlanden, stattdessen ist der Küchen-Boden anscheinend von speziellem Interesse. (Dorthin schaut man bekanntlich bei einem Grundriss.)

Schlampig sein ist menschlich

Malen tut die Künstlerin hier ebenfalls fleißig. Monochrome Quadrate. Ihre Technik: Acryl auf Leinen. Ganz klassisch. Den Malgrund hat sie sich für "La dot" (Aussteuer, Mitgift) freilich vorher aus ausrangierten Stofffleckerln recycelt, zusammencollagiert. Und hat die Eintönigkeit des Farbauftrags dann mit gezielten kleinen Schlampereien "menschlicher" gemacht.

Suggestive Formen, schweigend ins Gespräch vertieft: "Another day of sunshine" von Jesse Willems. 
- © Jesse Willems

Suggestive Formen, schweigend ins Gespräch vertieft: "Another day of sunshine" von Jesse Willems.

- © Jesse Willems

Von Jesse Willems, dem Jüngsten im Bunde (Geburtsjahr 1984): Collagen mit unterschwelligem Bezug zur Realität. Papier mit Geschichte, mit Vergangenheit. Ausgeschnitten aus Büchern und Zeitschriften, in denen gelesen und geblättert worden ist, aus sattblauem Durchschlagpapier, linierten Seiten. Einen theologischen Text über die Ungleichbehandlung der Geschlechter dreht der Belgier kurzerhand um, distanziert sich vom Sexismus auf der Vorderseite. Ausgewogene grafische Kompositionen aus markanten, reduzierten Formen.

Sogar der Zufall befolgt insgeheim Regeln, hat einen Plan. Schlimmstenfalls ist er selbst die Regel.