Frech hat der Pezi im Ringelpulli dem Polizisten sein Pfeiferl abgenommen und will ihm offenbar jetzt zeigen, wie man es bärig bedient: Diese überlebensgroße Skulptur von Jeff Koons, tirolerisch geschnitzt wie eine überdimensionale Krippenfigur auf Abwegen, empfängt einen im ersten großen Raum der neuen Ausstellung der Albertina modern. Sie widmet sich einem ganzen Jahrzehnt, den 80ern. Einem, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder erzählt, Jahrzehnt, das in der Kunst vor allem dadurch repräsentiert wird, dass es eben nicht repräsentiert wird. Politische Entwicklungen dieser Ära, von Thatcher über Reagan bis Fall der Mauer - nichts davon ist in dieser Schau ein Thema. Die von der kürzlich zur Direktorin der Albertina modern erkorenen Angela Stief und Martina Denzler kuratierte Ausstellung zeigt die Kunst der 80er als eine Kunst, die nicht nach vorne blickt, sondern nach hinten. Eine Kunst, die sich aus dem Fundus der Vergangenheit bedient und daraus etwas Neues macht.

Das kann ziemlich plakativ geschehen, wie bei Mike Bidlo, der einen Picasso abmalt und das Bild dann ironisch "Not Picasso" tauft. Bidlo imitierte Künstler gerne auch ganzheitlich - und kleidete sich dann auch wie Picasso. Appropriation Art heißt diese Gattung, und sie ist - neben bekannten Namen wie Robert Longo und Cindy Sherman - auch durch die Österreicherin Isolde Maria Joham vertreten. In "Electric Rider" erzählt sie mit Las-Vegas-schillerndem Pinselstrich den Film "Electric Horseman" mit Robert Redford nach. Fast schon im Zitatestrudel verirren kann man sich bei Richard Princes "American Spiritual". Es ist das reichlich befremdliche, aus einem Erwachsenenmagazin abfotografierte Foto von der zehnjährigen nackten Brooke Shields in aufreizender Pose in einem Goldrahmen. Den Titel hat Prince von einer Fotografie von Alfred Stieglitz, die einen kastrierten Hengst von hinten zeigt. Prince hat sich dann damit Jahrzehnte später noch einmal selbst zitiert, als er die 40-jährige Shields in der selben Stellung abbildete - diesmal allerdings im goldglänzenden Bikini.

Robert Redford ist traurig: "Electric Rider" von Isolde Maria Joham. 
- © Isolde Joham / Olga Pohankova

Robert Redford ist traurig: "Electric Rider" von Isolde Maria Joham.

- © Isolde Joham / Olga Pohankova

Vor allem bei der Alltagskultur bedienten sich Künstler in diesen Jahren - bei der Werbung, bei den Massenmedien, beim Kitsch. Das beginnt bei den Strichmännchen von Keith Haring, setzt sich fort bei Kenny Scharf, der Waschmittel zum Bildmotiv macht und nebenbei Andy Warhol zitiert. Es geht schließlich so weit, dass die Konsumware selbst zum Readymade wird, wie bei Erwin Wurm, von dem Säulen aus Hosen zu sehen sind oder eine Installation von Haim Steinbach, der rot blinkende Digitalwecker, rote Kochtöpfe und rote Lavalampen hypnotisch arrangiert. Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich dem Neo-Expressionismus, den "Neuen Wilden" und dem "Hunger nach Bildern". Nach Minimalismus und Konzeptkunst der 60er und 70er kehren Hubert Schmalix, Siegfried Anzinger, Alois Mosbacher zurück zum sinnlichen Figurativen. Ein schöner Gag in dem Raum ist Martin Kippenbergers Skulptur "Martin, ab in die Ecke und schäm dich", die genau das tut. Einen Raum nebenan geht es auch sinnlich, aber abstrakt mit Franz West und Hubert Scheibl weiter.

Pezi im Pulli mit Pfeiferl von Jeff Koons. 
- © Jeff Koons / Gautier Deblonde

Pezi im Pulli mit Pfeiferl von Jeff Koons.

- © Jeff Koons / Gautier Deblonde

Geweihe, die aus dem Bild ragen

Mehrere Arbeiten von David Salle (aber auch von Jean-Michel Basquiat und Julian Schnabel) zeigen, wie das Sammeln und Assemblieren von völlig unterschiedlichen Einflüssen zu den 80ern gehört. Salle kombiniert historisches Porträt, Film- bzw. Pornoästhetik, traumhafte Symbole und Alltagsgegenstände wie Stühle, die aus dem Bild herausragen. Ähnliches macht Julian Schnabel mit einer Vorlage von Caravaggio, die er nachmalt und mit Geweihen bestückt.

Aus der Subkultur nahm die Kunst der 80er auch ihre Anleihen, und zwar vor allem bei der Street Art. Jenny Holzer arbeitete etwa mit der "First Lady of Graffiti" Lady Pink zusammen. Sie verlagerte ihre Kunst aber auch selbst in den öffentlichen Raum, etwa mit Zetteln, die sie mit Zitaten von Philosophen bedruckte, um dann die Straßenmauern damit zu bepflastern. Herve di Rosa wiederum hat einen großformatigen Weltuntergang ("Dirosaapocalypse") zu bieten, der aussieht, wie wenn Hieronymus Bosch durch ein Computerspieltransformationsprogramm gelaufen wäre. Nicht nur hier wird deutlich, was Kuratorin Stief betont: Dass die Kunst der 80er die Gegenwartskunst beeinflusst wie keine andere. Zitat vom Zitat wird dann zu Zitat.