Eigentlich kann man überhaupt nicht genau sagen, was das ist, was man da sieht. Ja, Kunst, okay. Aber handelt es sich um Bilder oder um Skulpturen? Für Ersteres spricht, dass Farbe drauf ist. Wenn auch vielleicht ein bissl zu perfekt aufgetragen. Trotzdem: Farbe auf einer Fläche – klingt für mich nach Gemälde. Andererseits ist der Malgrund normalerweise nicht so gebogen, sondern . . . flach. Eben. Brettleben. 

Op-Art kommt nicht von Opium

Was man allerdings sagen (und schreiben) kann, ist: dass Rashid Al Khalifa, der nächstes Jahr runde 70 wird, von der Malerei kommt. Und aus Bahrain. (Aus dem dortigen Königshaus sogar, was lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt sei.) Ursprünglich hat er noch ganz klassisch den Pinsel eingetunkt, um reale Landschaften mit Pferden und Kamelen herausfließen zu lassen. Die Wüste, das Meer. Inzwischen (und nachdem er in England studiert hat) nähern sich seine immer reduzierter gewordenen Arbeiten mehr und mehr der Minimal- und Op-Art an. Letztere ruft übrigens mithilfe von geometrischen Mustern und dergleichen, nicht mithilfe von Drogen Flimmereffekte und optische Täuschungen hervor. Weil Op von "optical" kommt und nicht von "Opium". (Obwohl: Opium ist ohnedies kein Halluzinogen. Das ist ein Betäubungs- und Schmerzmittel.)

Plätscherndes Blau von Rashid Al Khalifa: "Blue Parametric" (2018). 
- © Rashid Al Khalifa und MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

Plätscherndes Blau von Rashid Al Khalifa: "Blue Parametric" (2018).

- © Rashid Al Khalifa und MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

Doch bloß weil das, was sich im AAA Design + Projects Space der Galerie Mauroner an den Wänden baucht, einen abstrakten Eindruck macht, bedeutet das noch lange nicht, die beschichteten Metallobjekte wären komplett weltfremd und hätten nicht das Geringste mit der Realität zu tun. Sie, die unter dem Titel "Tesselate" (Englisch für "mosaikartig") in dieser Ausstellung versammelt sind, sind nämlich von der Heimat des Künstlers inspiriert. Von der Architektur, dem Kolorit der Häuser, Türen, Fensterläden. 

Was man nicht im Blick hat, muss man in den Füßen haben

In der "Parametric"-Serie (gewölbte Aluplatten mit Steckelementen) hallen beispielsweise alles andere als blasse, vielmehr farbintensive Erinnerungen an Verdunkelungsgitter nach, an den durchbrochenen Sicht- und Sonnenschutz vorm Fenster. Kleine Plättchen strukturieren die Oberfläche, ein glattes Grün modulieren sie pittoresk mit ihren Schatten. Ein Blau bringen sie gar zum – optischen – Plätschern, erzeugen quasi eine leichte Meeresbrise, wellen es wie Wasser, tönen es rhythmisch ab.

2019 hat Rashid Al Khalifa zwei konzentrische Löcher erzeugt ("Spherical Compression in Grey"). 
- © Rashid Al Khalifa und MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

2019 hat Rashid Al Khalifa zwei konzentrische Löcher erzeugt ("Spherical Compression in Grey").

- © Rashid Al Khalifa und MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

Jeder Teil der "Spectrum"-Reihe (hier sind Nummer zwei, drei und vier zu einem imposanten Triptychon zusammengefasst) verfügt dagegen über einen eingebauten Farbwechsler, der mit den Füßen bedient wird. Man muss also vorbeigehen. Und die Lamellen, die auf jeder Seite eine andere Farbe haben (und an der Kante vorne neutral weiß sind wie die Zwischenräume), erledigen den Rest. Sorgen für gleitende Übergänge, eine unbestimmte Buntheit, eine Palette im Fluss, die sich nicht festlegt. Der Betrachter malt mit. Das gleiche Bild (nennen wir es ruhig so) ist einen Schritt später schon nimmer dasselbe. Strenge Kompositionen, die reglos herumhängen und dabei dennoch nicht statisch sind. Sich mit dem Licht- und Blickeinfall ändern.

Daneben starrt man in zwei konzentrische Löcher. Gibt's so was? Ein Loch im Loch? Offenbar. Wenn man aus dem einen Blech einen größeren Kreis ausschneidet und aus dem Blech darunter einen kleineren. Die Tiefe modellieren dann die Schatten heraus. (Oder hinein?) 

Aus Licht und Schatten einen Teppich weben

Kontemplative Ruhe strahlen sie ja irgendwie alle aus. Sämtliche Exponate. Eines freilich ist von einer geradezu sakralen Aura umgeben. Und damit sich die ungestört entfalten kann, kriegt das Opus sein eigenes Schaufenster, eine separate "Kapelle". (Außerdem braucht es sein spezielles Stimmungslicht, um optimal Eindruck schinden zu können.)

Wirft einen geilen Schatten: Rashid Al Khalifas "Mobile Column I" (2018). 
- © Rashid Al Khalifa und MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

Wirft einen geilen Schatten: Rashid Al Khalifas "Mobile Column I" (2018).

- © Rashid Al Khalifa und MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

"Mobile Column I": Eine verschachtelte Käfigkonstruktion, in der sich archaische Festungs- und moderne Hochhausarchitektur auszusöhnen scheinen, schwebt verkehrt herum über dem Boden. Über einer komplexen Schattenzeichnung, einem ausgeklügelten geometrischen Muster. (Gut, das Ding aus pastellig eingefärbtem Stahl ist an Fäden befestigt. Und von oben beleuchtet.) Al Khalifa webt doch tatsächlich aus Licht und Schatten einen Teppich. Poeten müssen mitunter halt gute Mathematiker sein.