Die anthropologischen Fotosammlungen des späten 19. Jahrhunderts zählen heute oft als Beweis für koloniale Sicht auf typische Merkmale von in Europa gewollten Entwicklungslinien der Menschheitsgeschichte und gelten somit als rassistisch. Doch das war nicht immer so eindeutig und damit auch nicht nur negativ deutbar.

Monika Faber und Kuratorin Katarina Matiasek gelingt mit "Überleben im Bild. Wege aus der Anonymität anthropologischer "Typenfotografien" in der Sammlung Emma und Felix von Luschan" ein differenzierter wie klarer Blick, der mancher Ausstellung heute aus Gründen übertriebener politischen Korrektheit abhandengekommen ist. Völkerschauen waren zwar eine ambivalente Angelegenheit zwischen Wissenschaft, Zurschaustellen auf Weltausstellungen in großen Städten Europas und politischer Propaganda, aber eben nicht nur.

Von Riesen und Hottentotten

Das Herausarbeiten einzelner Biografien der Dargestellten, die sich in der privaten Fotosammlung des Ehepaars Luschan befanden und durch die Nationalsozialisten in die anthropologische Sammlung der Universität Wien gelangt sind, kommt den Rettungsvorstellungen des Arztes, Archäologen und Forschungsreisenden zugute.

Eine vierjährige Forschungsgeschichte bemühte sich um die Objekte aus dem Nachlass dieses Paares, in dem auch Felix von Luschan selbst sich als Gesichtsabguss integrierte und in einem bronzezeitlichen Kostüm zeigt. Seine Frau Emma inszenierte er ebenfalls als "Fremde", von ihr gibt es auch um 1910 bei der Arbeit mit Schädeln eine Art Memento-Mori-Bildnis. Dabei ist schon die gleichwertige Mitwirkung einer Frau an der wissenschaftlichen Aufarbeitung ungewöhnlich, aber sie entspricht auch der Auffassung beider, dass es keine Hierarchie der Rassen gibt.

Während Emma von Luschan Frauen in Sendschirli neben den Reliefs des aramäischen Stadtstaats aufnahm, porträtierte ihr Mann Hussein Aga, einen angesehenen Kurden-Scheich. Als Expeditionsarzt der Archäologen in der Türkei traf er in Makri auf ein junges Paar sephardischer Juden, Sultana und Abraham Codron, die er als allgemein orientalische Typen sah, Sultana sogar als "Perle von Makri" idealisierte und damit nicht den rassistischen Vorgaben seines Faches folgte. Auch die alten Konaks (Holzhäuser) und die Häfen und Schiffe sind fotografiert, Schausteller und der Besuch von kurdischen Frauen und Kindern in den Ausgrabungen.

In Berlin untersuchte Luschan Soli, einen Knaben aus Neuguinea, auch von ihm nahm er eine Lebendmaske. Der vom deutschen Gouverneur mitgebrachte und der Taufe in der evangelisch-lutherischen Kirche unterzogene Knabe vertrug das deutsche Wetter nicht, er kehrte nach Ozeanien zurück, arbeitete in der Mission weiter als ein Grenzgänger zwischen den Kulturen; im Chor eines dort aufgenommenen Fischerlieds ist übrigens auch seine Stimme zu hören.

1896 wurden in Berlin indigene Gruppen aus den deutschen "Schutzgebieten" in exotischen, vermeintlich originalen Szenerien präsentiert, auch da sammelten die Luschans ihre Typenporträts weiter, sie interessierten sich auch für Körpergrößen, so sind "Riesen" in der Sammlung präsent.

Von den präsentierten "wilden" Massai-Kriegern fällt Yagónd auf, den sie mit seinen Brüdern porträtierten. Die Biografie des jungen Kissilerobo aus Mpororo in Ostafrika mündete in die heute obsolete Hamitenthese, einer aus Asien eingewanderten hellhäutigen Gruppe, die als Kulturbringer mit Mumien der Pharaonen verglichen wurden.

In dem Fall ist der Fotograf Max Weiß, aber auch Luschan an zeitgeistig rassistischen Theorien des edlen jungen Herrschers Kissilerobo beteiligt. Doch auch da ist seine weiterführende Entmischungstheorie im Fall der hamitischen Anteile der Hottentotten zu beachten.

Darüber und die Vergleiche der Nationalsozialisten des "schönen Hamiten" als Verwandtem der "nordischen Rasse" gibt es Texte im Katalog. Die über 80 Objekte, zumeist aus den Beständen des Departments für Evolutionäre Anthropologie sind damit, dank Photoinstitut Bonartes, aufgearbeitet und zeigen welche spannenden Funde in universitären Sammlungen noch schlummern.