"Es ist nirgends besser als daheim", hat sich die kleine Dorothy im Filmmusical "Der Zauberer von Oz" als Mantra vorgesagt und die Hacken ihrer magischen roten Schuhe zusammengeschlagen, um sich nach Kansas zurückzuteleportieren. Die erwachsene Monica (Nachname Bonvicini und nicht aus Kansas, nicht einmal aus Amerika, sondern eine Italienerin, 1965 in Venedig geboren, doch mittlerweile in Berlin wohnhaft) sieht das offenbar ein bissl anders. Jedenfalls sind ihre Stadtrandvillen im Puppenhausformat nicht gerade heimelig oder Orte der Geborgenheit. Eher Gefängnisse.

Familien in Käfighaltung? Die Privatsphäre hat Hausarrest? (Wobei: Gibt es in einem zugigen Käfig ohne Vorhänge überhaupt eine Privatsphäre?) Oder wird der Traum vom Eigenheim in Schutzhaft genommen? Aus "Cage" (Käfig) und "Stage" (Bühne, aber auch Stadium) reimt sich die Professorin für Bildhauerei, die unter anderem an der Wiener Kunstakademie unterrichtet hat, den schmissigen Titel für ihre erste Einzelpräsentation in der Galerie Krinzinger zusammen: "Stagecage." Inszeniert ihre Käfige, Ketten, Gürtel, Spiegel dabei tatsächlich ziemlich theatralisch als sinnliches Drama aus Metall, Leder, Glas, Licht und Reflexionen, in dem Architektur und Design, Raum und Zeit, Bild und Text lustvoll interagieren und sich alles um den öffentlichen und privaten Bereich, Gender, Machtverhältnisse und Freiheit dreht. 

Männer sind, nein, keine Schweine, sondern Gürteltiere

Stell dir vor, es ist Zeit, und keiner schaut auf die Uhr. Das kann hier allerdings eh nicht passieren. Die Herrenarmbanduhren, die sich auf einem Käfigdach zu einem Knäuel verknotet haben, zu geballten Erinnerungen, und bereits zwischen den Gitterstäben hindurchsickern, sind unübersehbar. Und außerdem nicht zu überhören, wenn sie plötzlich im Rudel piepsen und einen aufschrecken. Wofür soll es eigentlich Zeit sein? Für mehr Weiblichkeit in der Architektur? Weniger patriarchalische Strukturen in der Gesellschaft, die sich in diesen Käfigen manifestiert?

Man hat nicht unbedingt mehr Zeit, bloß weil man mehr Uhren besitzt. Aber eventuell mehr Uhrzeiten. In Monica Bonvicinis "Stagecage Watched" (Detail) zeigen nämlich nicht alle Uhren DIESELBE Zeit an. 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Man hat nicht unbedingt mehr Zeit, bloß weil man mehr Uhren besitzt. Aber eventuell mehr Uhrzeiten. In Monica Bonvicinis "Stagecage Watched" (Detail) zeigen nämlich nicht alle Uhren DIESELBE Zeit an.

- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Daneben sind die Hälften eines anderen Häuschens mit schwarzen Ledergürteln zusammengezurrt worden. Zu einem gemeinsamen Haushalt. Freilich falsch. Unterseite an Unterseite statt Seite an Seite. Eine Zwangsbeziehung. Jetzt steht die eine Hälfte kopf und das gesamte irritierend schiefe Trumm scheint in seinem eigenen Spiegelbild zu versinken, im Galerieboden. Nichts ist da noch in Ordnung.

Der Gürtel ist sowieso ein beliebtes Requisit in Bonvicinis Installationen. Man ahnt: Das ist nicht einfach nur ein nützliches Utensil, das die Hose festhält. Ein viril konnotiertes Züchtigungsinstrument? Ein Werkzeug häuslicher Gewalt? Tierhaut, gegerbt mit toxischer Männlichkeit? Der Körper mag physisch abwesend sein (na ja, bis auf diesen einen Körperteil, den sogenannten kleinen Unterschied, von dem ich gleich fünf Stück gezählt habe), spürbar ist er trotzdem überall. Macht sich bemerkbar durch seine Accessoires, seine Möbel, seinen – Geruch. 

Wie lautet die männliche Form von Eternit? (Eternit, der?)

Ein Luftbefeuchter dünstet in einer stilvollen strengen Macho-Kammer ein brünstiges Aroma aus. Sehr maskulin. (Ist das Kastl denn mit Männerschweiß gefüllt? So ungefähr. Mit Whiskey! – Ach, deshalb heißt das Opus "40% Pure". Schließlich muss das "Wasser des Lebens" einen Mindestalkoholgehalt von 40 Volumensprozent aufweisen.) Und auf den beiden Stühlen mit ihren organischen Rundungen kann man die dazugehörigen "richtigen Kerle" förmlich sitzen sehen, die Scotch-Flasche (Marke "White Horse") zwischen ihnen auf dem Beistelltischerl.

Wem die Sessel bekannt vorkommen: Unter der schwarzen Lederkluft, der Hardcore-Erotik, straff am harten Faserzement festgeschnallt, verbirgt sich der "Loop Chair" von Willy Guhl, eine Endlosschleife aus Eternit. Bonvicini hat die Designikone aus den 1950er Jahren lediglich mit ihrer Sadomaso-Ästhetik etwas aufgemotzt. "Bonded Eternmale": Eternmale – die männliche Form des geschlechtsneutralen Eternits? (It: es.) Das Ewig-Männliche? (Eternal: ewig.)

Modisches Update: Monica Bonvicini zieht dem Eternit-Stuhl von Willy Guhl ein sexy Leder-Outfit an. ("Bonded Eternmale", 2002.) 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Modisches Update: Monica Bonvicini zieht dem Eternit-Stuhl von Willy Guhl ein sexy Leder-Outfit an. ("Bonded Eternmale", 2002.)

- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Mit Worten spielt sie ja generell gern, die Bonvicini. Zitiert in ihren gesprayten Textbildern Feministisches (zum Beispiel Soraya Chemalys Abhandlung über "Die Kraft der weiblichen Wut") oder aus Roland Barthes‘ "Fragmenten einer Sprache der Liebe", analysiert die Frau und das Fleisch und entdeckt sich selbst darin, ein "Me" in beidem, sowohl in der französischen "Femme" ("Me Fem") als auch im englischen "Meat".

Und die zwei Spiegel, von denen sich quasi der eine einen Reim auf den andern macht? "WANK" verkündet nämlich der eine in vulgären Lettern (auf Deutsch: "sich einen runterholen"), sein Pendant antwortet mit einem "SPANK" ("jemandem den Hintern versohlen", "Klaps, der") im selben Tussi-Rosa, während ein Kettenvorhang (Temperamalerei) mehr oder weniger weit zugezogen wird und die Schaulust herausfordert, den eitlen Betrachter zum Voyeur macht, der sich selber höchstens im offengelassenen Spalt erspähen kann (oder schemenhaft hinter dem Farbschleier). 

Das Weichtier bitte an der Garderobe abgeben

Apropos "sich einen runterholen". Das kann man in einem Winkerl theoretisch wirklich. Theoretisch, wohlgemerkt. Weil praktisch ist das Berühren oder gar Entnehmen der Exponate verboten. Ansonsten wären die fünf gläsernen "wirbellosen Weichtiere", als die jemand die handlichen Dinger einmal bezeichnet hat, zum Greifen nah und man könnte sich eins davon von einem der Garderobehaken pflücken, sich eins "runterholen".

Feministischer Humor? Und wer ist hier eigentlich woran schuld? Monica Bonvicini hat jedenfalls diese Garderobehaken "bemannt" und streitet es gar nicht erst ab. 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Feministischer Humor? Und wer ist hier eigentlich woran schuld? Monica Bonvicini hat jedenfalls diese Garderobehaken "bemannt" und streitet es gar nicht erst ab.

- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Wirbellose Weichtiere? So was wie Schnecken? Von denen haben sie zwar durchaus etwas, was Molluskenhaftes also, dennoch handelt es sich eindeutig um – "Spatzis". (Definitiv ein Werk, das bei der Hälfte der Menschheit Kastrationsängste wecken dürfte.) Feministischer Humor? Auf jeden Fall ein Witz mit fünf Pointen. Und mein Unterbewusstes hat sie sogar verstanden. Alle fünf. Zumindest hab ich lachen müssen. (Fünf Mal.) Eine Trophäensammlung? Oder sind männliche Geschlechtsteile schlichtweg an der Garderobe abzugeben wie Hüte und Schirme?

Nicht die einzigen Glieder aus Muranoglas übrigens. Die andern: wuchtige Kettenglieder, die in zartem Pastell eine Beziehungsgeschichte erzählen, auch wenn das Liebeslied, auf das sie anspielen, kein romantisches ist. In "Chain of Fools", wo die Backgroundsängerinnen immer wieder Silben zu einer souligen Kette aneinanderreihen ("Chain, Chain, Chain . . ."), ist Aretha Franklin vielmehr desillusioniert, und nach dem "Come on home" (Komm heim) ihres Vaters, das ihr einen möglichen Ausweg anbietet, ein Zuhause, ist nun Bonvicinis ambivalente Ketten-Serie benannt, die unterschwellig die Frage aufwirft: Was ist dieses ominöse Zuhause?

Ebenfalls aus Glas, aber diesmal JUGENDFREIE Glieder: Aus Monica Bonvicinis Serie "Come On Home" in romantischem Pastell. 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Ebenfalls aus Glas, aber diesmal JUGENDFREIE Glieder: Aus Monica Bonvicinis Serie "Come On Home" in romantischem Pastell.

- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Das von der Künstlerin ist anscheinend ihr Atelier, und aus diesem hat sie eine komplette Wand in die Galerie übersiedelt. Bzw. das, was auf der Wand drauf war: ornamentale Verkettungen auf Papier oder Glas, aufgesprühte Verdichtungen. Und mittendrin ein Bekenntnis zur weiblichen Wut: "I cannot hide my anger." Da ist eine zornig und bekräftigt es mit optischem Kettenrasseln. 

Die Zeit in den Raum einreiben, bis er glänzt

Am Ende (oder am Anfang – je nachdem, ob man nach dem Betreten der Galerie links oder rechts abbiegt) wird man mit sich selbst konfrontiert ("Be Your Mirror"), muss man sich mit dem eigenen Spiegelbild auseinandersetzen. In einer unwirklichen Leere, die diffus von der Wandverkleidung aus Aluminium reflektiert wird. Eine Art Kapelle der Selbstbeschau, in der Raum und Zeit handfest verschmelzen, zumal sichtlich Stunden in Ersteren eingerieben worden sind, bis dieser schmale Streifen im silbrig matten Metall endlich auf Hochglanz poliert war, sich der Nebel gelichtet hat.

Sogar die Wand reflektiert über Monica Bonvicinis Neon-Botschaft. Wobei der Putzstreifen links mit den Schmutzrändern die schärfsten Spiegelbilder im Raum liefert ("Be Your Mirror"). 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Sogar die Wand reflektiert über Monica Bonvicinis Neon-Botschaft. Wobei der Putzstreifen links mit den Schmutzrändern die schärfsten Spiegelbilder im Raum liefert ("Be Your Mirror").

- © Anna Lott Donadel, Courtesy Galerie Krinzinger und Monica Bonvicini

Und das Rot, das darin reizvoll aufflackert? Stammt von der Neonschrift, die einsam an der Stirnwand leuchtet und mit ihrer selbstbewussten Botschaft den ganzen Andachtsraum füllt: "Power, Joy, Humor & Resistance." Hm. Klingt wie eine Zusammenfassung der Ausstellung. Sie ist stark, bereitet Freude, ist nicht unlustig und leistet nicht zuletzt Widerstand. Gegen das Patriarchat und – die Langeweile.