Eine Fortsetzung Egon Schieles mit anderen Mitteln? - Georg Baselitz: "Ohne Titel". 
- © Albertina, Wien

Eine Fortsetzung Egon Schieles mit anderen Mitteln? - Georg Baselitz: "Ohne Titel".

- © Albertina, Wien

Sicher hat das Wiener Kunstpublikum von Egon Schiele wie von Gustav Klimt langsam genug gesehen, aber so manche Facette in Sachen Selbstbildnis ist immer noch nicht ganz angekommen - so auch sein Wandel 1916 zu einem vom großen Vorbild Klimt losgelösten Stil, mit dem er den österreichischen Expressionismus als eher skandalöse Angelegenheit mit einläutete.

Wie sehr die Aufregungen rund um die nackte und von Selbstzweifeln bewusst hässlich gestaltete Positionierung aber als "Kraftwerk" (Klaus Schröder) bis ins Heute wirkt, mag vielleicht der nun auch schon über 80-jährige Georg Baselitz mit seiner altwilden Erkenntnis ausdrücken: "Alles, was du wahrnimmst, ist eine Reflexion deiner Selbst."

Dabei tritt Baselitz uns in den Wiederholungsblättern seiner frühen Antihelden entgegen, vor allem in Erinnerung an den Skandal einer angeblich nötigen Abhängung des Gemäldes "Die große Nacht im Eimer" mit nackter pimmelzeigender Hitlerkarikatur 1963.

Selbstentblößungen

Der späte Aquarellblätter-Zyklus dazu ist so bekannt, dass er wie die "Face Farces"-Serie von Arnulf Rainer wirklich schon als abgedroschen empfunden werden könnte. Pornografie, Blasphemie und psychische Notzustände wurden Alltag einer nervösen Zeit. Die Nachwirkungen der Hysterie-These Sigmund Freuds sind nicht minder wesentlich bis in die feministischen Positionen seit 1968. So für Valie Export, aber auch für die sich der Selbstentblößung Hingebenden wie die Rainer-Schülerin Sylvia Elke Krystufek, von der die Ausstellung "Schiele und die Folgen" eine Reihe fotografischer und gemalter Selbstporträts präsentiert, die unsere psychischen Herausforderungen an die Betrachter weitergibt mit der Feststellung "Ich bin euer Spiegel."

Spannend ist eine Konfrontation von Rainers Selbsterniedrigung "Bitten (Kniefall)" 1973/75, ein mit Farbe und Kratzern verletztes Foto, das nach einem Automatenbild vergrößert wurde, und Valie Exports Selbstermächtigung in "Body Sign B" von 1970. Es scheint, dass die Frauen im Zeitalter des Aktionismus doch weniger selbstquälerisch unterwegs waren.

In dieser Zeit wurde auch die Philosophie des Nachkriegs-Existenzialismus mit einer matriarchalen Sicht des "kulturellen Feminismus" konfrontiert, wobei der Pessimismus, auch noch ähnlich Schieles Weltsicht, in einen Optimismus der Frauen gewandelt wurde.

Die erträumte Weltverbesserung blieb jedoch aus - wie das nicht zuletzt auch in Karin Macks gespalteten Frauenrollen im "Bügeltraum" erkenntlich ist. "Selbstbemalung/ Selbstverstümmelung 1" von Günter Brus 1964 versucht allerdings in seiner hohen, beinahe auf die Ideale der Antike zurückgreifenden Ästhetik, die hässlichen Aspekte der Aufspaltung des Selbst zumindest herunterzufahren.

Hat das Selbstbildnis also die Neigung zur Ambivalenz und nicht nur zur herablassenden Geste des Herabziehens eines Augenlids wie in Schieles unharmonisch ins Format gestelltem Selbstbildnis von 1910? Jim Dines viele an die Albertina geschenkte, nüchterne Selbstbeobachtungen im Spiegel scheinen Schiele ja geradezu zu widersprechen, da sie Rollen vermeiden. Cindy Sherman wiederum geht so im Rollenspiel auf, dass sie selbst dahinter verschwindet.

Mehr Freud als Schiele

Maria Lassnig, der neben Rainer und Export viel Beachtung in dieser Schau der Selbstporträts zukommt, hat mit der Innenschau der "Body Awareness" mehr von Sigmund Freud als von Schiele - vor allem in den Duetten ihrer Selbst mit Tieren, aber auch in dem medienkritischen Zyklus um die "Camera Cannibale" von 1998.

Ein wenig mehr Optimismus als bei Schiele, der nie lacht in seiner Selbstbeobachtung, darf auch bei Eva Schlegels Monumentalformat-Selbstbildnis mit Kamera ohne Titel von 2013 sein, bei Erwin Wurm wird die Macho-Haltung zur Farce, bei Adriana Czernin verliert sich das Selbst hinter Netzen von Ornament, gefriert fast in neuer Schönheit.

Wem noch nicht aufgefallen ist, dass Schiele auch ein Vorläufer einer Protestkultur unserer Tage in Frankreich ist, sollte vielleicht doch beim "Selbstbildnis in gelber Weste" von 1914 in der Albertina modern vorbeischauen.