Man darf sie also ruhig anfassen. Nur keine Hemmungen. Im Gegenteil: "Die brauchen das." Und der Peter Dörflinger, der selbstverständlich nicht von den Händen gesprochen hat (die soll man ja weiterhin nicht schütteln), der muss es schließlich wissen. Der kennt sie am besten. Wieso? Was ist er von Beruf? Therapeut? Falsch. Geburtshelfer. Gewissermaßen. Nämlich für . . .

. . . Skulpturen. Okay, er ist folglich Bildhauer. Doch das, was er auf die Welt bringt, was er aus dem Stein herausholt (und das so zuwendungsbedürftig sein soll), mutet ziemlich kreatürlich an. A-, nein: Biomorphes, das den Fingern geradezu entgegenschwillt. Schwellkörper quasi. Weiche, geschmeidige Rundungen aus hartem, widerständigem Material. (Dörflinger, auf ein aalglattes, schlüpfriges Opus zeigend: "Meeresbewohner is a beliebte Assoziation. Aber das kann irgendwas sein. A Made, a Kokon . . .") 

Man sieht nur mit den Händen gut

Jetzt muss ich fast zwangsläufig wieder an diese Anekdote über den Bildhauer und den Löwen denken, wo Ersterer gefragt wird, ob es nicht schwer sei, Letzteren aus einem Marmorblock herauszumeißeln. Die bemerkenswerte Antwort: "Nein, überhaupt nicht. Man muss lediglich alles wegschlagen, was nicht nach Löwe aussieht." Und der Dörflinger schlägt eben nicht allein alles weg, was nicht nach Löwe aussieht, sondern obendrein alles, was sich nicht im Entferntesten bio anfühlt. Und baut die Leere zwischen den Ausbuchtungen gekonnt mit ein. Nicht, dass es nicht auch eckigere Exemplare gäbe. Geometrischere, sprödere. Wie das "Haus" aus Muschelkalk.

Dieser Stein (wieder ein Serpentin tauerngrün) könnte Trost gebrauchen: "Pietà" (2018) von Peter Dörflinger. 
- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Dieser Stein (wieder ein Serpentin tauerngrün) könnte Trost gebrauchen: "Pietà" (2018) von Peter Dörflinger.

- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Die Galerie Ulrike Hrobsky ist derzeit notgedrungen ein Streichelzoo. Andernfalls würde man halt heimlich grapschen. Wenn keiner hinschaut. Die handzahmen Dinger wollen es ja nicht anders. Die provozieren einen regelrecht dazu, übergriffig zu werden, sich in ihren aufreizenden Höhlen und Untiefen zu vergraben. Außerdem: Wozu stünde sonst diese große Flasche mit dem Handdesinfektionsmittel herum, wenn man nix berühren dürfte, oder?

Und die "brauchen das", wie gesagt. Brauchen ihre Streicheleinheiten. Glänzen sie dann mehr? (Gut, manche glänzen gar nicht. Weil sie rau sind. "Das Polierte is a Möglichkeit. Aber net die anzige.") Oder schnurren sie womöglich? (Gehört hab ich nix.) Haptisches spricht nun einmal den Tastsinn an. Man schaut es vielleicht mit den Augen an, sehen tut man es allerdings erst mit den Fingern richtig. 

Da ist der Wurm drin – der Drehwurm

Noch dazu sorgt der 1957 in Villach geborene freischaffende Bildhauer dafür, dass es beträchtlich mehr "Haut" abzutasten gibt. Er nimmt vom Stein Substanz weg und vergrößert gerade dadurch dessen Oberfläche. Trotzdem meint man mit "Weniger ist mehr" meist etwas anderes. Zumindest keine Reduktion, wegen der nachher tatsächlich mehr vorhanden ist als vorher.

Hat seine Mitte sichtlich gefunden: Peter Dörflingers "Flügel" (2007) aus Birkensperrholz. 
- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Hat seine Mitte sichtlich gefunden: Peter Dörflingers "Flügel" (2007) aus Birkensperrholz.

- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Übrigens ist da praktisch überall der Wurm drin. Der Drehwurm. Ein latenter Schwindel. Zumal das potenziell kinetische Skulpturen sind, die insgeheim den Spieltrieb wecken. Die tun bloß so träge. Sind vermeintliche Bewegungsmuffel. Wenn man die antaucht, rotieren sie . . . zugegeben: nicht so schnell wie ein Kreisel. Aber um sie von einer anderen Seite zu betrachten, muss man jedenfalls nicht um sie herumspazieren. Nicht einmal sonderlich viel Kraft muss man dabei aufwenden.

Selbst diese stattliche auf einem Sockel gestrandete mutierte Robbe (oder ist das eine noch unentdeckte, kryptozoologische Meereskreatur, eine Kreuzung aus Seehund und Ungeheuer von Loch Ness?), sogar dieses faule Trumm aus einem Serpentin tauerngrün wird zum Breakdancer. Macht diesen Powermove, einen "Backspin". (Wo man sich auf dem Rücken dreht. Die etwas handlichere "Pietà", ein introvertierter Stein, in andächtiger Trauer und mit gesenktem Kopf über sein aufgebogenes Ende gebeugt, ein Lapis Dolorosus, macht das eher auf dem Popsch.) Wie das sein kann? Weil der Dörflinger auch den schwersten Stein auf den Punkt bringt. Soll heißen: Die begnadet verrenkten (und perfekt austarierten) Körper balancieren beinah alle unmerklich auf ebendiesem. 

"Rechts und links, auffe, obe"

Und warum sind manche der Objekte gestreift bzw. liniert? Weil sie aus Birkensperrholz sind. Das aus dünnen Schichten zusammengesetzt ist. Aus hölzernen Blättern, die vom Baumstamm geschält, wie von einer Küchenrolle abgewickelt worden sind. Und diese Sperrholzplatten schneidet er zu, der Dörflinger, addiert sie zu organischen Formen, lässt sie in die dritte Dimension expandieren, vielfach spontan, intuitiv, fügt da was an, klebt dort was dazu, ändert die Richtung ("rechts und links, auffe, obe"). Weiß nicht von vornherein, wohin die Reise gehen wird. Höchstens ungefähr. Und dass er das Ganze am Ende schleifen, beizen und einölen wird.

Dieses Gewächs (wiederum aus Birkensperrholz) von Peter Dörflinger hat zwar keinen Titel, aber trotzdem viel Persönlichkeit. Und die Wand ist ihm eine große Stütze. 
- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Dieses Gewächs (wiederum aus Birkensperrholz) von Peter Dörflinger hat zwar keinen Titel, aber trotzdem viel Persönlichkeit. Und die Wand ist ihm eine große Stütze.

- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Hat was von einem natürlichen Wachstumsprozess, seine Methode (die "Linien" erinnern ja wirklich an Jahresringe), die er mit einem "Spaziergang" vergleicht, einer "Wanderung in der Natur", auf der es einen einmal dahin und einmal dorthin zieht. Ein Gewächs hantelt sich an der Wand hoch. Eine surreale Kletterpflanze. Respektive scheint sie aus dem Gemäuer und dem Boden herausgequollen zu sein. ("Wie a Albtraum. Alienmäßig.") Und die hält offenbar was aus. "Man kann sich dranlehnen, man kann sich draufsetzen . . ."

Im Ernst? Obwohl sie sozusagen nur auf einem Bein steht? Durchaus. Immerhin ist sie fixiert, in der Wand verankert. Wie viele Kilos man haben darf, hat er freilich nicht gesagt, der Dörflinger. Als gelernter Bootsbauer kennt er sich aber vermutlich mit der Tragfähigkeit von Holz aus. Mit oder ohne Wasser unten drunter.

Bizarres Papiergebilde (2016): gewachsen in den Händen von Peter Dörflinger. 
- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Bizarres Papiergebilde (2016): gewachsen in den Händen von Peter Dörflinger.

- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Und als Bildhauer beherrscht er halt neben der Grundrechnungsart der Subtraktion (wobei er nicht mit dem Minuszeichen subtrahiert, sondern mit dem Meißel) außerdem die der Addition. Leimt und schraubt die Summanden (die Sperrholzplatten) zusammen. Und dann hat er noch seine "Papierpicktechnik". Was hier schwebend an Fäden hängt und vom leisesten Luftzug angeschubst wird oder auf Sockeln posiert, ist jedoch kein in den Raum hineinwucherndes Papiermaché, das sind bizarre Gebilde aus Papierröllchen oder Schachterln, komplett überklebt mit Papierstückerln. Zerfressene knochige Strukturen, Skelette einer sich ausdehnenden Fantasie. 

Wie viele Verse passen in ein Boot?

Gedichte fühlen sich auf Papier bekanntlich ebenfalls sehr wohl. In einem Lyrikband zum Beispiel. Eines von Heinrich Heine über den Transport von Lord Byrons Leichnam per Schiff ("Childe Harold") hat Dörflinger, in dessen Biografie ja ein paar Boote herumschwimmen, nun aus dem Deutschen ins Papier übersetzt.

Peter Dörflinger hat Heinrich Heines Gedicht "Childe Harold" ins Papier übersetzt. 
- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Peter Dörflinger hat Heinrich Heines Gedicht "Childe Harold" ins Papier übersetzt.

- © Gerhard Mielenz, Galerie Ulrike Hrobsky

Er hätte es sich leicht machen können und aus der Buchseite mit den zwölf Zeilen drauf kurzerhand ein simples Origami-Schiffchen falten, dennoch hat er lieber den langen Weg genommen und jeden einzelnen Vers leibhaftig auf die "starke, schwarze Barke" geschleppt: die "vermummten und verstummten Leichenhüter", den blauäugigen toten Dichter, vom Bildhauer in einen Kokon verpuppt. Respektive materialisiert sich die letzte Strophe mit ihrer "kranken Nixenbraut" und ihrem hohen Seegang (bei dem der Kokon fast über Bord geht) außerhalb vom Boot: "Und die Wellen, sie zerschellen / An dem Kahn, wie Klagelaut."

Keinen Grund zur Klage hat, wer sich ohne Berührungsängste auf die Arbeiten des Kärntners einlässt, auf sein sinnliches Spiel mit Stein, Holz und Papier. (Nicht zu verwechseln mit "Schere, Stein, Papier", wofür man auch die Hände benötigt.)