"Elastische Variation" in klassischem Gummiringerl-Rosa: Karen Holländer studiert die kleinen Dinge des Alltags. 
- © Daniela Beranek

"Elastische Variation" in klassischem Gummiringerl-Rosa: Karen Holländer studiert die kleinen Dinge des Alltags.

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Da gab’s doch diesen Horrorfilm: "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast." Karen Holländer gibt es gleich von sich aus zu, was sie da gemacht hat. Gut, es war eh nix Strafbares. Diese Bilder hat sie halt gemalt, auf denen garantiert keine Splatter- oder Slasher-Szenen drauf sind (überhaupt nix Blutiges, nicht einmal ein gruseliger Clown) und die derzeit unsichtbar in der bechter kastowsky galerie hängen. (Unsichtbar? Na ja, wenn wegen des Lockdowns keiner kommen darf, um sie zu betrachten . . .)

Entsprechend (und das klingt fast wie ein Geständnis) trägt die Ausstellung den Titel "Last Summer". Die wird jetzt sogar bis in den Winter hinein verlängert, obwohl sie ursprünglich schon eine Woche vor Weihnachten enden hätte sollen. Aber es wäre eben echt schade gewesen, hätte sich dieser poetische Realismus dann lediglich noch für drei Tage dem interessierten Publikum gezeigt. 

Half ihm doch kein Weh und Ach

Karen Holländer zählt Schachtel und Halm zusammen: "Schachtelhalm rötlich" (2021) 
- © Daniela Beranek

Karen Holländer zählt Schachtel und Halm zusammen: "Schachtelhalm rötlich" (2021)

- © Daniela Beranek

Lauter friedliche Stillleben übrigens (bzw. Kreuzungen zwischen Blumenstillleben und Naturstudien). Wobei: Der eine Schachtelhalm (keiner im streng botanischen Sinne, vielmehr ein Wortspiel: ein Halm, der aus einer Schachtel ragt), der ist verdächtig rot an der Spitze. Ich meine den, der noch dazu gebogen ist wie eine Sense. Nicht, dass von diesem die blutige Farbe tropfen würde wie von Jasons Machete in "Freitag der 13.".

Die Künstlerin, die Holländer heißt, ohne aus Holland zu stammen, sondern im deutschen Tübingen auf die Welt gekommen ist (1964) und heute in Wien lebt, wo sie Malerei studiert hat, hat sich jedenfalls an dem schlanken, scharfen "Grünzeug" tatsächlich geschnitten: "Das ist eben die Natur auch. Die kann sich wehren." Und hat es letzten Sommer während eines Vorfalls getan, der ein bissl an jenen erinnert, den Goethe in seinem "Heidenröslein" geschildert hat. Nur mit einem Halm statt einem Röslein. Und kein Knabe wird handgreiflich, eine erwachsene Malerin. Die pflückt sich ihr widerspenstiges Modell.

Ihre übrigen Modelle hat sie meist an Ort und Stelle belassen, sie bloß mit der Handykamera fotografiert. Wenig beachtete, als Unkraut verschriene Pflänzchen vor allem, die es aus dem Grünen ins Graue verblasen hat und die nun allein, fern von ihresgleichen, im versiegelten Boden wurzeln, sich durch die Ritzen und Spalten im Asphalt zwängen, ihre Schatten auf die Häuserwände werfen. 

Die beste Freundin des Mauerblümchens

Karen Holländer macht den Löwenzahn zum Stubenhocker: "Gewächshaus" (Öl und Gefühl auf Leinwand). 
- © Daniela Beranek

Karen Holländer macht den Löwenzahn zum Stubenhocker: "Gewächshaus" (Öl und Gefühl auf Leinwand).

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Holländer ("Die Natur ist einfach so stark. Wenn wir nicht mehr da sind, wird es sie trotzdem noch geben. Die kann sich überall festhaken und festsetzen.") hat regelrecht Freundschaft geschlossen mit diesen "Mauerblümchen", denen sie in der Stadt ständig begegnet ist und die in der unwirtlichsten Einsamkeit und Betonwüste gedeihen. Hat deren Hartnäckigkeit und Grazie bewundert, sich an den bunten Klecksen erfreut. Immer wieder nachgeschaut, ob ihre Freunde wohl noch da sind. Irgendwann hat sie begonnen, sie mit einem speziellen Graffito zu beschützen. Symbolisch.

Mit weißer Kreide hat sie nämlich ein Häuschen um sie herum gezeichnet, sie mit einem "Gewächshaus" umrahmt ("wohlwissend, dass es vom nächsten Regen weggewaschen und den gegebenen Umständen ohnehin nichts entgegensetzen können würde"). Das kennt man ja von den energetischen Schutzkreisen bei magischen Ritualen. Magische Schutzhütten quasi, die man in Zeiten von Ausgangssperren, Tschuldigung: -regelungen gleich anders liest. Als ironischen Hausarrest für die, die ihren eigenen privaten Wohnbereich gar nicht selbständig verlassen können, zumal sie angewachsen sind. Den Löwenzahn, dem es freilich vermutlich sowieso längst zu kalt draußen wäre, könnte ein Polizist zumindest nimmer fragen, was er denn da mache, fernab jeder Wiese. Ob er sich hoffentlich nur die Wurzeln vertrete.

Die unbehauste gelbe Blume, die obendrein frei in der Gegend herumläuft, weil sie sich anscheinend vom Erdreich emanzipiert hat, könnte er hingegen durchaus zur Rede stellen. Immerhin trifft sich da eine grad mit einem haushaltsfremden Gelb. Einer abstrakten gelben Fläche allerdings. ("Zum Gelb hinwachsen", Öl auf Leinwand.) 

Der Schatten ist sein einziger Gefährte

Zwei, die sich verstehen: Doppelporträt mit Gänseblümchen. ("Liaison #1" von Karen Holländer.) 
- © Daniela Beranek

Zwei, die sich verstehen: Doppelporträt mit Gänseblümchen. ("Liaison #1" von Karen Holländer.)

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Mit empathischem Pinsel, der sich in die Farben, in Licht und Stimmung sinnlich einfühlt, erzählt die Malerin subtile Geschichten. Zum Beispiel die von dem Korbblütler, einem Single, dessen einzige Gesellschaft sein eigener Schatten ist, mit dem er gemeinsam alt geworden ist. Aber weiß ist er ganz allein geworden, der Löwenzahn, und reckt nunmehr sehnsüchtig sein flauschiges, kugeliges Pusteköpfchen zum schmalen himmelblauen Streifen am oberen Bildrand empor. ("Zum Blau hinwachsen.") Macht sich bereit, dass seine Gedanken und Träume bald in alle Winde verweht werden. Respektive in die Freiheit. (Okay, das sind keine Gedanken und Träume, das sind seine potenziellen Kinder. Samen mit Flugschirmchen.)

Anderswo verwirren und verschlingen sich die aberwitzig langen Stiele zweier Gänseblümchen surreal zu einem kabelsalatartigen Chaos, zu einem innigen Verhältnis. Oder einer Liebesszene? ("Liaison #1", 2021.) Der dürre Schachtelhalm (ein andrer, nicht der, der der Künstlerin aus Notwehr eine blutige Wunde zugefügt hat) und die Mohnblume, die in die Kiste, nein, in den Karton gehüpft sind, dürften ebenfalls etwas miteinander haben. Eine intime Beziehung. Die rote Blüte allein sieht bereits äußerst intim aus. Wie eine Vulva am Stiel. (Holländer: "Eine Mohnblume ist extrem erotisch. E-rot-isch.") An der zu riechen, wäre geradezu ein Koitus, ein Geschlechtsakt. Besonders wenn man an dieses Sprücherl denkt, das sich einen nasogenitalen Konnex zusammenreimt: "Wie die Nase eines Mannes . . ." (Und was ist mit der Johann-a? Und der Nase einer Frau?)

Selbst ein unscheinbares Gummiringerl wird hier zum spannenden Motiv. Wird in diverse innere Spannungszustände versetzt. Holländer wickelt es sich zuerst um den Finger und begutachtet das komplex in sich verknotete Knäuel nachher ohne anatomische Zutat. "Und dann seh ich ein superschönes Kunstwerk." Mit skulpturalem Potenzial. Bevor es sich wieder zum Ringerl ent-spannt. Die sind für sie "eine Metapher, ein Gemütszustand", die Gummiringerln. 

Offenbar hat jeder Vierbeiner einen Spieltrieb

Der Sessel tut nix, der will nur spielen: mit dem Farbakzent, den Karen Holländer auf ihn draufsetzt. ("To set a colour accent.") 
- © Daniela Beranek

Der Sessel tut nix, der will nur spielen: mit dem Farbakzent, den Karen Holländer auf ihn draufsetzt. ("To set a colour accent.")

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Sämtliche Farben hat sie durchgespielt, in denen es diese flexible Linie ohne Anfang und Ende gibt. An die hat sie sich, ganz Realistin, strikt gehalten. "Ich hab keine anderen gefunden. Deshalb ist das jetzt abgeschlossen." Das: die Serie. Die "Elastischen Variationen". Poppige Farbenakrobatik. Auf den ersten Blick sogar abwechslungsreicher als Warhols Suppendosen. Auf den zweiten sind Letztere in nicht weniger als 32 verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich (Tomato, Chicken, Bean, Chili Beef, Asparagus . . .). Die tun lediglich so identisch, so uniform.

Verspielt ist die zuagraste Malerin also zweifellos. Setzt etwa einen Farbakzent, indem sie diesem wirklich einen Sitzplatz anbietet. Konkret: den Sessel in ihrem Atelier. "To set a colour accent": die Sprache spielt mit ihrer Bedeutung, das Wort mit der Semantik. Das rosarot angemalte Stück Karton und das grüne, die beiden bleiben ja noch brav sitzen (oder halt auf der Sitzfläche), was man von Blau und Gelb nimmer behaupten kann. Und der hölzerne Vierbeiner, der beste Freund des Hinterns gewissermaßen, bäumt sich auf, macht einen Kopfstand, stützt sich bei seinen waghalsigen Stunts an der handfesten Farbfläche ab. Die gegenständliche und die abstrakte Kunst haben miteinander sichtlich eine Mordsgaudi. 

Zirkel sind Spitzentänzerinnen

Schwungvoll: Karen Holländer führt den "Zirkeltanz" (2021) vor. In Bronze. 
- © Daniela Beranek

Schwungvoll: Karen Holländer führt den "Zirkeltanz" (2021) vor. In Bronze.

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Das Spielbein einer Zweibeinerin wiederum wird zum Tanzbein. Im Selbstporträt als mathematisches Instrument, das perfekte Kreise zieht. Dort treibt sich die Künstlerin selbst auf die Spitze. Auf die Zirkelspitze. Sticht ihr Standbein in den Mittelpunkt ihres Tanzes und spreizt den anderen Schenkel anmutig ab, nachdem sie ihren Kopf kurzerhand auf den Zirkel auf ihrem Schreibtisch montiert hat. Hört sich irgendwie nach Dr. Frankenstein an. Folglich doch Horror?

Zwei Versionen existieren von dieser originellen Assemblage. Eine gemalte und eine aus schwarz patinierter Bronze. Als hätte sich der Schatten dieser Idee leibhaftig materialisiert. Und ihren Zirkel kann die Karen Holländer seither nicht mehr verwenden, weil er neuerdings blöderweise Kunst ist? I wo. Dem ist nichts passiert. Von dem hat sie vor dem Guss eine Kopie angefertigt, ihn aus Holz nachgebaut. (Die Nadel und die Mine sind Zahnstocher!) Und den Schädel mit ihrer introvertierten Physiognomie hat sie aus Ton modelliert.

Eine, die die Dinge, die sie umgeben, schlichtweg sehr persönlich nimmt. Deren Menschlichkeit offenbart.