Ein kurioses Ergebnis hat das alljährliche Kunstranking der Zeitschrift "Capital" heuer mit sich gebracht. Natürlich ist so wie seit 18 Jahren der deutsche Maler Gerhard Richter (89) im Ranking "Kunstkompass" weiterhin als weltweit wichtigster Künstler geführt. Auch die nächsten Ränge sind unverändert: Auf Platz zwei bleibt der US-Künstler Bruce Nauman, dahinter folgen die beiden Deutschen Georg Baselitz und Rosemarie Trockel.

Aber die Liste der "Stars von morgen" wird dieses Jahr von der Japanerin Yayoi Kusama angeführt. Dies klingt etwas bizarr angesichts ihres fortgeschrittenen Alters von 92 Jahren. Sie ist eine der bedeutendsten japanischen Künstlerinnen der Nachkriegszeit und bereits seit den 50er-Jahren aktiv. Ihre bekanntesten Kunstwerke und Happenings entstanden in ihrer Zeit in New York, wo sie bis 1972 lebte. Wie kommt man also darauf, eine so etablierte Künstlerin als "Star von morgen" zu bezeichnen? Hat es den etwas makabren Grund, dass man von einer Wertsteigerung durch baldiges Ableben ausgeht?

Kusamas Kunst sorgt auch immer für eindrucksvolle Ausstellungsbilder. 
- © AFP / TIMOTHY A. CLARY

Kusamas Kunst sorgt auch immer für eindrucksvolle Ausstellungsbilder.

- © AFP / TIMOTHY A. CLARY

Mit Punkten kennt sie sich aus

Das Ranking listet die Künstlerinnen und Künstler auf, die im vergangenen Jahr die meisten Punkte zugelegt haben, aber noch nicht zu den Top 100 der größten lebenden Künstler gehören. Punkte erhält man unter anderem für Ausstellungen von nahezu 300 Museen, Rezensionen in Fachmagazinen, Ankäufe führender Museen und Auszeichnungen.

Und mit Punkten kennt sie sich aus: Kusama dürfte davon profitiert haben, dass 2021 im Gropiusbau in Berlin eine große Retrospektive ihrer Arbeiten stattgefunden hat. Da ihre mit Punkten übersäte Kunst und ihre Infinity-Räume, in denen man sich im Punktemeer verlieren und verstecken kann, auch durchaus für hippe Fotos auf der Bilderteilplattform Instagram tauglich ist, ist sie auch bei einem jungen Publikum bekannt und beliebt. Das ist freilich nicht so kaufkräftig, wie es so ein Kunstmarktranking erfordert. Kleine Objekte, wie ihre gepunkteten Kürbisse erfreuen sich aber derzeit großer Beliebtheit, im Shop des Moma kann man sie um unter 300 Dollar bestellen - derzeit wartet man allerdings, wie in so vielen anderen Bereichen, auf eine neue Lieferung.

Kürbisse als beliebte Kunstobjekte

Die Beliebtheit der Kusama-Ästhetik hat auch potente Mitläufer auf den Plan gerufen: So kann man beim asiatischen Billigversand "Wish" eben solche Kürbisse bestellen - die sind dort für Wish-Verhältnisse mit 94 Euro auch gar nicht mal so preiswert. Mit Yayoi Kusama haben sie freilich wenig zu tun außer ihrem Namen, der so auch wieder mehr Popularität erfährt.

Kusama, die seit 1977 freiwillig in einer psychiatrischen Anstalt lebt, eröffnete 2017 ihr eigenes Museum in Tokio. In all der spielerischen Aufmachung vergisst man gern, dass sie in den 1960ern als radikale Feministin der New Yorker Avantgarde begann. Sie arbeitete mit ihrem eigenen mitunter nackten Körper, aber auch mit Phalli, die sie natürlich auch bepunktete. Vor neun Jahren war sie eine der prominenten Figuren, die von Modekonzernen zu Kooperationen geladen wurden: Marc Jacobs war von ihren niemals endenden Welten so fasziniert, dass er eine Louis Vuitton-Kollektion ihren Polkadots widmete.

Der "Kunstkompass" wird jährlich von der Journalistin Linde Rohr-Bongard aus Köln erstellt und erscheint im Magazin "Capital".