Kleider aus Licht und Schatten: Rumpelstilzchen spinnt Stroh zu Gold, Sabine Maier kann Papier in Licht verwandeln. 
- © Sabine Maier

Kleider aus Licht und Schatten: Rumpelstilzchen spinnt Stroh zu Gold, Sabine Maier kann Papier in Licht verwandeln.

- © Sabine Maier

Sie arbeitet im Rotlichtmilieu, also in der Dunkelkammer. (Wo sonst? Schließlich kommt die Foto- und Medienkünstlerin aus der analogen Fotografie – und außerdem aus der Steiermark.) Und dort unter der roten Lampe faltet sie – Licht. Weißes. Oder eigentlich Seidenpapier. Das geistert auf den Fotogrammen von Sabine Maier freilich dermaßen körperlos, sprich immateriell herum, dass es sich bereits in pure elektromagnetische Strahlung aufgelöst zu haben scheint. (Mit reinem Licht hat sie aber tatsächlich schon gewerkt. Hat die individuelle "Ausstrahlung" von diversen Dia- und Film-Projektoren, deren "Aura", eingefangen, "abgelichtet". Das "Lichtbild", das sie an die Wand werfen.)

In der Galerie Jünger (Achtung: neue Adresse! Nicht mehr in der Paniglgasse, sondern in der Taubstummengasse!) fügen sich die ätherischen Vögel, Kleider und Schuhe, bei denen man nimmer genau sagen kann, wo die Transparenz aufhört und die Transzendenz anfängt, jetzt stimmig ins salonartige Ambiente. "Offene Belichtungen" – so der Titel der beschaulichen Ausstellung. Offen: nach der Blende (und der Freiheit). 

"Nur hinlegen reicht nicht"

Und falls jemand nicht wissen sollte, was ein Fotogramm ist: Er weiß es doch. Denn wahrscheinlich hat er selber längst ein paar davon angefertigt. (Sofern er hellhäutig ist.) Womöglich recht schmerzhafte. Weil ein Sonnenbrand streng genommen ebenfalls eines ist, ein Beispiel für diese kameralose Fotografie. Eines in Farbe allerdings, in Rot. Das lichtempfindliche Material (die Haut) "belichten", und wo der Bikini war (oder die Badehose, die Armbanduhr, der Mund-Nasen-Schutz . . .), bleibt alles kasig, während sich die exponierten Stellen gerötet haben (bzw. auf dem beschichteten Fotopapier: geschwärzt).

Im Atelier von Sabine Maier: Das Papier ruht sich auf der Wäscheleine aus. 
- © Sabine Maier

Im Atelier von Sabine Maier: Das Papier ruht sich auf der Wäscheleine aus.

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Die Fotogramme der 1971 im Bezirk Murau geborenen Steirerin, lauter Unikate, sind natürlich um einiges ausgefeilter und aufwändiger in der Herstellung, immerhin war Maier in der Meisterklasse für Fotografie an der Höheren Grafischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien und nicht bloß in einer Punk-Band (oder hat Antiquitäten restauriert und in einer Medikamentenfabrik gehackelt). Die kennt sich folglich aus. Und man kennt sie ebenso unter dem Pseudonym Machfeld. Unter dem Namen dieses Labels, das sie 1999 gemeinsam mit Michael Mastrototaro gegründet hat, hat sie etwa "Hörbänke" im öffentlichen Raum platziert. Mitteilungsbedürftige Sitzgelegenheiten, die einem was erzählen, als hätte sich eine unsichtbare Person zu einem gesellt.

Alle Vöglein sind schon da. Oder nur eines? Und das fliegt? Dynamische Fotogramm-Serie von Sabine Maier. 
- © Sabine Maier

Alle Vöglein sind schon da. Oder nur eines? Und das fliegt? Dynamische Fotogramm-Serie von Sabine Maier.

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"Nur hinlegen reicht nicht", sagt die Künstlerin und meint damit nicht sich selbst im Bikini, vielmehr ihre Faltkunstwerke. ("Ich bau mir meine Welt selber aus Papier.") Klassisches Origami? So ziemlich. Maier: "Ich falt’s dann halt noch ein bisschen um." Eine unglaubliche Dreidimensionalität kriegt sie hin, erzeugt auf der planen Fläche des Fotopapiers durch Schichtungen, gezielte Mehrfachbelichtungen und geheime "Dunkelkammer-Magie" (gute Zauberer – und Zauberinnen – verraten ihre Tricks eben nicht) eine erstaunlich nuancenreiche Illusion von Räumlichkeit. 

Rucke di gu, Licht ist im Schuh

Sonst laufen (oder liegen) Landschaften ja eher nackt herum, diese malerische hier (von Sabine Maier) trägt ein luftiges Kleid. 
- © Sabine Maier

Sonst laufen (oder liegen) Landschaften ja eher nackt herum, diese malerische hier (von Sabine Maier) trägt ein luftiges Kleid.

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Ein transluzides Täubchen flattert mit einem inneren Leuchten und dezenten "Bewegungsunschärfen" durch die Finsternis, durchs satte, opake Schwarz (wo am meisten Licht hingelangt, wird’s paradoxerweise am dunkelsten), fliegt gar von rechts nach links über die Galeriewand (dank der seriellen Hängung, die einen chronologischen Ablauf vortäuscht, eine Dynamik, Aerodynamik).

Die streng symmetrischen Kleider sind "durchschaubar", geben ihre innersten Strukturen preis wie auf Röntgenbildern, oder die Helligkeit kehrt sich in transparente Schatten um, in einen Negativeffekt, und manchmal tunkt die Fotografin einen Pinsel in Chemie ein und wird zur Malerin, lässt die grafische Schärfe und Klarheit in pittoreske Action zerfließen. Die rationale Konstruktion verflüssigt sich in suggestive Landschaften, in emotionale Gefilde. Der einsame Schuh wiederum ist von einer derart gläsernen Durchsichtigkeit, als warte er auf einen Prinzen. "Plötzlich ist das Aschenputtelmärchen sichtbar geworden." (Sabine Maier) Von vornherein geplant war’s jedenfalls nicht. (Okay, bei den Gebrüdern Grimm ist von einem goldenen Pantoffel die Rede, nicht von einem aus Glas wie bei Cinderella.)

Richtig, da kommen ja auch Vögel vor, diese gefiederten Symbole der Seele, der Freiheit, der abhebenden Gedanken, die der Schwerkraft zu entkommen versuchen. Sie sortieren die Linsen aus der Asche ("Die guten ins Töpfchen, / Die schlechten ins Kröpfchen."), ein weißes Vogerl wirft dauernd Ballkleider von einem Bäumchen herunter aufs Grab von Aschenputtels Mama ("Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, / Wirf Gold und Silber über mich."), und zwei Täubchen verpetzen die Stiefschwestern bei diesem adeligen Schuhfetischisten, der jede heiraten würde, Hauptsache, das Schuchi passt ihr. ("Rucke di gu, rucke di gu, / Blut ist im Schuh; / Der Schuh ist zu klein, / Die rechte Braut sitzt noch daheim.") 

Dieses Papier ist länger gereift als jeder Käse

Märchenhaft: Cinderellas gläserner Schuh wartet auf den Prinzen? Sabine Maier ist er in der Dunkelkammer "erschienen". (Der Schuh, nicht der Prinz.) 
- © Sabine Maier

Märchenhaft: Cinderellas gläserner Schuh wartet auf den Prinzen? Sabine Maier ist er in der Dunkelkammer "erschienen". (Der Schuh, nicht der Prinz.)

- © Sabine Maier

Auf altem, geradezu historischem Fotopapier, das nämlich locker ein Vierteljahrhundert gereift ist, Charakter hat, kleine Fehler, Altersschwächen, die sich als ästhetischer Reiz integrieren lassen, taucht Sabine Maier in ein mutmaßlich (oder vermeintlich?) romantisches Narrativ ein und mit einer zeitlos aktuellen Frage wieder auf: Was es bedeutet, eine Frau zu sein. Die traditionelle Technik hat sie verfeinert zu Gustostückerln, die durch ihre Kombination aus Präzision und Experimentierfreude bestechen.

Maier: "Ich wollte mehr machen als a Bastelarbeitskunst." Ist ihr gelungen. Nicht, dass man ihre installativen Faltungen von früher (ihr interaktives Papierkleid beispielsweise, das sich 2011 zu sentimentalen Mondscheinklängen, zu "Clair de Lune", und zu Liszts Liebesbriefen gedreht hat, oder ihre audiovisuell inszenierten, von Nebelschwaden verklärten respektive ver-un-klärten Vögel im Stift St. Lamprecht 2012) als Bastelarbeiten abtun könnte.