Auf einem Gemälde von Robert Hammerstiel erkennt man eines immer gleich: dass es von ihm ist, nämlich das Bild. Die schemenhaften Figuren, deren Konturen gewissermaßen den Menschen samt seiner Würde in sich einschließen, das "Menschliche", sind eben unverwechselbar. Wie die plakativen Farben, die den Betrachter förmlich anschreien. (Mit ihren schrillen Tönen. Orange, Rot, Pink.) Knallige Flächen mit Tiefgang.

Ja gut, das Selbstporträt in der Auslage (weiße Haare, weißer Bart, Brille) aus dem 2000er Jahr ist vielleicht weniger typisch. Weil es ein Gesicht hat. Konkret: das vom Hammerstiel. (No na.) Identifiziert man das Opus halt ausnahmsweise anhand der Physiognomie und nicht anhand des Stils. 

Wer braucht schon ein Gesicht, wenn er einen Hut trägt?

"Die Tiefe ist nah genug" heißt die Retrospektive in der Galerie ARTECONT nach einem der präsentierten Werke, das geheimnisvoll ist wie sein Titel. Spätestens 2007 müsste übrigens jeder in Wien einen gesehen haben, einen Hammerstiel. Zumindest im Vorbeifahren. Da sind seine vier Lebensalter 73 Meter in die Höhe geragt, haben seine "Kindheit", "Die Jugend", "Die Familie" und "Das Alter" weithin sichtbar den Ringturm verhüllt, diesen vorübergehend in einen bunten "Turm des Lebens" verwandelt.

Wer hat Angst vorm Mann mit Hut? Nicht einmal der gelbe Hund. Gut, der ist krank. ("Der Besuch von Außen und der kranke Hund", 2018, von Robert Hammerstiel.) 
- © Robert F. Hammerstiel

Wer hat Angst vorm Mann mit Hut? Nicht einmal der gelbe Hund. Gut, der ist krank. ("Der Besuch von Außen und der kranke Hund", 2018, von Robert Hammerstiel.)

- © Robert F. Hammerstiel

Den mysteriösen Hutträger von dort trifft man nun in der gar nicht so kleinen Werkschau wieder, die mit einer repräsentativen, griffigen Auswahl bis in die frühen 1980er Jahre zurückblickt. Ein anonymer, allgemeingültiger Mann mit markanter Kopfbedeckung? "Andererseits ist es natürlich auch so, dass er selbst immer mit Hut unterwegs war", erinnert sich der Sohn, Robert F. Hammerstiel (mit einem F in der Mitte) an den im letzten November verstorbenen Vater. 

Stahlarbeiter mit Künstlerhänden

1933 in Werschetz im multiethnischen Banat geboren (als Spross eines Bäckers, dessen Beruf-ung aber die Ikonenmalerei war), hat der Hammerstiel ohne F, bevor er selber zunächst eine Bäckerlehre gemacht hat, drei Jahre in jugoslawischen Internierungslagern überleben müssen. Die traumatischen Erlebnisse, der Schrecken, die Not, der Hunger sollten später in seiner Kunst ("Ich lade alles in den Bildern ab.") nachhallen. 1947 gelang ihm dann mit der Mutter und dem jüngeren Bruder die Flucht nach Wien und schließlich Niederösterreich.

Das Licht ist an und trotzdem ist's düster: definitiv VOR Robert Hammerstiels erstem New-York-Aufenthalt entstanden. 
- © Robert F. Hammerstiel

Das Licht ist an und trotzdem ist's düster: definitiv VOR Robert Hammerstiels erstem New-York-Aufenthalt entstanden.

- © Robert F. Hammerstiel

Vom Bäcker sattelte er bald auf Stahlarbeiter um, der nebenher Kunstkurse belegte und zum ausstellenden Künstler avancierte. Als er sich 1979 bei einem Arbeitsunfall in der Graugießerei seine wichtigsten Malerwerkzeuge verbrannte (die Hände), soll der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky persönlich interveniert haben, dass er ins ungefährlichere Büro versetzt wird. 

Die poppigen Farben hat er mit "Magie" angerührt

Sein farbliches Erweckungserlebnis, das ihn zu dem Hammerstiel gemacht hat, dessen Bilder man sofort als seine erkennt, hatte er allerdings erst 1988 in New York, wo die Pop-Art seine Palette nachhaltig aufgeheitert hat. Eine regelrechte neue koloristische Zeitrechnung hat da für ihn begonnen, und ohne das jeweilige Beschriftungstaferl zu lesen, kann man jetzt die Bilder in der aktuellen Ausstellung, die ja nicht chronologisch gehängt sind, datieren. Auf vor New York und nach New York.

Davor: Düstere Gestalten, eine gedämpfte, geradezu bedrückende Stimmung. Man hockt am leeren Küchentisch, "schweigend ins Gespräch vertieft" (diese Zeile aus dem bekannten Nonsens-Gedicht eines Unbekannten bekommt hier tatsächlich Sinn), wartet bang auf das Klopfen, das die innehaltende Zeit zusammenzucken lässt. Ein unheimliches Licht tritt durch die offene Tür ein oder ein "schwefelgelber Tag" starrt unheilvoll beim Fenster herein, Schatten werfen sich auf die Bewohner, lauern hinterm Rücken.

Nicht, dass danach auf der Leinwand die heile, angstfreie Welt ausgebrochen wäre. Oder sich hinter den lebenslustigen, grellen Farben und der kompositorischen Harmonie aus reduzierten Formen keine Tragödien abspielen hätten können: eine "Nächtliche Flucht" mit gesenkten Häuptern unter einem dramatisch feurigen Himmel zum Beispiel, der glüht, als könnte man Spiegeleier darauf brutzeln. Oder man schaut Bedürftigen über die Schulter in eine hell erleuchtete, warme Stube mit Ofen, einem reichlich gedeckten Tisch und Hammerstiel-Gemälden an der Wand ("Die Bittgänger"). Dafür erscheint Jesus einmal an einer Tankstelle. Ins Poppige, ins Öl und Acryl, hat Hammerstiel sowieso gern "Magie" hineingemischt, "Geheimnis". 

Liebesbezeigung mit sieben Buchstaben: Busserl? Hommage!

Ums Zwischenmenschliche geht’s, um Begegnungen. Und hinter jedem kräftigen Schatten steckt eine beobachtete Haltung, reale Geste, die der Künstler, der sein Skizzenbüchl ständig dabei hatte, mit dem Zeichenstift irgendwo aufgeschnappt und studiert hat. Im Grunde hat er die innere Unruhe der Stille gemalt, die verhaltene Action, die potenzielle Aufregung. Oder wie der Hammerstiel mit dem F (selber ein Künstler) es ausdrückt: "Dieses plötzliche Es-klopft-an-der-Tür-und-jemand-horcht-auf."

Robert Hammerstiels Schattenfiguren gesellen sich als Schaulustige zum "verrückten König" des rumänischen Malers Corneliu Baba. 
- © Robert F. Hammerstiel

Robert Hammerstiels Schattenfiguren gesellen sich als Schaulustige zum "verrückten König" des rumänischen Malers Corneliu Baba.

- © Robert F. Hammerstiel

Beziehungsgeschichten erzählen die Hommagen ebenfalls. Berichten ausführlich über das Verhältnis des Malers zur Kunstgeschichte, zu seinen geschätzten Vorgängern. Hammerstiel zitiert Bilder und Stile, schickt seine eigenen Schattenwesen rein wie Touristen, lässt sie die fremden Gefilde erkunden oder als Museumsbesucher die Werke der Kollegen betrachten. Sein Pinsel hat angeregte Dialoge geführt mit Marken wie Renoir, van Gogh, Kandinsky, Schiele, Modigliani, Munch oder Warhol (alle nicht zu sehen), sich freilich nicht minder intensiv mit anderen unterhalten, die einem selbst bei vollständiger Nennung ihres Namens keine Spur bekannter vorkommen. Etwa Corneliu Baba, dessen verrückten König (der wird hergezeigt) der Hammerstiel mit Schaulustigen umstellt. Starke "Lebenszeichen".