"Liebe Besucher_innen, Vorsicht beim Betreten der Galerieräume: Bitte umgehen Sie die Bodeninstallation. Vielen Dank!" Okay, dieser Warnhinweis erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn wirklich vorbereiten auf das, was man hinter der Tür, auf der er pickt, vorfinden wird, tut er einen ja nicht. Nichts davon, dass Personen, die an einem Zählzwang, einer sogenannten Arithmomanie, leiden, in die Galerie nächst St. Stephan auf eigene Gefahr reinspazieren. Oder dass die Ausstellung verschluckbare Kleinteile enthält (offen herumliegende Fingerknochen zum Beispiel) und deshalb nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet ist. (Wegen der Erstickungsgefahr.)

Jenseits der Schwelle lauert nämlich gleich – der Künstler. Allerdings nicht im Ganzen, in einem Stück, vielmehr in Form eines Schlachtfelds. Lauter blanke Knochen, lose über den Parkettboden verstreut, dazwischen Innereien. Zhang Peili (für Kurator Martin Germann zählt er "zu den wichtigsten Künstlern Chinas – und zu den noch unentdecktesten") hat sich quasi selbst seziert, sich seine Organe entnommen und aus seinem Skelett ein lebensgroßes 3D-Puzzle mit ungefähr 206 Teilen gemacht. (Ungefähr? Arithmomaniker, die eine Stricherlliste machen oder im Kopf nachzählen, ob echt alles da ist, werden nach einem Besuch die genaue Anzahl kennen. Ordnungsfanatiker sollten aber tunlichst den Drang unterdrücken, die "Puzzleteile" anatomisch korrekt zusammenzusetzen.) 

Nackt bis auf die Knochen

Hat man eigentlich keine Angst, dass jemand den Unterkiefer oder ein Ripperl oder einen Wirbel stibitzt? (Nicht, dass ich denken würde, jemand könnte was rausschummeln, indem er es in einem unbeobachteten Moment runterwürgt.) Veronika Floch von der Galerie: "Wir vertrauen unseren Besuchern." Ziemlich mutig.

Ach so, ich sollte wohl erwähnen, dass Zhang erstens trotzdem noch lebt (noch immer in Hangzhou, wo er 1957 geboren worden ist), weil er sich zweitens für dieses intime Selbstporträt, das makaber unter die Haut geht, eh nur einem digitalen Scan unterzogen hat, um sein "Full Set of Bones", seinen kompletten Satz Knochen, nachher von einer Maschine aus italienischem Marmor herausschneiden zu lassen (und Hirn, Herz, Lunge, Leber, Nieren aus weißem mexikanischem Onyx).

Künstlerischer Organhandel? Die Lunge von Zhang Peili, in Originalgröße aus Onyx nachgemacht. 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Künstlerischer Organhandel? Die Lunge von Zhang Peili, in Originalgröße aus Onyx nachgemacht.

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Den letzten Schliff haben die Fragmente dann freilich per Hand gekriegt. Modernste Technologie, mit traditionellem Bildhauerhandwerk veredelt. Die klassische Skulptur aus ebenso klassischem Material (der ausgestreckte Darm – nein, das ist nicht die Wirbelsäule – ist gar aus "Michelangelo-Marmor") holt Zhang, der ursprünglich Malerei studiert hat, souverän und mit unprätentiösem Witz in die Gegenwart. Schwarzer Humor, wie bleich die Knochen auch sein mögen. Während Michelangelo jeden Muskel und jede hervortretende Vene von seinem David herausgearbeitet hat, sind Zhangs Details sogar noch realistischer (und niemand könnte bekritteln, dass irgendein Glied zu klein geraten wäre, zu vorpubertär, schließlich ist alles penibel vermessen), und dennoch erkennt man den Porträtierten nicht. Besonders weil das Gesicht fehlt. (Das könnte höchstens ein Forensiker auf dem nackten Schädel rekonstruieren.)

Ein sehr persönliches und zugleich universelles Menschenbildnis. Ein (nach diesem radikalen Striptease) bis auf die Knochen entblößter Mensch. Ohne Ethnie, Haut- und Haarfarbe, Alter. Ein Mensch in Werkseinstellung sozusagen, dem man keine Religion ansieht oder ob er arm oder reich ist, Freund oder Feind. Was macht diese ominöse "Identität" denn nun aus? Dass man einen Ausweis besitzt? 

Kubistischer Humor? Braucht man dafür einen Würfel?

Die Kollektion aus Knochen und Organen gehört übrigens zu einem viel umfangreicheren Projekt, von dem hier ein kleiner Ausschnitt präsentiert wird (Lithografien vom Pass des Künstlers mit Visastempeln inklusive) und das den recht irreführenden Titel "The Annual Report of OCD" (der OCD-Jahresbericht) trägt, wobei OCD die Abkürzung ist für "Obsessive Compulsive Disorder" – Zwangsstörungen. Obwohl: Die Fixierung auf die eigenen Körpermaße und –werte hat ja durchaus was Obsessives.

Sein Blut hat Zhang etwa präzise "gewürfelt". Im Ernst? Wie schneidet man Blut, das immerhin flüssig ist, in kleine Würfel? Gar nicht. Man presst es in einen größeren Würfel. Bzw. lediglich das Volumen: "My Total Blood Volume." Ein geometrisch perfekt "geronnenes", tiefes Rot aus künstlichem Kristall. (Kubistischer Humor? Von "Kubus": Würfel?) Das Gegenstück auf dem anderen Sockel (im LOGIN unten, dem ebenerdigen Schaufensterraum): "My Total Fat Volume." "Ranzig" gelbbrauner Marmor.

Zhang Peili opfert sein komplettes Blut der Kunst: "My Total Blood Volume" (2019). Okay, das ist kein Naturblut, sondern ein künstlicher Kristall. Trotzdem sehr blutig. 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Zhang Peili opfert sein komplettes Blut der Kunst: "My Total Blood Volume" (2019). Okay, das ist kein Naturblut, sondern ein künstlicher Kristall. Trotzdem sehr blutig.

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Momenterl: Der Blutkubus misst 13 mal 13 mal 13 Zentimeter. Macht 2.197 Kubikzentimeter. Nicht einmal zweieinviertel Liter. Ist das nicht ein bissl wenig? Oder haben Chinesen weniger Blut als Europäer? (Zu meiner Verteidigung muss ich anmerken, dass ich ein Kontrollfreak bin, aber nix dafür kann. Das ist zwanghaft. Wie mein chronisch pathologisches Korrigieren von Beistrichfehlern.) In einem Interview spricht Zhang dagegen vom Gewicht seines Blutes. Wenn der Würfel folglich zirka fünf Kilo wiegt . . . (Waage hatte ich leider keine dabei.) 

Er hat die Wüste Gobi auf einen Drink eingeladen

Menschliches (oder streng genommen reine Daten), transformiert in abstrakte, sinnlich glatte Skulpturen. Zhangs Wassergehalt wiederum ist zu einem glasklaren amorphen Kristall erstarrt, zu einer Art randvollen Schale, in die das Licht ästhetisch abtaucht, geradezu lustvoll drin herumplantscht. Sein "Total Water"? Alles? Na ja, bis auf die paar Milliliter, mit denen er die Wüste Gobi "bewässert" hat. Dort hat er 2019 ein Lackerl und sofort ein Beweisfoto von dem nassen Fleck gemacht: "Urine Left in the Gobi Desert."

Nicht zufällig hat Martin Germann, freier Kurator aus Köln, jedenfalls just diesen Künstler für seinen "Curated by"-Beitrag ausgewählt. Das heurige Thema des Galerienfestivals mit kuratierten Ausstellungen ist "Comedy", oder? ("Comedy" wie: ha, ha. Dass man was zum Lachen hat.) Und Zhang hat Humor. Mindestens einen konzeptuellen. Wenngleich der eher unterschwellig ist.

"From . . . To . . ." (Titel der Schau) spannt einen Bogen über die letzten 30 Jahre, und je tiefer man in die Galerie (und Zhangs Welt) vordringt, desto weiter reist man in die Vergangenheit dieses Pioniers am Beginn der Mediengesellschaft, der als "Vater der chinesischen Videokunst" gilt. Diese hat er 1988 in seiner Heimat eingeführt und hat 2003 obendrein die allererste Abteilung für Neue Medien an einer Kunsthochschule in China gegründet. 

Warten auf das Ei des Godot

In Raum zwei fängt es plötzlich an, einen überall zu jucken. Weil Kratzen ansteckend ist. Und das tut Zhang auf zwölf Monitoren ausgiebigst. Bearbeitet diverse Stellen (Fußsohle, Schulter, unter der Achsel . . .) mit den Fingernägeln, fragmentiert seinen Körper diesmal durch den Blick, den Zoom der Kamera. Gemein (und anstrengend) sind seine Filme sowieso immer irgendwie. Fast sadistisch. Zumal seine bevorzugten Stilmittel Langeweile und Monotonie sind, im Speziellen die manische Wiederholung einer absurden, ritualisierten oder mutmaßlich banalen Tätigkeit, und der Verzicht auf eine Narration, eine "Handlung".

Das große Jucken: Hier kratzt sich Zhang Peili auf zwölf Monitoren einfach überall. ("Uncertain Pleasure", 1996.) 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Das große Jucken: Hier kratzt sich Zhang Peili auf zwölf Monitoren einfach überall. ("Uncertain Pleasure", 1996.)

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

"30 x 30" (als erstes Werk der Videokunst im Reich der Mitte verzeichnet, was Historisches also) klingt an sich harmlos, nach einer Rechenaufgabe, ist es jedoch nicht. 1988 sollte Zhang auf einem Kongress zur Zukunft der Gegenwartskunst in China einen Vortrag halten und hat lieber einen knapp zweieinhalbstündigen Film vorgeführt, in dem er in einer Tour einen Spiegel, dieses Instrument der Selbstbeschau, fallen lässt, ihn aus den Scherben geduldig wieder zusammenklebt, erneut runterwirft und so weiter. Mit den Latexhandschuhen, wichtigen Accessoires bei seinen Auftritten vor der Kamera, wird die Sisyphusarbeit zu einem chirurgischen Eingriff. (Sein Vater war, nebenbei bemerkt, Arzt in einem Spital und er selbst ist als Kind schwer an tuberkulöser Meningitis erkrankt – daher die frühe Prägung aufs Medizinische, auf Latexhandschuhe . . .)

Wenigstens wird man nicht eingesperrt wie das erste Publikum, das irgendwann darauf gedrängt haben soll, vorzuspulen. Gefangen war ich bloß insofern, als ich eine bin, die keine Ruhe findet, bevor sie nicht weiß, wie’s ausgeht. Achtung, Spoileralarm: Es geht nicht aus! Es gibt zumindest keine Schlusspointe. Keinen Gag. Das ist wie in "Warten auf Godot". Godot kommt nicht. 

Hat China wirklich die Figur eines Huhns?

Das Huhn, das er (Godot? Nein, Zhang!) 25 Minuten lang in einer Schüssel einseift und wäscht, legt am Ende ja auch kein Ei. Dafür ist dieses "Document on Hygiene No. 3" aus dem Jahr 1991 höchst aktuell, wo jemand ein Huhn süß-sauber zubereitet (oder eines, das definitiv nicht allein sauber ist, sondern rein).

Links wird ein Huhn gründlich gewaschen, in der Mitte liest eine Nachrichtensprecherin "verwässerte" Nachrichten vor, rechts ist das Wasser des Künstlers zu Kristall erstarrt - drei "feuchte" Arbeiten von Zhang Peili. 
- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Links wird ein Huhn gründlich gewaschen, in der Mitte liest eine Nachrichtensprecherin "verwässerte" Nachrichten vor, rechts ist das Wasser des Künstlers zu Kristall erstarrt - drei "feuchte" Arbeiten von Zhang Peili.

- © Markus Woergoetter, Courtesy: Zhang Peili und REN SPACE, Shanghai

Zugegeben, wir sollen uns 30 Sekunden die Hände reinigen und nicht 25 Minuten ein Hendl. Nichtsdestotrotz ist die Aktion womöglich insgeheim subversiv. Der Umriss Chinas soll nämlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Huhn aufweisen (dann ist Österreich aber eine Hühnerkeule), weshalb Geflügel, das sich anfangs sträubt, Fluchtversuche unternimmt, ehe es sich unter den schäumenden Gummihänden allmählich entspannt, sich einlullen lässt, den "Waschzwang" gar zu genießen scheint, nicht ganz unpolitisch ist. Ein Land, seine Bevölkerung, wird gefügig gemacht. (Falsch, gemeint ist keine "Hygiene-Diktatur".)

Daneben übt eine Fernsehsprecherin, die im offiziellen chinesischen TV beispielsweise über das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz berichtet hat, leise Kritik an den inhaltsleeren Nachrichten. Und was spricht sie? (Untertitel wären toll.) Einiges. Ohne was zu sagen. Sie liest einfach aus einem Wörterbuch sämtliche Einträge mit "Shui" (chinesisch für "Wasser") vor. So böse, dass es schon wieder gut ist.