Dieser Tage hätte seine Ausstellung im Belvedere 21 eröffnet werden sollen. Daraus wir nun logischerweise leider nichts. Dafür hat er noch vor dem Lockdown die Galerie Krobath steinigen können, der Ugo Rondinone. Mit 39 Steinen. Warum nicht mit 40? Weil die nicht sauber durch drei teilbar sind.

Denn eigentlich hat der Schweizer mit Atelier in New York, der nächsten Dienstag 57 wird, die Galerie, die jetzt zwar gleichfalls zu ist, aber wenigstens über schön große Fenster verfügt, eher ver-steinert. Mit seinen Steinskulpturen. Bzw. hat er auf 13 Sockeln je drei Steine aufgetürmt. (Und 13 mal 3 = 39.) Handelt es sich bei ihm demnach um einen Vertreter dieses ominösen "Rock balancing"? Laut der englischsprachigen Wikipedia "an art, hobby, or form of vandalism" (eine Kunst, ein Hobby oder eine Form von Vandalismus). Für andere wiederum eine Meditationstechnik. Zen. Und der multimedial arbeitende Künstler ist wohl mehr ein Romantiker. 

Der Herbst fällt vom Sockel

Ein amerikanisches Berglein? "Small blue white red mountain" von Ugo Rondinone. 
- © Studio Ugo Rondinone, Courtesy: Ugo Rondinone und Krobath Wien

Ein amerikanisches Berglein? "Small blue white red mountain" von Ugo Rondinone.

- © Studio Ugo Rondinone, Courtesy: Ugo Rondinone und Krobath Wien

Schon der Titel seiner eröffneten Schau beschreibt eine lyrisch sentimentale Naturimpression, ist ein Kurzgedicht: "a low sun. golden mountains. fall." Beruhigend und stimmig wie "Wandrers Nachtlied" von Goethe. ("Über allen Gipfeln / Ist Ruh" und so weiter.) Bloß ohne Todesdrohung am Ende. ("Warte nur, balde / Ruhest du auch.") Hm. Eine tiefe Sonne, goldene Berge, Herbst. Und es ist bekanntlich augenblicklich Herbst. Oder steht "fall" nicht für die goldene Jahreszeit, sondern für "fallen"? Runterfallen? Schließlich traut man sich kaum, fester aufzutreten. Nicht, dass durch die Erschütterung am Ende noch was zu wackeln beginnt und kollabiert. Und man schuld daran wäre. Keine Angst, da balanciert eh nix lose aufeinander. Ist alles zusammengesteckt. (Was? Der hat überhaupt keine so ruhige Hand wie ein buddhistischer Mönch?)

Wurscht. Diese irren Farben (Wie nennt man dieses Orange, dieses Gelb oder dieses Punk? Extrem-Neon?) trösten einen über diese Enttäuschung hinweg. Die sind dermaßen grell und schrill, schreien und leuchten alles nieder, dass man sie gar nicht richtig fotografieren kann, geschweige denn korrekt abbilden. Die muss man live sehen, sonst hat man sie nicht gesehen.

Die innere Größe der kleinen Berge

Es grünt in natura noch viel grüner: Keine abstrahierte Topfpflanze, vielmehr Ugo Rondinones kleiner schwarz-grün-grüner Berg. 
- © Studio Ugo Rondinone, Courtesy: Ugo Rondinone und Krobath Wien

Es grünt in natura noch viel grüner: Keine abstrahierte Topfpflanze, vielmehr Ugo Rondinones kleiner schwarz-grün-grüner Berg.

- © Studio Ugo Rondinone, Courtesy: Ugo Rondinone und Krobath Wien

Eine poppige Romantik. Entfernte Echos (nämlich ziemlich genau 9.500 Kilometer Luftlinie entfernt), die von Rondinones imposanten, bis zu zehn Meter hohen "Seven Magic Mountains" herüberhallen. Aus der Nähe von Las Vegas. Eine Kunstinstallation in der Wüste. Las Vegas? Die "Magic Mountains"! (Las Vegas freilich streng genommen auch.) Sieben kolossale Steinstapel, mysteriös wie die Moai auf der Osterinsel. Knallige Markierungen in der Einöde.

Mitteldinger zwischen Hoodoos und Hybriden aus Pop- und Land-Art, zwischen geologischer und künstlerischer Formation. (Hoodoo: wie Voodoo, lediglich mit H statt mit V. Ein von der Erosion modellierter Sedimentgesteins-Turm im "Wilden Westen".) Galerist Peter Krobath: "Die Land-Art versucht ja, mit der Landschaft zu verschmelzen. Nur: Wennst die Steine bunt anmalst, wird’s schwierig mit dem Verschmelzen."

Auf ein kunsthandelstauglicheres Maß geschrumpft, machen die handlicheren Indoor-Versionen dieser "Mountains" dagegen Eindruck mit ihrer inneren Monumentalität. Und verbreiten gute Laune mit ihren ansteckend heiteren, fluoreszierenden Pigmenten. Das natürlichste Material (Stein), verborgen unter den artifiziellsten, realitätsfernsten Farben, die allerdings behaupten, sie wären die Regenbogenfarben (plus Silber, Schwarz und Weiß). Und der Regenbogen ist ein natürliches Phänomen in der Atmosphäre, oder? (Irgendwas mit Brechung.) 

Der Olivenbaum bestand zumindest nicht aus Baum

He, sind die Steine womöglich gar nicht echt, also nicht aus Stein? Rondinone ist immerhin ein Meister der Täuschung. (Wie sein Lehrer auf der Angewandten, der Ernst Caramelle. Das ist der, der Wände auf Wände malt. Die realen Wände mit dem farbgetränkten Schwamm illusionistisch ummalt. Eine simple und nichtsdestotrotz komplexe Wandmalerei.)

Der über 2000 Jahre alte, unwirklich weiß emaillierte knorrige Olivenbaum, den er 2012 dem Theseustempel im Volksgarten quasi eingepflanzt hat, war beispielsweise ein Aluguss. Und die sieben lebensgroßen Birnen, die er damals gleichzeitig bei Krobath auf dem Boden aufgereiht hat, waren Fälschungen. Imitationen. Echte Rondinones, doch falsche Birnen, auf irritierend echt geschminkt. (Bronze, Blei und Farbe.)

Und noch eine Sonne, die poppig über Ugo Rondinones Gebirgslandschaft hängt. (Oder dahinter.) 
- © Rudolf Strobl, 2020

Und noch eine Sonne, die poppig über Ugo Rondinones Gebirgslandschaft hängt. (Oder dahinter.)

- © Rudolf Strobl, 2020

Ein Perfektionist ist der Eidgenosse sowieso. Hat die Berge (die unter ihrer Farbschicht tatsächlich aus purem Stein bestehen sollen, wie mir versichert wurde) mit Schweizer Präzision einjustiert. Noch einmal der Galerist: "Wir haben Raumpläne von ihm geschickt bekommen." Wie hat man sich das vorzustellen? Mit Zentimeterangaben? "Mit Millimeterangaben!"

Und gleich zwei Sonnen runden die "gebirgige" Landschaft an den Wänden ab. Im uneckigsten Sinne des Wortes. Scheiben mit airgebrushten konzentrischen Kreisen drauf. Und während sich das Auge noch bemüht, das unscharfe Glühen im Zentrum zu fassen, darauf zu fokussieren, wird man bereits hypnotisiert.

Ein intensives Raum- und Farberlebnis, das Na-tur und Kul-tur (und Meditation) einprägsam und frisch verpartnert. Macht fröhlich.