Am Donnerstagnachmittag ist am Grazer Europaplatz der steirische herbst mit einer Rede von Ekaterina Degot eröffnet worden. Die Intendantin zeigt darin die Sehnsucht nach dem Weg ins Draußen, geistig wie körperlich, deutlich auf. Sie wolle aus allen Rahmen ausbrechen, sowohl von den von Links als auch von Rechts vorgegebenen, betonte Degot. "Ich möchte hinaus aus dem Kleinen." Im Anschluss an die Eröffnung fand im Volksgarten eine Performance von Flo Kasearu statt.

"Ich will raus. Raus aus dem Lockdown. Raus aus der Pandemie, und raus aus den Maßnahmen gegen sie. Raus aus der Krankheit, und raus aus der Hygiene. Raus aus der Gefahr, und raus aus der Sicherheit. Ich möchte raus aus diesem Zaun hier um uns herum", begann Degot ihre Rede. Das Gefühl des Eingesperrtseins thematisierte sie anhand ihrer Erfahrungen als junge Studentin in der Sowjetunion, dem Graz der frühen 1950er-Jahre und der aktuellen Situation in Afghanistan.


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Gefangen

"Sowohl die Rechte wie auch die Linke haben uns jetzt alle in einem bestimmten Rahmen gefangen", meinte sie und fügte hinzu: "Es gibt eine rechtsradikale Kleinheit, mit Familie, Patriarchat und Fremdenfeindlichkeit. Es gibt eine linksradikale Kleinheit, mit unterdrückten Identitäten, Safe Spaces, Flugscham und einem Misstrauen gegenüber großen Narrativen. Ich möchte raus aus dem Kleinen." Sie möchte nicht nur "hinaus aus Afghanistan, der Sowjetunion oder diesem Graz nach dem Nationalsozialismus. Ich bestehe auf ein Recht, woanders zu sein, jemand anderes zu sein."

Genau dafür brauche es die Kunst, so die Intendantin. "Die Kunst ist bei uns, um unsere Wirklichkeit, unsere Orte und unsere Zeiten darzustellen, aber auch, um sie zu negieren, denn nach Magritte wissen wir, dass eine Pfeife keine Pfeife ist, dass es umso weniger eine Pfeife ist, umso mehr es danach ausschaut. Indem sie das Leben auf eine überaus realistische Art und Weise darstellt, sagt die Kunst uns eigentlich, dass es etwas außerhalb davon gibt."

Gefahr

Wenn sie das tue, sei Kunst gefährlich für totalitäre Regime ebenso wie für "noch nicht totalitäre, sondern nur einfach überregulierte" Regime. In der geängstigten und angstlösenden westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die von Sicherheit auf allen Ebenen besessen ist und allen Uneinigkeiten oder Konflikten mit rechtlichen wie moralischen Mitteln zuvorkommen möchte, sei es nicht mehr die Sphäre des Lebens, sondern die der Kunst, in der alles Unvorhersehbare möglich sei, sowohl bedeutsame Begegnungen, totale Zufälle, gewagte Vermutungen als auch tragische und unüberbrückbare Differenzen.

"Das Leben ist der Ausweg für die Kunst, und die Kunst der Ausweg für das Leben - oder, wenn wir vorsichtiger sein wollen, der Ausweg aus dieser merkwürdigen umzäunten Situation, in der wir uns wiedergefunden haben, auf physischer wie metaphorischer Ebene", schloss Ekaterina Degot.

Graz

Dass in Graz Wahlkampf herrscht, ließ sich auch bei der Eröffnung, bei der ein Politiker-Aufgebot wie kaum zuvor zu sehen und zu hören war, nicht leugnen. Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP), die Kultur-Landes- und Stadträte Christopher Drexler und Günter Riegler (beide ÖVP) und Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) ließen es sich nicht nehmen, zumindest kurz zu sprechen.

Nach diesen Grußworten gab es einen mehrminütigen Vorgeschmack auf die Opernperformance "I don't know that word...yet" von Dejan Kaludjerovic. Während und nach der Eröffnung waren die Performer und Performerinnen von "Disorder Patrol" von Flo Kasearu am Werk. Thematisiert wurde die starke Präsenz der Überwachungsorgane, was auf absurd-übersteigerte Weise gezeigt wurde. Die "Ordnungshüter" hatten völlig übertriebene, riesige schwarze Hüte, rund und groß wie Dächer, auf und mischten sich unter die Menge. Einige hatten Absperrbänder auf Stäben und wedelten damit wie bei der rhythmischen Gymnastik, andere kamen hoch zu Ross durch den Volksgarten und riefen bei herbst-Unkundigen ziemliches Staunen hervor. (apa)