Einen feinen Pinsel führen, bedeutete für Antonio Persio, der wie Pietro Bembo poetisch Tizians Malkunst lobte, ähnlich einem Liebesakt Frauen auf der Leinwand zu bannen. Eine bessere Werbung konnte der Künstler zur Steigerung seines Ansehens nicht finden, und er schenkte idealschöne Frauenporträts seinen Mäzenen unter den venezianischen Patriziern. Die steile Karriere führte von Venedig und Rom an den Kaiserhof, zu Karl V. und Philipp II. von Spanien, weshalb Wien und Madrid die meisten Gemälde von ihm besitzen. Die Kuratorinnen, Sylvia Ferino-Pagden, Francesca Del Torre Scheuch und Wencke Deiters widmeten sich seit 2019 dem Projekt, das vorerst für Mailand von Ferino angedacht, nun aber als Kooperation erste Station in Wien macht und sich über drei große Säle und zahlreiche Kabinette erstreckt.

Ein Frauenbild im Wandel, heute wie damals, bedeutet das Hinauswachsen über die Ansichten der Warburg-Schule, die im 20. Jahrhundert die kunsthistorische Deutungshoheit zu Tizian hatte. Mit der Kritik am männlichen Blick auf das Objekt nackte Frau kamen viele feministische Beobachtungen, die nun mit neuen Thesen ergänzt werden. Die schönen Damen, deren ambivalente Erscheinung zwischen Tugend und Erotik damals so beliebt war, sind keine Kurtisanen. So wurden sie bisher gedeutet, weil sie ihre Brust entblößen und mit tollen Frisuren und Schmuck behängt, um die Gunst ihres Gegenübers werben. Ganz im Gegenteil geht es um das poetische Öffnen des Herzens, eine Entblößung für den Ehemann, auch Werbung seitens der Braut. Die schöne Venezianerin ist zwar kein Realporträt, aber doch Allegorie der tugendhaft treuen, zukünftigen Ehefrau, zudem neu ist, dass schon damals ihre tragende Rolle für den Staat, die Republik Venedig, erkannt wurde. Die entblößte Brust gilt nicht mehr länger als Anbiederung durch Giovanni Bonifacio und seine Enzyklopädie der Gesten aus der Zeit.

Zwischen Tugend und Erotik: Flora von Tizian, um 1515/17. 
- © Galleria delle Statue e delle Pitture degli Uffizi

Zwischen Tugend und Erotik: Flora von Tizian, um 1515/17.

- © Galleria delle Statue e delle Pitture degli Uffizi

In Venedig wurde sogar über die Bildung von Frauen diskutiert, was anderswo verpönt war, Literatur wurde in der Umgangssprache ("Vulgare") in rauen Mengen veröffentlicht und es gab schreibende Frauen wie Veronica Franco, denen neben den männlichen Intellektuellen ein Kabinett gewidmet ist. Durch kleine Ausgaben der Verlage, Vorläufer des Taschenbuchs, konnten sogar Bürgerliche sich der Poesie über schöne Frauen hingeben. Schmuck, reiche Stoffe oder Kämme sind nicht mehr nur als Symbole der Eitelkeit integriert. Ferino beginnt den Parcours durch Tizian und die Welt seiner Malerkollegen mit Ironie: "Adam und Eva" von Jacopo Tintoretto hat neben zauderndem Adam eine überzeugte Eva. Wie in den profanen Idealbildnissen, gefolgt von der Problematik des Realporträts, folgt eine Reihe wunderbarer Liebespaare (Paris Bordone, Bernardino Licinio). Dazu Heroinen wie Judith und Lucrezia nebst der ambivalenten Lieblingsheiligen Tizians: Maria Magdalena. Eine Variante seines Lieblingssujets soll er am Totenbett gehalten haben, als neben Giorgione auch ihn die Pest hinwegraffte.

Junge Frau mit Federhut, Tizian, um 1534/36. - © The State Hermitage Museum, 2021, Dmitri Sirotkin
Junge Frau mit Federhut, Tizian, um 1534/36. - © The State Hermitage Museum, 2021, Dmitri Sirotkin

Auf die intellektuellen Frauen und Männer mit ihren Büchern in Originalausgaben aus der Nationalbibliothek, folgen die prächtigen Allegorien des Künstlers im großen Saal, gefüllt mit den tollsten Leihgaben des Madrider Prado, des Metropolitan Museums, der Eremitage in St. Petersburg oder aus der Münchner Pinakothek. Zu den Bildern kommen die Venusskulpturen aus der Antikensammlung und Kunstkammer, aber auch die Venus Kallipygos aus Neapel; Letztere zeigt nicht die Brust, sondern enthüllt in Tänzerpose ihren Hintern.

Nicht nur Sanftmut

Tizian liebte den erotischen Charme der antiken Skulpturen und kombinierte dies mit seiner Farbenpracht, seinem sinnlichen Inkarnat und weichen Pinselstrich. Sein Stil entsprach damaliger Sehnsucht nach Leichtigkeit in arkadischen Gefilden und er löste einen Wettstreit zwischen Malerei und Bildhauerei mit aus, aber auch zwischen Malerei und Literatur. Nicht immer nur ist ideale weibliche Sanftmut zu finden, Küsse und Kämpfe von Götterpaaren hat Tizian zelebriert, Giorgione liefert als Abschluss der Eitelkeiten die vergängliche Alte, ein Gegenbild, das Albrecht Dürer in den Norden brachte. Den versöhnlichen Ausklang bildet ein Kinderporträt: die zweijährige Clarissa Strozzi, bereits als zukünftige Braut eingekleidet und geschmückt, mit Hündchen. Der Vergleich mit den oft züchtigeren Trachten Venedigs zeigt Tizians besondere malerische Freiheit.