Von diesen Kunstwerken (okay, nicht von allen, aber von einigen) kann man echt nicht behaupten, sie würden nix tun, sondern bloß spielen wollen. Sie tun nämlich sehr wohl etwas. Man kann es lediglich nicht sehen. Schon allein, weil sie sich dabei nicht bewegen. Noch dazu arbeitet ihre Schöpferin bevorzugt mit Elektrizität. Überhaupt mit Energie. Und die ist in der Regel unsichtbar.

Elektrizität – so wie Strom? Richtig. Bekanntlich das, was aus der Steckdose kommt. Bei der Judith Fegerl kommt der Strom freilich nicht von dort. Oder nicht zwangsläufig. Nicht von ungefähr heißt ihre Ausstellung in der Galerie Hubert Winter "solar". Klingt nach einem Sonnenkult. Und tatsächlich (Sonnenanbeterin mit zehn Buchstaben? Solarzelle!) werden zum Beispiel Solarpaneele, gebrauchte, die ausgedient haben, patchworkartig zusammengepuzzelt. Zu einer Art Cluster aus abstrakten Tafelbildern. Und auch wenn die Module quasi im Ruhestand sind, wandeln sie nach wie vor Sonnenenergie in elektrische um. Unmerklich. Schließlich bringen sie als Beweis nicht einmal ein bescheidenes Lamperl zum Brennen. 

Solarzellen sind ja doch Romantikerinnen

Sind längst in Pension und arbeiten immer noch weiter: als Kunst und produzieren nach wie vor Strom. Judith Fegerls Solarzellen tanken ihr "last light" (2021). 
- © SIMON VERES

Sind längst in Pension und arbeiten immer noch weiter: als Kunst und produzieren nach wie vor Strom. Judith Fegerls Solarzellen tanken ihr "last light" (2021).

- © SIMON VERES

Bedeutet das, man kriegt einen Stromschlag, wenn man ein ungläubiger Thomas ist, der immer alles anfassen und sich dauernd selber, sprich eigenhändig, überzeugen muss? Oder die Haare stehen einem zu Berge? Unwahrscheinlich. (Ausprobiert hab ich’s allerdings nicht. Lieber kein Risiko eingehen.)

Fegerl: "Eine Wandarbeit, die ein Potential in sich trägt." Das künstlerische der Solarzellen, die sich konstruktivistisch bzw. minimalistisch zu Kreismustern und Rastern formieren (und in der Pension nunmehr ihr "letztes Licht" absorbieren – "last light" lautet ja der fast sentimentale Werktitel), das hat sie sowieso längst erkannt. Industriell hergestellte Platten, aus denen Zeit und Wetter Unikate gemacht haben. Die zu Individuen herangereift sind. Insgeheim ein konzeptuelles Landschaftsbild? Das in den kühlen Tönen der blauen Stunde schillert? Angeschlossen hat sie übrigens bewusst nichts, die Judith Fegerl. ("Ich wollte das Spektakel nicht heraufbeschwören.")

Stattdessen lenkt sie die Aufmerksamkeit komplett auf die Schönheit und Sinnlichkeit der Kristallstrukturen, der Oberflächen, Farben (und beendet damit als Dritte im Bunde nach James Lewis und Joel Fisher eine Ausstellungsreihe, die die Rolle der Materialität im Schaffensprozess thematisiert): "Hier geht’s ums Material selber, das Energie erzeugt, nicht darum, dass was leuchtet." Zugleich erzählen die unterschiedlichen Zelltypen (die runden aus den frühen Jahren, die modernen quadratischen mit den abgeschrägten Ecken . . .) die Geschichte der Photovoltaik, geben dem Betrachter morphologischen Aufklärungsunterricht.

Im Freien ebenfalls. Noch bis 31. Oktober im Österreichischen Skulpturenpark in Premstätten (Graz-Umgebung), wo die Künstlerin als Artist in Residence eine ebensolche lichthungrige Assemblage im hügeligen Gelände ausgesetzt hat. Sehnsüchtig scheinen die ausrangierten photovoltaischen Zellen gen Himmel zu starren, ihrem letzten Sonnenuntergang entgegen. ("Sunset" – der Titel erklärt sie zu Romantikerinnen.) Fegerl: "Viele Leute stehen davor und fragen: Und was ist das jetzt?" 

Die Malerei ist nicht tot, sie hat bloß einen Schock

Manchmal erfüllen die Solarpaneele jedoch durchaus die Erwartungen, dass also das eigentliche Geschehen abseits von ihnen stattfindet, sie nur den Strom dafür liefern und sich ansonsten raushalten. Wie in den "series of electric shocks". Moment: Hat die Wienerin (Jahrgang 1977) da allen Ernstes die Malerei einer solarstrombetriebenen Elektroschocktherapie unterzogen oder sie womöglich defibrillieren müssen, weil wieder jemand deren Tod festgestellt hat? Nicht direkt. Außerdem: Eine klassische Malerei, eine mit Pinsel, darf man sich ohnedies nicht vorstellen. Nicht zuletzt trägt die Malerin Handschuhe. Zu ihrem eigenen Schutz. Zumal ihre Technik alles andere ist als "Öl auf Leinwand" oder "Acryl auf Leinwand".

Schauen gar nicht so geschockt aus, eher entspannt, die zwei "Gemälde" (Technik: Kupfer auf Edelstahl) aus Judith Fegerls "series of electric shocks" (2021). 
- © SIMON VERES

Schauen gar nicht so geschockt aus, eher entspannt, die zwei "Gemälde" (Technik: Kupfer auf Edelstahl) aus Judith Fegerls "series of electric shocks" (2021).

- © SIMON VERES

"Kupfer auf Edelstahl" hört sich bloß so harmlos an. In Wahrheit nehmen die Stahlplatten ein Bad in einer kupferhältigen Flüssigkeit. Zusammen mit Elektroden. Wobei sich Letztere und der metallene Bildträger nicht berühren dürfen. ("Dann gibt’s einen Kurzschluss.") Und durch den elektrochemischen Prozess lagert sich das Kupfer nach und nach pittoresk ab. Von glänzend glatt bis "rostig" matt, von transparent bis opak verkrustet. Warmes, verfließendes Rotbraun auf kaltem Metall. Reingreifen sollte man vermutlich eher nicht während der Prozedur, oder? "Ja, genau. Das wär nicht so gut." Und nach einer gedankenstrichlangen Pause: "Salzsäure ist auch ein klein wenig drin." (Ui, dieser chemische Piranha.) Das Atelier wird zum Labor, zur naturwissenschaftlichen Experimentierstube. 

Ist Kunst nicht nur eine Geld-, sondern auch eine Klimaanlage?

Minimalistische Skulpturen mit Zusatzfunktion: Judith Fegerls "stills" sind außerdem Wärmetauscher. 
- © SIMON VERES

Minimalistische Skulpturen mit Zusatzfunktion: Judith Fegerls "stills" sind außerdem Wärmetauscher.

- © SIMON VERES

"Die Energie hat sich eigentlich selber gemalt, selber abgebildet", leitet die Künstlerin mein Lob ("schaut geil aus") bescheiden weiter. An die Solarpaneele in ihrem Atelierfenster. Und im Endeffekt an den Fusionsreaktor im Zentrum unseres Sonnensystems. (Wird diese E-Kunst folglich hintenherum mit Atomkraft betrieben?)

Das Licht und die Malerei – eine fruchtbare Beziehung. Die Impressionisten haben Licht und Atmosphäre eingefangen, die Lichtsituation (Monet hat gar den Sonnenstrahl im Heuhaufen gesucht), Fegerl tut im Grunde dasselbe. Das Resultat hängt jedenfalls nicht unwesentlich davon ab, wie blau oder bewölkt der Himmel ist, wie viel Helligkeit die Solarzellen abkriegen.

Und die minimalistischen Skulpturen, die im hintersten Raum einfach auf dem Boden herumstehen, weshalb man verdammt aufpassen muss, dass man nicht drüberstolpert oder draufsteigt und sich wehtut oder was kaputt macht? Sind wirklich minimalistische Skulpturen. Und daneben noch – Stolperfallen? Ja, und "Maschinen oder Apparate, die in ihrer Passivität trotzdem aktiv sind, weil sie was tun". Sagt immerhin die, die sie entworfen hat.

Ach, und was tun die Dinger? Angeblich die thermische Energie des Bodens, dessen Temperatur, auf die Umgebungsluft übertragen. Kapier ich nicht. Warum können die das denn, obwohl ich nirgends ein Kabel gesehen habe, das zu einer Steckdose führen würde (oder zu einem Solarpaneel)? "Weil sie so ausschauen, wie sie ausschauen, und aus dem Material sind, aus dem sie sind." 

Nicht mit jeder Collage kann man sein Handy aufladen

Und was ist das? Ein selbstgebasteltes Handyladegerät? Falsch. Eine Collage! Von Judith Fegerl. (Ölpapier, Kupfer, Draht.) 
- © SIMON VERES

Und was ist das? Ein selbstgebasteltes Handyladegerät? Falsch. Eine Collage! Von Judith Fegerl. (Ölpapier, Kupfer, Draht.)

- © SIMON VERES

Aha. Form (and material) follows function. Die Form (zahlreiche parallele Plättchen oder eng gesteckte Stäbchen aus wärmeleitfähigem Kupfer, Aluminium oder Messing) ist von Wärmetauschern inspiriert. So etwas wie eine Klimaanlage? Oder eine Fußbodenheizung? Fußbodenkühlung? Nicht, dass ich irgendwas davon mitbekommen hätte. Es bei meinen Füßen gezogen hätte. Oder ich auch nur die leiseste Luftzirkulation gespürt hätte. Ein subtiler Funktionalismus eben.

Hm. Und was können diese unscheinbaren gerahmten Papierarbeiten mit den Drähten und den Lötstellen drauf? Das Handy aufladen eventuell? "Also ,können‘ . . . – das ist ein zeichnerisches Werk." Respektive eine Collage. Auf der einen präsentiert uns eine Solarzelle ihre Rückseite, dreht sich vom Licht weg. (Nein, kein Götzzitat.) Auf der andern "kontaktieren" zwei Stückln eines flachen Tubbing-Drahts für Solarpaneele ein Fetzerl Ölpapier. Diese Blätter tun oder produzieren aber ausnahmsweise dennoch nichts. Nicht das Geringste. (Außer dass sie offenbar die bildnerische Vision eines potentiellen Energieflusses haben.) Haben keinerlei Fähigkeiten. Können höchstens – faszinieren. Mit ihrem rätselhaften Als-ob. (Dass man ihnen eine praktische Fertigkeit zutraut.) Und ihrem herben technoiden Charme.

"Ich löte total viel", erläutert Fegerl. "Ich hab das immer schon gemacht." Nachsatz: "Schon als Kind." Gelötet? Schmäh-ohne? "Ich unterricht’s auch an der Angewandten." Löten? Unter anderem. Wird als letzter Punkt in der Beschreibung ihres "Hart am Werk, Randzonen der Kunstproduktion"-Workshops am Trans-Arts-Institut aufgeführt. 

Wie blond sind Platinen?

Ein Musterbeispiel für ihre Begabung wiederum, die sogenannten schönen Künste und die nüchterne, zweckmäßige Technik durch diverse Transformationsprozesse zu einer ästhetischen Einheit zu amalgamieren, ist eindeutig das, was sie mit den Platinen aufgeführt hat: Druckerschwärze auftragen und zum Schluss niederwalzen. Und weil Platinen natürlich nicht die Kurzform für platinblonde Personen ist, sondern es sich vielmehr um Leiterplatten handelt, kamen weder Menschen noch Druckerpressen zu Schaden. Fegerl hat nun diese Träger für elektronische Bauteile (auf Englisch: "printed circuit boards", PCBs) wie Druckplatten behandelt, wie Radierungen oder Kupferstiche gedruckt, in printed "printed circuit boards" (PPCBs) überführt. Mit erstaunlicher Plastizität und Schärfe.

Platinen bevorzugt: Judith Fegerl druckt Leiterplatten wie Radierungen ("printed printed circuit boards"). 
- © SIMON VERES

Platinen bevorzugt: Judith Fegerl druckt Leiterplatten wie Radierungen ("printed printed circuit boards").

- © SIMON VERES

Die nächtlichen Pendants zu den Solarmodulen? Besonders weil sie die Platinen, die ihr Dasein üblicherweise in der Finsternis eines Gehäuses (eines Computers oder sonstigen Geräts) fristen, ebenso zu autonomen Kompositionen zusammengestückelt hat. Fegerls experimentierfreudige, technikaffine Kunst wird vielleicht nicht das Klima retten, trotz ihrer Nutzung von erneuerbarer Energie, aber: Na und? Muss sie eh nicht.