Mit der Pinakothek der Moderne reiht sich München in die obere Liga der Kunststädte ein. Das 2002 eröffnete Museum wird zu Recht in einem Atemzug mit bedeutenden Kunsteinrichtungen der Welt genannt - der Londoner Tate Modern, dem Pariser Centre Pompidou, dem New Yorker Museum of Modern Art. Der Neubau im Bauhausstil, entworfen von Architekt Stephan Braunfels, liegt nur einen Steinwurf von der Alten und der Neuen Pinakothek entfernt und bietet eine Ausstellungsfläche von 12.000 Quadratmetern.

Die drei Pinakotheken ergänzen einander wie ein Puzzle: Die "Alte" beherbergt europäische Malerei vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, die "Neue" bildet die Klassische Moderne ab und die "Moderne" ist den Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet. Gemeinsam bilden sie rund um die Barer Straße, unweit der Münchner Altstadt, ein weltweit einzigartiges Kunstareal mit weitläufigem Park. Eine weitere nachahmenswerte Besonderheit: An jedem Sonntag kostet der Eintritt in alle drei Schwestermuseen nur einen Euro.

Im Zentrum der Pinakothek der Moderne befindet sich eine gläserne Rotunde mit einer 25 Meter hohen Glaskuppel, in der derzeit eine gigantische kugelförmige Skulptur von Anish Kapoor ausgestellt ist. Ein Blickfang im ungewöhnlichen Foyer, der ideale Ausgangspunkt für die Erkundungen in den unterschiedlichen Abteilungen.

Im Grunde vereint die Pinakothek der Moderne vier Museen: Kunst, Grafik, Design und Architektur. Im Ober- und Untergeschoß befinden sich die permanenten Ausstellungen, im Erdgeschoß die Wechselausstellungen. Die aktuelle Kunstausstellung "Au rendez-vous des amis" strebt einen Dialog zwischen Bildern der Klassischen Moderne und der Gegenwart an, Cindy Sherman trifft hier etwa auf Egon Schiele. Die Grafik richtet den Blick auf die sonst häufig unterschätzte Medienkunst, zu sehen ist etwa David Claerbouts filmische Bewegungsstudie "Long Goodbye" (2007). Die Design-Abteilung setzt sich aktuell mit Künstlicher Intelligenz und Robotik auseinander.

In der Armutsspirale

"Who’s Next. Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt" ist die soeben eröffnete grandiose Architektur-Ausstellung, ausgerichtet von der TU München. Allein der Titel "Who’s Next?" spielt darauf an, dass Wohnungslosigkeit beinahe jeden treffen könnte. Mitunter reicht eine schwere Krankheit, Trennung oder lange Arbeitslosigkeit, um das Leben nicht mehr meistern zu können. Obdachlosigkeit mag ein individuelles Schicksal sein, aber es gibt strukturelle Gründe und politisches Versagen, wenn die Armutsspirale so weit nach unten führt, dass man auf der Straße landet. Der Urbanist Peter Marcuse schrieb in Bezug auf Wohnungslosigkeit in den USA: "Obdachlosigkeit existiert nicht, weil das System nicht funktioniert, sondern weil es genauso funktioniert, wie es funktioniert." Steigende Mietpreise, ein entfesselter Immobilienmarkt, gepaart mit einem fehlenden Sozialstaat liefern ein Bedrohungsszenario für viele.

Die Recherchen der Ausstellungsmacher ergaben ein Paradoxon: Obwohl weltweit so viel gebaut wird wie nie zuvor, steigt die Wohnungslosigkeit dramatisch an. Im Ausstellungskatalog ist nachzulesen, dass allein in New York die Zahl der Obdachlosen von 2009 bis 2019 um 143 Prozent zunahm, in London stieg die Quote in einem einzigen Jahr, zwischen 2018 und 2019, um 18 Prozent. Für den Londoner Bürgermeister eine "nationale Schande". In San Francisco sind die Wohnungspreise so hoch, dass selbst Angestellte in Zelten leben, in Los Angeles muss eine Familie mit durchschnittlichem Einkommen beinahe die Hälfte für die Miete berappen. Viele sind nur einen Gehaltsscheck von der Katastrophe entfernt.

Nach Angaben der UN leben weltweit etwa 1,6 Milliarden auf der Straße oder in improvisierten Unterkünften, etwa 15 Millionen Menschen werden jährlich gewaltsam aus ihren Wohnungen vertrieben, das betrifft zunehmend junge Menschen und Familien mit Kindern. Auch wenn es noch keine aktuellen Daten gibt, wird wohl leider zu Recht befürchtet, dass die prekäre Lage durch die Corona-Krise noch verschärft wurde. In "Who’s Next?" laufen auch einige Videos, in denen Wohnungslose selbst zu Wort kommen. Bedrückend sind etwa die Schilderungen einer Mutter, die mit ihren drei Kindern in einer New Yorker Notunterkunft das Auslangen findet, ihr täglicher Kampf, um alle satt zu bekommen, und die kräfteraubenden Bemühungen, die Not vor den anderen, vor allem den Schulfreunden der Kinder zu verbergen.

Gegen Stigmatisierung

Mit raumhohen Plakaten führt der erste Ausstellungsraum gesellschaftspolitische Dimensionen der Wohnungslosigkeit vor Augen, schlaglichtartig wird die Situation von Obdachlosen etwa in Mumbai und New York, in Shanghai und Tokio skizziert.

Was ist zu tun? Welche politischen Maßnahmen sollten ergriffen werden? Welche Rolle kann die Architektur in dem Geflecht einnehmen? Darum geht es im zweiten Ausstellungsraum, hier werden 19 Best-Pracitce-Modelle aus der ganzen Welt vorgestellt, eins davon kommt übrigens aus Wien: Das renovierte Biedermeierhaus "VinziRast - mittendrin" in der Währinger Straße 19 in Wien Alsergrund beherbergt seit 2013 etwa 30 Bewohnerinnen und Bewohner in einmaliger Zusammensetzung: Die Hälfte sind Obdachlose, die andere Hälfte Studierende. Eine WG, um soziale Barrieren abzubauen. Das Projekt des Architekturbüros gaupenraub +/- von Alexander Hagner und Ulrike Schartner hat noch mehr vor: Ein Restaurant und Gastgärten im Erdgeschoß sowie Veranstaltungen im Dachstudio ermöglichen weitere Kontakte zwischen Besuchern und Bewohnern. Die VinziRast wird in der Ausstellung als Paradebeispiel hervorgehoben, wie man gegen Stigmatisierung vorgehen kann. Ähnlich funktioniert das Londoner Projekt "Shelter from the Storm" von Holland Harvey Architects, hier versucht man eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, mit Ausbildungsstätten und einer Fahrradwerkstatt.

Selten gelingt einer Ausstellung eine so schlüssige Dramaturgie, von der Darstellung der Misere der Wohnungslosigkeit zu bereits erprobten Lösungsansätzen. Zudem verbindet "Who’s Next?" berührende Momente mit nüchterner Erkenntnis. Am Ende der Ausstellung bleibt der Wunsch: Politiker aller Länder: Handelt danach!