"Wollen Sie mir ein Abo verkaufen?" Er hat mich also gleich einmal für eine Zeitungskeilerin gehalten. Dabei hatte ich am Telefon nichts weiter zu ihm gesagt als: "Hallo, ich bin von der ,Wiener Zeitung‘." Aber ich wollte natürlich lediglich über seine Ausstellung in der Galerie Frey reden, wo er die intime Technik der Zeichnung zum großen Leinwandstar gemacht hat (Kohle auf Leinwand) oder herbstliche Blätter einfühlsam mit Kohle und Acryl beim Sterben begleitet. Denn der Manfred Bockelmann ist bekanntlich nicht Bruder von Beruf.

Bockelmann – ist das nicht der jüngere Bruder vom . . .? Richtig, ist er. Doch was hat der ältere, der Udo Jürgens (nicht, dass ich den Namen des 2014 verstorbenen Entertainers jetzt ausschreiben hätte müssen), über ihn in einem Lied gesungen? "Ja, mein Bruder ist ein Maler, ich bin nur ein Musikant." Den Fotografen hat er allerdings ausgelassen, der singende Bruder. Als solcher war der malende Bruder (1943 in Klagenfurt geboren) nämlich zuerst erfolgreich. Und der war definitiv nicht niemals in New York. 

Der Himmel ist total verkohlt

Als Fotograf für diverse Magazine ist er überhaupt viel gereist, bevor er, der rund 30 Jahre in München gelebt hat, seinen Pinsel in seine "Malerei der Stille" getunkt hat, in ziemlich abstrakte Landschaften, kontemplative Gefilde. Mittlerweile hat er den elterlichen Hof in Kärnten übernommen und malt (und zeichnet) dort noch immer eher leise Töne, ist freilich in die gegenständliche Kunst übersiedelt.

Licht und Kohle: Mond über Brooklyn, gesehen vom World Trade Center aus und gezeichnet von Manfred Bockelmann. (Kohle auf Leinwand, 2021.) 
- © Manfred Bockelmann

Licht und Kohle: Mond über Brooklyn, gesehen vom World Trade Center aus und gezeichnet von Manfred Bockelmann. (Kohle auf Leinwand, 2021.)

- © Manfred Bockelmann

Drei Meter New York (was nicht heißen soll, die Stadt, die angeblich niemals schläft, wäre Meterware; das stattliche Bild ist schlichtweg so lang – und misst 1,40 Meter in der Höhe): Eine Brücke, die aus purem Licht gebaut worden zu sein scheint, überquert den dunklen East River, am anderen Ufer: Brooklyn als nächtliches Lichtermeer. Darüber leuchtet der Vollmond im "verkohlten" Himmel. Geradezu romantisch.

Bis man erfährt, dass die opulent beschauliche, weiß gehöhte Kohlezeichnung von heuer auf ein Foto zurückgeht, das der Bockelmann ("Mein Fotoapparat ist ein Skizzenblock für mich geworden.") vom Ground Zero aus gemacht hat, bevor der Ground Zero der Ground Zero war. Im Restaurant im World Trade Center war er, irgendwann in den 1980er Jahren. Bockelmann: "Genau dieser Blick ist nicht mehr möglich. Weil das Gebäude nicht mehr da ist." Schlagartig ist die Romantik nimmer unbeschwert, kriegt die Erinnerung aus seinem fotografischen Gedächtnis (seinem Bildarchiv), die er mit viel Zeit und Energie aufgeladen und bis zum tiefsten Schwarz intensiviert hat, etwas Unheilvolles, Düsteres. 

Zombies lesen keine Bücher

Ein anstrengendes Unterfangen ("wie eine Bergbesteigung") ist für den zeichnenden Maler das Anfertigen einer so detailreichen Vedute. Außerdem legt er in der zum Atelier umfunktionierten Scheune währenddessen weite Strecken zurück (auf 6000 Schritte pro Tag kommt sein Handy im Schnitt, das brav mitzählt), muss ständig vor- und zurücklaufen, weil: "Aus der Nähe ist es oft schwer zu erkennen, was da entsteht." Zum Beispiel so etwas wie das Gegenstück zu obiger Nachtszene. Ein Manhattan danach, nach 9/11 (und bei Tag), zu dem sich die Schatten aus Kohle verdichten. Aus der Asche des Leids und des Terrors erhebt sich der Freedom Tower. Gewissermaßen. (Tschuldigung, der wurde in One World Trade Center umbenannt.)

Sooo viele Hochhäuser. Und der Manfred Bockelmann hat sich um keines herumgedrückt in seiner Kohlezeichnung auf Leinwand. ("New York", 2021.) 
- © Manfred Bockelmann

Sooo viele Hochhäuser. Und der Manfred Bockelmann hat sich um keines herumgedrückt in seiner Kohlezeichnung auf Leinwand. ("New York", 2021.)

- © Manfred Bockelmann

Da malt bzw. zeichnet einer eben mit Händen und Füßen. Und wie ein Höhlenmaler. Mit Kohle, diesem archaischen Material. Apropos archaisch. Einmal hat sein Teleobjektiv im "Big Apple", durch den sich die stadtplanerischen Würmer offenbar mit dem Lineal gegraben haben, sodass die Sonne in den rasterförmig angelegten Straßen auf- und untergeht, einen Mann aufgeschnappt, der, im Gegenlicht zu einem Schemen verflacht, mit gesenktem Kopf über die Straße marschiert ist. Automatisch denkt man: Aha, ein Smombie. (Ein Kofferwort aus "Smartphone" und "Zombie".) Einer dieser umherwandelnden lebenden Toten, die nur spielen wollen (mit ihrem Handy) und wenigstens bloß nach Likes lechzen und nicht nach Menschenfleisch.

Handy? Nein, Buch. Leser aus einer anderen Zeit (aus den 1980er Jahren), von Manfred Bockelmann mit der Zeichenkohle vergegenwärtigt. 
- © Manfred Bockelmann

Handy? Nein, Buch. Leser aus einer anderen Zeit (aus den 1980er Jahren), von Manfred Bockelmann mit der Zeichenkohle vergegenwärtigt.

- © Manfred Bockelmann

Andererseits hat es diese Geräte, die ihre Benutzer in Untote verwandeln, in den 1980ern noch nicht gegeben (da mag die Übersetzung in die Kohle noch so frisch sein). Vielmehr bedient sich der Passant einer uralten Kulturtechnik: Er liest! Ja, wirklich: in diesem Ding mit den Seiten zum Umblättern! Und er wird gar nimmer aufhören damit. Zumindest hat sein Entdecker ("Das Bild ist ja eigentlich eine Werbung für das Lesen, für das Buch.") noch einiges vor mit ihm, mit diesem Exemplar einer aussterbenden Spezies, diesem Leser: "Den lasse ich jetzt durch andere Gegenden auch noch laufen. Der soll jetzt öfter auftauchen." 

Das Bild ist mit sich selbst beschäftigt

Und der Hundertwasser, der ebenfalls nach unten blickt, ganz in seiner eigenen Welt versunken ist? Was liest der? Seine eigenen Gedanken? Auf alle Fälle kann es nicht das Kunstbuch sein, das der Bockelmann über ihn gemacht hat ("Hundertwasser – Regentag"). Das ist erst ein Jahr später erschienen, ein Jahr, nachdem die fotografische Vorlage für dieses feinsinnige introvertierte Porträt entstanden ist, das den Betrachter nicht ansieht, weil es zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

Friedensreich Hundertwasser, von Manfred Bockelmann 1971 fotografiert und 50 Jahre später nach diesem Foto erneut porträtiert. Diesmal mit Kohle. 
- © Manfred Bockelmann

Friedensreich Hundertwasser, von Manfred Bockelmann 1971 fotografiert und 50 Jahre später nach diesem Foto erneut porträtiert. Diesmal mit Kohle.

- © Manfred Bockelmann

Vom legendären Verfasser des "Verschimmelungsmanifests gegen den Rationalismus in der Architektur", Widersacher der geraden Linie und Schöpfer von Humustoiletten ist der "Maler der Stille" nämlich 1971 zur Jungfernfahrt von dessen Zweimaster Regentag eingeladen worden und mit dem Meister der Spirale sowie seinen eigenen Fotoapparaten durchs Mittelmeer gesegelt. Das Projekt hat ihn "noch einmal zurückkatapultiert in die Fotografie", und was dabei am Ende herausgekommen ist, "war der absolute Superrenner, ein Bestseller". (Moment: 1971 war der Finger am Auslöser, 2021 hat die Hand den Kohlestift gehalten. Zum 50-Jahr-Jubiläum!)

Das einzige Porträt in der Schau? (Zumal von seinen berühmtesten keins ausgestellt ist. Keins von den großformatigen Kindergesichtern aus der Werkserie "Zeichnen gegen das Vergessen", wo er junge Naziopfer aus der unpersönlichen Statistik herauszeichnet, sie persönlich nimmt. Den unmenschlichen Zahlen ein menschliches Antlitz gibt.) Nein, nicht das einzige Porträt. Die Blätter, die er aus der anonymen Masse, aus dem gefallenen Laub, herausklaubt und sich einzeln vornimmt, studiert er praktisch mit derselben Hingabe wie Rembrandt das verwelkte Gesicht seiner alten Mutter. 

Selbstbildnis als welkes Blatt

Was man im Plural meist als lästiges Ärgernis empfindet ("Wir blasen die mit dem Gebläse zum Nachbarn rüber und dann geht der zum Gericht."), wird im Singular zum Sympathieträger, löst Mitgefühl aus. Das jahreszeitliche Massensterben (Titel des Zyklus: "Das Sterben der Blätter") wird zum Einzelschicksal individualisiert, das sich einrollt, als wollte es sich in sich selbst hineinkuscheln, sich wärmen, oder das sich bereits auflöst, zerfällt. Lauter empathische Bildnisse der Vergänglichkeit. Im Grunde Selbstporträts. "Beim Zeichnen ist mir plötzlich aufgefallen, dass mein Handrücken große Ähnlichkeit mit der Oberfläche der Blätter hat." Adern und so weiter.

Warum sind Manfred Bockelmanns Blätter blau? Damit wir fragen. 
- © Manfred Bockelmann

Warum sind Manfred Bockelmanns Blätter blau? Damit wir fragen.

- © Manfred Bockelmann

Aber wieso malt er die Blätter ausgerechnet in Blau? In der Farbe existieren die kleinen, unscheinbaren Pflanzenteile doch gar nicht. Na ja, erstens: jetzt schon. Und zweitens möchte ich aus dem Lied seines Bruders zitieren: "Die Erde ist ihm untertan, er herrscht mit seinen Farben / Über Meer und Länder, über Glück und Träumerei." Er herrscht, wohlgemerkt. Und befinden sich die Blätter, die hier den Blues haben, nicht in der blauen Stunde ihres Lebens? (Abgesehen davon, dass, wenn er sie allein mit der unbunten Kohle auf der Leinwand fixiert hätte, vermutlich niemand den Einwand vorgebracht hätte: "Aber es gibt doch keine grauen Blätter!")

In der Natur ist das mit den Laubbäumen hingegen folgendermaßen: Die halten Winterschlaf. Quasi. Und damit sie das überleben, müssen sie ihren Blättern im Herbst das Grüne heraussaugen und sie nachher abwerfen. Das ausgelaugte, ausgezutzelte Laub wird dabei meistens gelb, kann allerdings jede Primärfarbe der Malerei annehmen. Außer Blau. (Rot, Gelb . . . und das war’s. Und was ist mit Braun?)

Selbst der Wurzelstock macht blau. Bzw. macht das der Manfred Bockelmann für IHN. Mit Acrylfarbe. 
- © Manfred Bockelmann

Selbst der Wurzelstock macht blau. Bzw. macht das der Manfred Bockelmann für IHN. Mit Acrylfarbe.

- © Manfred Bockelmann

Blau ist beim Bockelmann übrigens keine kalte Farbe. Einen Wurzelstock (Stürme sind halt gut im Wurzelziehen – wie die Zahnärzte) hat er sogar in natura, in echt, in dieser "unnatürlichen" Farbe angemalt und als pittoreske Skulptur auf einem Sockel platziert. Eines Tages ist ein Bauer mit dem Traktor vorbeigefahren und hat verwundert angehalten: "Schaut guat aus. Aber warum is das blau?" Antwort: "Damit du stehenbleibst." – "Ah, jetzt versteh i’s." Ich ebenso. Ein Trick wie die lila Kuh. Erregt Aufmerksamkeit. 

Flecken sind menschlich

Bockelmanns Interesse gilt, wie er es formuliert, "dem Wegesrand", dem, was "die Leute kennen, aber so nicht wahrnehmen". Und das färbelt er nun einmal gern blau an. Mithilfe dieses antiquierten Werkzeugs mit Borsten. ("Ich halte ganz bewusst daran fest." Sprich am Pinsel. Und an der Handarbeit: "Wir haben Hände bekommen. Durch die Evolution. Heute brauchen wir sie nur noch zum Tippen." Nachsatz: "Ich hab noch richtig Stall ausgemistet.")

Szene auf einem Rockkonzert? Links: die Bühne mit drei Gitarristen? Falsch. "Außengrenze" von Manfred Bockelmann. 
- © Manfred Bockelmann

Szene auf einem Rockkonzert? Links: die Bühne mit drei Gitarristen? Falsch. "Außengrenze" von Manfred Bockelmann.

- © Manfred Bockelmann

Das wahrscheinlich politischste Opus ist zugleich das abstrakteste. Je näher man ihm kommt, desto realistischer werden die Flecken, desto klarer wird die Szene. (He, genau umgekehrt wie bei den New-York-Bildern mit den vielen Wolkenkratzern. Da muss man weiter weggehen.) Links: drei Musiker mit E-Gitarren auf der Bühne, von rechts drängen die Fans. Seit wann ist ein Rockkonzert aus der Vogel- respektive Drohnenperspektive politisch? Ist es eh nicht. Der Titel klärt auf: "Außengrenze." Die "Musiker" sind demnach Soldaten, die mit ihren "E-Gitarren" (Gewehren) den Ansturm der Migranten aufhalten sollen. Ein verbildlichter Kommentar, ausgelöst von der "anhaltenden Empörung" (Bockelmann) über eine mitleidlose Flüchtlingspolitik.

Ruhige, tiefsinnige Bilder, bei denen man genauer hinschauen muss. (Oder ein paar Schritte zurücktreten.)