Kontrolle ist gut, aber überschätzt. Wenn die vergangen zwei Jahre eines bewiesen haben, dann das: Die Menschheit hat den Planeten nicht mehr unter Kontrolle. Wenn sie ihn jemals hatte und sich das Bibelzitat "Macht euch die Erde untertan" irgendwann als vollendet erwiesen hätte. Bei all dem technologischen Fortschritt, den fadenscheinigen Durchhalteparolen der Politiker im Angesicht der Klimakatastrophe - wie in diesen Wochen im schottischen Glasgow wieder augenscheinlich praktiziert wird -, den Versuchen, die massiven Risse in den Gesellschaften zu relativieren, und - last, but not least - einer Pandemie, die Regierungen die lange Nase zeigt und nicht ums Verrecken verschwinden will, lässt sich schwer behaupten, dass der Menschheit mit sicherer Hand die Kontrolle über den blauen Planeten obliegt. Ein Trugschluss.

Diesem Trugschluss widmet sich die diesjährige 17. Ausgabe der Vienna Art Week. Unter dem Generaltitel "House of Losing Control" hat das Team um Festivalleiter Robert Punkenhofer einen enorm divergenten Parcours durch die Wiener Kunstszene zusammengestellt. Das Hauptquartier des Kontrollverlusts hat die Vienna Art Week in einem verlassenen Industrieareal im zweiten Wiener Gemeindebezirk aufgeschlagen. Dort ist auch die weiterführende, von Punkenhofer kuratierte Ausstellung mit demselben Titel zu sehen. Die wesentlichen Fragen, die die Ausstellung, aber auch die Atelier-, Galerien- oder Museumsbesuche aufwerfen und - mit viel Glück - auch beantwortet werden, drehen sich eben darum, wie Menschen in den verschiedenen Lebensabschnitten Kontrolle bewahren können oder wie schlimm es denn sei, diese zu verlieren. Ob es nicht auch unglaublich befreiend ist, sich einem Kontrollverlust hinzugeben.

Mehr als 15 Galerien

Auf jeden Fall hat die Vienna Art Week auf einer Ebene die Kontrolle wiedererlangt, wie der Direktor des Dorotheums und Leiter des Wiener Art Clusters, Martin Böhm betont. "Es freut uns wahnsinnig, dass wir endlich wieder eine analoge Art Week anbieten können", gibt er sich erleichtert: "Die Unsicherheiten im Vorfeld und die Forderungen nach Einhaltung aller strengen Gesundheitsvorschriften konnten nicht verhindern, dass alle Kunst-Institutionen der Stadt, mehr als 15 Galerien und circa 100 Künstlerlinnen und Künstler in dieser Woche am Programm teilnehmen!" Für Punkenhofer und Böhm ist es von großer Bedeutung, dass nach der erzwungenen Pause im Vorjahr, die Stadt und die hiesige Kunstszene wieder ins internationale Rampenlicht geschoben werden. Und der vierten Welle zum Trotz haben sich zahlreiche Sammler, Kunstinteressierte und Medien aus dem Ausland dafür die kommenden Tage angekündigt, unterstreicht Punkenhofer.

Zur Ausstellung im abgewrackten Autohaus: Prunkenhofer hat 80 nationale wie internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Eine Einladung, die er mit dem Appell verbunden hat, mit den weitläufigen Hallen der Industrieruine zu spielen. Sich für das - unbeheizte - Umfeld etwas zu überlegen, mit "in situ" Arbeiten Aufmerksamkeit zu erregen - wenn auch nur für diese eine Woche. Eben nicht nur eine Leinwand, ein Video oder eine Skulptur vorbeizubringen. Ein erheblicher Teil der Künstlerinnen und Künstler folgte Punkenhofers Aufforderung. Wie Peter Sandbichler mit seiner beeindruckenden schlangenförmigen, hängenden Skulptur aus Karton. Oder das ironische Video "Unitled (After Lumiére)" von Anna Jermolaewa, das einen Flohmarkt in Kiew zeigt, durch den in regelmäßigen Abständen kontrolliert ein Zug fährt und so die Verkäufer zu einer Pause zwingt.

Fulminante Pinselstriche

Mit Schrecken arbeitet die Installation einer kleinformatigen Arbeit von Cindy Sherman: Der perfekt ausgeleuchteten Fotografie nähert sich der Besucher durch dunkle Räume, um dann ein schmerzverzerrtes, unförmiges Gesicht zu erkennen. Der Maler Hubert Scheibl wiederum präsentiert ein imposantes Großformat, mit fulminanten Pinselstrichen in unterschiedlichen Grautönen. Titel der Arbeit: "Eyjafjallajökull". Der Name jenes Vulkans auf Island, der vor ein paar Jahren bewiesen hat, wie leicht, von einem Tag auf den anderen, der internationale Flugverkehr die Kontrolle über seine Flugpläne verlieren kann. Sehr nuanciert und pulsierend bringen Hannah Neckel und Vidya Gastaldon mit ihren Arbeiten die Thematik "losing control" auf den Punkt. Auf dem Gelände gab es bis vor ein paar Jahren einen Klub, den man über einen verwinkelten Gang erreicht. Im Dunklen der Diskothek hat Hannah Neckel eine überdimensionale Herz-Skulptur mit Ketten platziert und Vidya Gastoldon ergänzt die Präsentation mit einem halluzinatorischen Video (Musik Alexander Joly), dass sich durch die Spiegelwände verhundertfacht. Nach ein paar Minuten an diesem Ort, besteht tatsächlich die Möglichkeit - Gefahr? - die Kontrolle zu verlieren.

Letztendlich steht zu befürchten, dass es sich die Besucher ob des vielfältigen, sehenswerten Programms in der kommenden Woche nicht wird leisten können, die Kontrolle zu verlieren. Dafür bedarf es minutiöser Planung und intensiver Kontrolle.