Zum 70. Todestag Ludwig Wittgensteins (1889 - 1951) und dem 100-Jahr-Jubiläum der Herausgabe des "Tractatus logico-philosophicus" widmet das Leopold Museum der fotografischen Praxis des Philosophen eine sechs Jahre lang konzipierte Schau. Passt doch auch die Familie Wittgenstein in den Kontext von Wien um 1900, dem Schwerpunkt des Museums.

In die Vorbereitungen einbezogen ist die Fülle des Wittgenstein-Archivs in Cambridge, das Michael Nedo aufgebaut hat. Trotzdem folgt das Kuratorenteam Verena Gamper und Gregor Schmoll keiner rein biografisch-soziologischen Abhandlung, sondern hat einzelne wichtige Themenkreise erarbeitet, um Konfrontationen des Archivmaterials mit besonderen Beispielen der Gegenwartskunst zu vereinen.

"Laokoon für Photographen"

So empfangen Größen wie Katharina Sieverding oder Thomas Ruff, die einem Beispiel aus dem Interessenbereich Ludwig Wittgensteins folgen: der Kompositfotografie. Der Philosoph, der ganz selbstverständlich mit Fotografie im großbürgerlichen Milieu aufwuchs, fotografierte selbst und wollte eine Abhandlung schreiben, einen "Laokoon für Photographen", dabei war auch die zeitgemäße Typenfotografie in seinem Focus, die mit einer Mehrfachbelichtungstechnik mehrere Gesichter überblendete.

Wittgenstein verwendete das für das Aufspüren einer Familienähnlichkeit und überlappte seines mit den Gesichtern seiner Geschwister. Francis Galton hatte diese Methode um 1870 entwickelt, in der mittigen Vitrine liegt das spannende Beispiel, das er auch als "Spiel" beschrieb. Serielle Porträts und dabei die Selbstinszenierung mit automatischen Fotoserien interessierte nach Wittgenstein Birgit Jürgenssen, Cindy Sherman, Friedl Kubelka, aber auch Peter Weibel und Peter Handke. Über Moritz Nährs bekannte Aufnahme von 1928/29 dürfte er selbst gewacht haben, die Kontrolle seiner Selbstinszenierung war bewusst.

Besonderes Augenmerk gilt dem Foto-Skizzenbuch des Philosophen: Ohne Kommentar hatte er verschiedenstes Material aus mehreren Jahrzehnten in einen rätselhaften Kontext gebracht, ohne Beischrift und Kommentar unterscheidet es sich sogar vom berühmten Atlas Gerhard Richters. Ein einziger Raum dient dem Archivmaterial der Familie, die an Bildern und besonders an der Vervielfältigung und Veränderbarkeit der Fotografie interessiert waren; ein weiterer den Porträts, die Wittgenstein selbst aufnahm oder sammelte, dazu reihen sich Nan Goldin, Sheron Lockhardt und Margherita Spiluttini. Auch dem Haus Wittgenstein und den Porträts von Räumen bis ins norwegische Skjoden, wo ein Holzhaus nach seinen Entwürfen existiert, spürten die Kuratoren nach, hier fehlt nur Bernhard Leitners wunderbarer Zyklus nach der Rettung des Hauses in der Kundmanngasse.

Besondere Kapitel sind mit der Grammatik und dem Gebrauch der Fotografie befasst, wobei Inés Lombardis plastische Bildlogik schön mitspricht, ein besonderes Augenmerk dabei gilt den "Lügen der Photographie" und Wittgensteins Nonsense-Collection, die wiederum verbunden wird mit formal-verrätselten Fragen von Otto Zitko, Anna und Bernhard Blume, Anna Jermolaewa oder Sigmar Polke. Der Tod und die gesammelten Zeitungsausschnitte aus Daily News zu übersinnlichem Glauben und Phänomenen, gesammelt von einem Schüler des Philosophen 1928, bilden einen abschließenden konzeptuellen Aspekt, dem die Auseinandersetzung des Schwerkranken zu seinem Ableben folgt.

Ludwig Wittgenstein wurde von seinem Lebensgefährten Ben Richards am Totenbett mit Kamera dokumentiert, offenbar wollte er das selbst, da er zuvor von seiner Schwester Hermine eine Zeichnung des toten Musikers Josef Labor in Fotografie anforderte, um sich die nüchterne Aufnahme zu überlegen, ganz nach seiner Auffassung: "Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht."