Hier geht’s um unsere Zukunft, nämlich darum, dass wir alle sterben werden. Nein, eh nicht gemeinsam. Jeder dann, wenn er dran ist. Xenia Lesniewski ist schließlich keine apokalyptische Prophetin und gehört genauso wenig einer Endzeitsekte an. Aber das Leben an sich ist nun einmal tödlich. Nicht gerade rosige Aussichten also. Für Kunden eines neuen Pop-up-Stores im ersten Bezirk allerdings durchaus. Na ja, eigentlich eine Kunstinstallation, doch zugleich ein vollwertiges Geschäft, das "Instant Solutions" anbietet. Sofortige Lösungen. Für später. Für den Tag X (oder Ex wie "Exitus").

Jedenfalls trägt der Tod dort nicht Schwarz, diese deprimierende Farbe, sondern ist pretty in Pink. Sogar eine Wand im Bildraum 01, der jetzt diese stimmige Mischung aus Showroom eines Bestattungsunternehmens, Reisebüro und Galerie beherbergt, wurde bis obenhin "angepinkelt" (rosa gestrichen). Passend zur gesamten, in sehr freundlichem Rosarot gehaltenen Produktlinie der Künstlerin, deren Initialen Großes erwarten lassen (XL). 

Särge haben auch den Lebenden was zu bieten

Schon allein das Ding, das Michel Foucault den "kleinen Kasten" für die "kleine persönliche Verwesung" genannt hat, ist recht imposant. (Und mit einem garantiert ökologisch abbaubaren Lack überzogen.) Mehr ein stattlicher Sarkophag als ein schlanker Sarg. Gibt’s den in Bubenhellblau ebenfalls? Oder nur als "Tussi-Sarg"? (Als Unisex-Tussi-Sarg, wohlgemerkt.)

Sarg mit Echthaarzopf: Der Sarg stammt von Xenia Lesniewski, der Zopf von ihrer Schwester. Beide Tatsachen sagen aber nichts über den Aufenthaltsort der einen oder der anderen Schwester aus. 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Sarg mit Echthaarzopf: Der Sarg stammt von Xenia Lesniewski, der Zopf von ihrer Schwester. Beide Tatsachen sagen aber nichts über den Aufenthaltsort der einen oder der anderen Schwester aus.

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Moment: Am Kopfende hängen lange Haare raus. Zu einem Zopf geflochten. Liegt da wer drin? Als während der Vernissage jemand nachsehen wollte, ist die Schöpferin dieses relativ geräumigen letzten Behältnisses sofort zu ihrer Schöpfung hingestürmt und hat, fast panisch, gerufen: "Nein, nicht öffnen!" Der Zopf stammt angeblich von ihrer Schwester, die selbstverständlich nimmer an ihm dranhängt. (Wieso "selbstverständlich"?) Viel beruhigender ist die Vorstellung, sie hätte ihre Schwester skalpiert, freilich ehrlich gesagt auch nicht.

Das Tolle am Sarg (Modell "Busy" – beschäftigt, geschäftig) und den Urnen: dass man bereits zu Lebzeiten etwas davon hat. Die sind multifunktional und lassen sich ganz praktisch in den Alltag und den Wohnraum integrieren. Ist ja ohnehin eine Tragödie: Da hat man die schönsten Särge und dann werden sie verbuddelt oder verbrannt. Das sperrige rosa Trumm aus Seekiefer könnte sich locker als Truhe oder Sitzbank ins Mobiliar hineintarnen. Theoretisch als Bett genauso. Für einen oder zwei. Einer liegt unten (diese Position ist halt nicht für Klaustrophobiker geeignet), der andere oben drauf. Und Ersterer muss eben klopfen, wenn er in der Nacht aufs Klo muss oder kurz Luft schnappen will. "Wenn der Tod eintritt", erklärt Lesniewski, die gleichfalls multi ist (multidisziplinär), "werden die Ecken abgeschnitten." Wird der unkonventionelle Sarg folglich leicht adaptiert, in die allerletzte Form gebracht. 

Die Getränkedose, die niemals leer wird

Für alle, die ihre Urne bereits zu Lebzeiten benutzen wollen, hat sich Xenia Lesniewski diesen Zimmerbrunnen ausgedacht, der bei Bedarf im Handumdrehen wieder zur Urne wird. 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Für alle, die ihre Urne bereits zu Lebzeiten benutzen wollen, hat sich Xenia Lesniewski diesen Zimmerbrunnen ausgedacht, der bei Bedarf im Handumdrehen wieder zur Urne wird.

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Und die Urnen? Machen zum Beispiel als unverfängliche Blumenvasen eine gute Figur. Und was macht man derweil mit dem Deckel? Im Sarg verstecken? I wo. Der ist super als Schale für ein Potpourri zu verwenden. Ein schlichteres Exemplar wurde von der gebürtigen Frankfurterin (Jahrgang 1985), die mittlerweile in Wien lebt, werkt und wirkt, wo sie an der Angewandten studiert hat, kurzerhand zu einem originellen Zimmerbrunnen auffrisiert. Zur harntreibenden Plätschervorrichtung. Eine schier unerschöpfliche Getränkedose lässt es rinnen, gießt unaufhörlich eine süßlich riechende gelbliche Flüssigkeit aus: einen Energydrink.

Ein Trinkbrunnen demnach? Lieber nicht kosten. Erstens ist die Dose nicht wirklich unerschöpflich und zweitens steht "Burn Fast" drauf. Also in Wahrheit ein Brandbeschleuniger? Feuer und Wasser verschmelzen zum Kaugummiaroma. Laut der Künstlerin wird bei entsprechend hoher Konsumation, wenn ich das richtig verstanden habe, ein chemischer Prozess angeregt, dass man, sollte man sich irgendwann für eine Kremation entscheiden, schneller (und umweltfreundlicher) verbrennt.

Ist das Getränk schädlich? Antwort: "Ausschließen kann ich das nicht." Sie meint aber lediglich insofern, als Energydrinks generell nicht sonderlich gesund sind. Die Gefahr (um nicht zu schreiben: Lebensgefahr) dürfte sich außerdem in Grenzen halten. Zum einen kostet eine Dose von diesem "Brennstoff" 99 Euro (he, das ist ja teurer als Benzin! – noch) und zum andern sind im Shop bloß zwölf Stück erhältlich. 

Vom Burnout direkt in die Urne

Xenia Lesniewski preist ihren Energydrink an, der offenbar gute Beziehungen zum Jenseits hat: "Heaven Up." 
- © Xenia Lesniewski / Bildrecht, Wien 2021

Xenia Lesniewski preist ihren Energydrink an, der offenbar gute Beziehungen zum Jenseits hat: "Heaven Up."

- © Xenia Lesniewski / Bildrecht, Wien 2021

Okay, und weitere zwölf Stück von der zweiten Geschmacksrichtung: "Heaven Up." Klingt noch tödlicher. Speziell in Kombination mit dem Hinweis auf der Dose: "The Hope of Euthanasia." Euthanasie? Noch dazu wird sie auf dem Plakat, wo sie die umwölkte Himmelsstiege erklimmt, mit dem Spruch "Give Your Heart a Break" beworben. Ich soll mir einen Herzstillstand gönnen? Meinem Herzen eine Pause? Ist das insgeheim ein Sterbehilfeinstitut?

"Euthanasie und Leistungsoptimierung verbunden in einem Energydrink", beschreibt Lesniewski die Stärken dieser Sorte. (Hab ich da einen sarkastischen Unterton herausgehört? Eine leise Kritik an der letalen Leistungsgesellschaft?) Aha, ein Aufputschmittel, um auf dem Arbeitsmarkt zu "überleben" und mehr Energie zu haben, um sich endgültig zu Tode schuften zu können. Vom Burnout direkt in die Urne. Ach, erspart man sich wenigstens den Pensionsschock. Wenn man den Rest seines Lebens ex trinkt. Die leeren Dosen werden übrigens recycelt. In die gelbe Tonne geworfen? Natürlich nicht. Dafür sind sie viel zu wertvoll. Mit LED-Flämmchen werden aus ihnen Kerzen gebastelt. Stimmungsmacher.

Und weil man den Tod immer persönlich nehmen muss, richtet sich das Sortiment des Ladens nicht an die Hinterbliebenen, sondern an den noch lebenden angehenden Verstorbenen selbst. Motto: "Your Body, Your Future" (dein Körper, deine Zukunft). Leute, die noch nichts für die Zeit nach ihrem Ableben geplant, noch nix Konkretes vorhaben, finden da reichlich Inspiration, stellen sich beinah zwangsläufig selber die Frage: Was willst denn einmal werden – nach deinem Tod? Ein funkelnder Diamant vielleicht? Als Alternative zum Wurmfutter oder zur Asche? Oder gar ein Gemälde? Tschuldigung: ein "atemberaubendes Meisterwerk". 

Sind Tiere nicht eigentlich Analphabeten?

Wer nach seinem Tod sooo aussehen möchte: Xenia Lesniewski kriegt das hin. Technik: Acryl und Asche auf Leinwand. (Symbolbild.) 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Wer nach seinem Tod sooo aussehen möchte: Xenia Lesniewski kriegt das hin. Technik: Acryl und Asche auf Leinwand. (Symbolbild.)

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Lesniewski, die ja unter anderem ein Diplom in Malerei vorweisen kann (mit Auszeichnung!), würde allerdings weniger ein Bild von einem anfertigen als mit einem. Kurzum: Ein bissl was von der Asche würde sie in die abstrakte Beschaulichkeit auf der Leinwand hineinstreuen, in die Acrylfarbe mischen, in die zarten, gefühlvollen Töne.

"Man kann sich im Laufe der Jahre eine ganze Sammlung aufbauen. Mit der kompletten Familie. Also da gäb’s etliche Möglichkeiten", sieht sich die Malerin bereits als Serientäterin. Nachsatz: "Das Problem ist nur, dass manche Dinge in Österreich so nicht ganz legal sind." Einen Teil der Asche zu entnehmen beispielsweise. Drum arbeitet sie in solchen Fällen mit Partnern im Ausland zusammen.

Die etwas andere Ahnengalerie. Keine strengen, gefirnissten Gesichter mit Augen, die die nächsten Generationen argwöhnisch verfolgen, bis diese selber durch den Firnis glotzen und ihren Nachwuchs mit ihren Blicken stalken. Was viel Intimeres.

Oh, aus einem der "Symbolbilder" scheint Asche gerieselt zu sein, auf die Sockelleiste beim Boden, und jemand hat "Hello again" reingeschrieben. Eine Grußbotschaft aus dem Jenseits? Spooky. Besonders weil das keine menschliche Asche ist. Die ist animalisch! Und sind Viecher nicht Analphabeten? Hm: Tierasche. Von welcher Spezies? "Das kann man nicht so sagen." Eine Mischung offenbar. Oder nimmer im Detail zuordenbar. Frankensteinische Monster-Asche? Oder kommt die von einem Krematorium der Kuscheltiere, das auf einem alten Indianerfriedhof errichtet worden ist?

Überhaupt taucht das Unheimliche im Zuckerlrosa, in der süßlich kitschigen Romantik und Besinnlichkeit unter. Bleibt unterschwellig. Erst daheim, beim Betrachten der Fotos, die ich mit dem Handy gemacht hatte, hab ich was ziemlich Grusliges bemerkt. Den Geist? Blödsinn. (Wieso "Blödsinn"?) Die rosa lackierten Nägel im Potpourri. (Zur Erinnerung: im Urnendeckel.) Und auch wenn sie mutmaßlich künstlich sind und niemandem ausgerissen wurden, sind sie trotzdem eklig. Und, äh, sind das Milchzähne zwischen den getrockneten Blüten und sonstigen wohlriechenden Pflanzenteilen? Wie heißt denn die Potpourri-Sorte? "Zahnfee"? Seltsamerweise nicht. Einfach "Potpourri". Soft-Horror. 

Die Asche schwimmt mit den Delphinen

AUCH eine Möglichkeit, die Urne vor seinem Tod nicht verstauben zu lassen: sie in eine Blumenvase umzufunktionieren. "Last" von Xenia Lesniewski. 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

AUCH eine Möglichkeit, die Urne vor seinem Tod nicht verstauben zu lassen: sie in eine Blumenvase umzufunktionieren. "Last" von Xenia Lesniewski.

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2021

Abgerundet wird dieses Gesamtkunstwerk aus Kunst, Design, Werbung, dieser professionell aufgemachte Trip in eine umwelt- und klimafreundliche Sepulkralkultur (Sepul-was? Irgendwas Nekrophiles, Begräbniskulturelles) mit einem atmosphärischen Sound. Und einem Film, der einem mit höchst ästhetischen Bildern diverse Ziele für die letzte Reise schmackhaft macht. Eine posthume Kreuzfahrt. Schwimmen mit den Delphinen. Quasi. ("Meet dolphins, pelicans and marine wildlife.") Die Asche tut das zumindest. Wenn sie im Ozean ausgestreut wird. Oder man macht einen spektakuläreren Abgang. Einen pyrotechnischen. Löst sich in Licht, Rauch und Krach auf und erleuchtet den Nachthimmel. Bei einer Feuerbestattung 2.0, einer Feuerwerksbestattung. Oder tiefgekühlt werden? (Womöglich in einer rosaroten Gefriertruhe als Sarkophag?)

Xenia Lesniewskis Humor ist definitiv nicht schwarz. Bzw. hat sie ihn rosarot angemalt. Mit hinterfotzigem Witz hat sie ein facettenreiches Vanitas-Interieur geschaffen, in dem die Besucherinnen und Besucher über ihren Umgang mit der eigenen Sterblichkeit nachdenken können. Und für den Fall, dass die Pointe doch eine Träne ist, obwohl in der Ausstellung das unlustige Wort "Tod" durchwegs verschwiegen wird, steht eine Kleenexbox bereit. Gelungen.