Die Zeit von Danielle Spera an der Spitze des Jüdischen Museums Wien geht zu Ende: Barbara Staudinger übernimmt im Juli 2022 die Direktion der renommierten Einrichtung. Dies teilte die zuständige Wien Holding am Donnerstag via Aussendung mit. Staudinger ist derzeit Lehrbeauftragte für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Universität Augsburg und Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg.

Die Entscheidung ist umso erstaunlicher, als sich in den letzten Tagen zahlreiche Prominente in einem offenen Brief an den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig für eine Verlängerung von Danielle Speras Vertrag ausgesprochen hatten, unter ihnen Ex-Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, Multimediakünstler André Heller und Rektorin Ulrike Sych, der Sängerin Timna Timna Brauer, dem Schauspieler und Theater-in-der-Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, den ehemaligen Wiener Kulturstadträten Peter Marboe und Andreas Mailath-Pokorny und dem Schauspieler Cornelius Obonya.

Einstimmiger Vorschlag

Die Ausschreibung wurde von der Wien Holding im März 2021 in Hinblick auf Speras Vertragsende im Jahr 2022 gestartet. Insgesamt gab es 20 Bewerbungen, von denen je zehn aus dem In- und dem Ausland kamen. Auch Danielle Spera hatte sich beworben. Fünf Bewerber wurden zum Hearing eingeladen.
Den Informationen zufolge hat sich die Findungskommission einstimmig für Barbara Staudinger als künftige Geschäftsführerin ausgesprochen. Die Wien Holding folgt diesem Vorschlag, Barbara Staudinger wird im Juli 2022 ihr Amt antreten.

Barbara Staudinger wurde 1973 in Wien geboren. Sie studierte an der Universität Wien Geschichte, Theaterwissenschaft und Judaistik und schloss mit ausgezeichnetem Erfolg ab. 2001 promovierte sie in Geschichte mit einer Studie zu "Rechtsstellung und Judenfeindschaft am Reichshofrat 1559-1670". Mit Unterbrechungen war sie in den Jahren 1998–2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten. Als solche arbeitete sie etwa am Forschungsprojekt "Austria Judaica – Geschichte der Juden in Österreich 1520-1670" mit.

Expertin für jüdische Geschichte

Barbara Staudinger ist eine ausgewiesene Expertin für jüdische Geschichte. Bis 2011 war sie Lektorin an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Kuratorin am Jüdischen Museum. 2013 bis 2018 war sie freie Ausstellungskuratorin in Wien und erarbeitete in dieser Funktion Ausstellungen im Österreichischen Museum für Volkskunde, im Jüdischen Museum Wien, im Wien Museum und im Welt Museum Wien, wobei vor allem jüdische Geschichte und Kulturgeschichte sowie Interventionen zum Thema jüdische Geschichte und Migrationsgeschichte im Zentrum ihres Interesses standen.

Seit 2014 ist Barbara Staudinger Mitglied des kuratorischen Teams für die Neugestaltung der österreichischen Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. 2018 wurde sie zur Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben berufen.

Der "Kurier" deutet in seiner Ausgabe vom 6. September einen möglichen Hintergrund der Personendebatte an: Die ehemalige ORF-ZiB-Moderatorin Spera, heißt es dort, sei mit dem ÖVP-Nationalratsabgeordneten Martin Engelberg verheiratet. In der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) stünde Engelberg in Opposition zur stimmenstärksten Liste Atid von Ariel Muzicant und Oskar Deutsch. Als Vertreter der IKG sei Muzicant in die Entscheidung über die Leitung des Jüdischen Museums involviert. (red/apa)