Kein Grund, den Kopf jetzt in den Sand zu stecken, bloß weil die Galerien zu sind und man ihn nicht in den Samt stecken kann. (Gewissermaßen.) In den roten von der Gudrun Kampl nämlich, die auf dieses hocherotische Material erwiesener Maßen steht, das außerdem ziemlich theatralisch ist. (Oder ist ein Theater etwa kein klassisches Samt-Milieu, wo sich das streichelzarte Gewebe mit dem Fadenflor überall festsetzt wie Moos? Und der Vorhang ist sowieso daraus gemacht.)

Muss man sich halt notgedrungen derzeit die Nase an einer Glasscheibe plattdrücken. Schließlich hat die Galerie Steinek, die von einer Kärntnerin quasi in eine einzige erogene Zone verwandelt worden ist, zum Glück großzügige Schaufenster und profitiert definitiv von ihrer ebenerdigen Lage. (Leiter muss man folglich beim "Fensterln" keine dabeihaben.) 

Träumen ist kein Ego-Trip

Buchstaben zum Kuscheln: Weicher Lesestoff, nämlich gepolsterter Samt, von Gudrun Kampl. 
- © Galerie Silvia Steinek

Buchstaben zum Kuscheln: Weicher Lesestoff, nämlich gepolsterter Samt, von Gudrun Kampl.

- © Galerie Silvia Steinek

"Bindungen" lautet die Überschrift, unter der sich die Gedanken samtig materialisieren, die sich die 1964 in Klagenfurt geborene und in Wien lebende Künstlerin über allerlei Fesseln gemacht hat: über die des Körpers, die der Bondage-Meister, über Liebes- und sonstige zwischenmenschliche Bande und generell darüber, ob Freiheit nicht ein höchst ambivalenter Begriff ist. Entsprechend viele Schnüre sind vorhanden. Und noch mehr dünnere Fäden, die sich zwar bescheiden bis zur Unsichtbarkeit im Hintergrund halten, sich zumindest nicht in die erste Reihe drängen, ohne die aber die komplette Ausstellung wohl oder übel zerfallen würde. Denn was Kampls äußerst physische, sinnliche Welt aus Anatomie, Sprache und Fleischeslust im Innersten zusammenhält, ist Nähgarn. (Und Klebstoff.)

Ihre Kunst ist noch dazu sehr verweichlicht. Also mit Füllwatte ausgestopft. Einiges davon jedenfalls. Sie mag Malerei studiert haben (unter anderem; konkret: experimentelle Gestaltung in Malerei und Grafik sowie Trickfilm in der Klasse von Maria Lassnig, der österreichischen Meisterin der Body Awareness), doch das hindert sie ("Ich bin so ein haptischer Mensch") nicht daran, trotzdem weiche Skulpturen und ebensolche Installationen zu produzieren. Als sie damals auf der Angewandten angefangen hat, plötzlich auf – teils gemusterten – Stoffen zu malen und diese zu zerschneiden, war das noch "eine große Aufregung, ein großer Skandal", wie sie erzählt.

Samtgraffiti könnte man ihre Reizwörter aus prall gepolsterten Buchstaben vielleicht nennen, die zu bluten scheinen, weil die roten "Leinen", mit denen sie an den Nägeln aufgeknüpft worden sind, wie Rinnsale auf den Boden "fließen". (Oder lauter Nabelschnüre, mit denen die Majuskeln an ihrer Muttersprache hängen?) Diese Assoziation (die mit dem Blut) ist alles andere als abwegig. Immerhin hat Kampl hier an diesem Ort einmal kugelrunde Blutkörperchen bei der Tür hereingerollt, und die waren so groß (und bequem), dass man sie durchaus als Sitzbälle hätte verwenden können.

"EGO", "EKSTASE" (Kampl: ein Moment der Freiheit), "TRAUM" (diese Reise ins Unbewusste, auf der sich der Geist von der Realität und ihren Naturgesetzen emanzipiert, demnach kein Egotrip, mehr ein Es-Trip), "SEELE" (und die ist angeblich im Körper eingekerkert, bis dass der Tod die beiden scheidet) – "Die Wörter erzeugen in mir etwas. Gefühle. Ich fühl mich total gebunden an Sprache." 

Bis an die Zehen bewaffnet

Da kriegen wohl manche schon vom Hinschauen Liebeskummer: Gudrun Kampl rammt ins Voodooherz keine Nadel, sondern gleich ein richtiges Messer. 
- © Galerie Silvia Steinek

Da kriegen wohl manche schon vom Hinschauen Liebeskummer: Gudrun Kampl rammt ins Voodooherz keine Nadel, sondern gleich ein richtiges Messer.

- © Galerie Silvia Steinek

Mit allerlei Innereien beschäftigt sich die Künstlerin: mit den Organen, der Psyche, den Emotionen. Und mit der sprichwörtlichen Psychosomatik, wo sich einem etwas auf den Magen schlägt, einem was andres an die Nieren geht, einem die Galle hochkommt. Den Stich ins Herz hat sie als markante "Voodoofigur" visualisiert. Nur dass sie das Herzerl nicht als Nadelkissen benutzt hat wie bei den üblichen Voodoopuppen, sondern gleich ein Messer hineingerammt hat. (Um jemandem Liebeskummer zu bereiten?) Den Griff hat sie allerdings mit Samt überzogen. Tja, killing me softly. Eros und Thanatos.

Bis an die Zehen bewaffnet ist sie. Heißt das nicht eigentlich "bis an die Zähne bewaffnet"? Ja, schon. Im vorliegenden Fall sind es freilich die Zehen. Oft muss man eben genauer hinschauen, bevor man in der ansprechenden, dekorativen Ästhetik das Unheimliche entdeckt, das dort lauert. Oder das Unerwartete. Die Klingen zum Beispiel, die aus Schuhspitzen herausstechen und die roten Lederstiefeletten (Schuhgröße 39 – die von der Kampl) noch spitzer machen, während sie sich selber in einem Chaos aus adernähnlich wuchernden Samtschnüren verheddert haben. Die Schuhbandln sind offen, dennoch muss die Freiheit mühsam erkämpft werden, besonders nachdem sich die Bänder zu albtraumhafter Länge ausgewachsen haben, zu Ariadnefäden, die immer tiefer ins Labyrinth hineinführen, das sie selber fabrizieren und aus dem man lediglich noch mit einem energischen "Vorwärtsschnitt" (Titel der symbolschwangeren Arbeit) wieder herauskommen wird können. Mit einem Stechschritt im schnittigsten Sinne des Wortes. 

". . . und dann muaßt wahrscheinlich aufs Klo"

Fesselnd: fleischliches "Kleeblatt" aus der Serie "Bondage-Zeichnungen" (Kunststoff und Acryl auf Tüll) von Gudrun Kampl. 
- © Galerie Silvia Steinek

Fesselnd: fleischliches "Kleeblatt" aus der Serie "Bondage-Zeichnungen" (Kunststoff und Acryl auf Tüll) von Gudrun Kampl.

- © Galerie Silvia Steinek

Sie schießt auch scharf, die Kampl. Mit der Klebepistole. Fertigt in jeder Hinsicht (okay, eventuell nicht in ausnahmslos jeder Hinsicht, abgeschleckt hab ich die Sachen nicht) scharfe Zeichnungen an. Technik: Heißkleber (lackiert) auf Tüll. In biederer Spitzendeckerloptik. Bond-Girls mit drei zusätzlichen Buchstaben. "Bondage-Girls", deren verschnürte und verrenkte Leiber sich zu einem Kleeblatt formieren. (Hat irgendwie was von Tattoos. Als hätte die Künstlerin die Wände tätowiert, die Haut des Raums.) Befreite Lust durch freiwillige Freiheitsberaubung.

Asiatische Bondage-Boys (sechs davon fügen sich zu einem Hexagon zusammen) hat sie ebenfalls im Sortiment, wobei diese ausgeklügelte Einschränkung der Bewegungsfreiheit mittels Seilen und komplexen Verknotungen in Japan eine Kulturtechnik darstellt, eine hohe Kunst ist. Kampl versucht sich in den gefesselten Part mit den festgezurrten Gliedmaßen hineinzuversetzen: "Stundenlang stillhalten . . . und dann muaßt wahrscheinlich aufs Klo."

Anatomisch korrekt gezeichnete Herzen wiederum gruppieren sich zu einem mandalaartigen Ornament, Gedärm windet sich schmückend die weiße Wand empor und eine unglaublich detailliert wiedergegebene Lunge breitet ihre geäderten Flügel schmetterlings- oder, na ja, eher mottengleich aus, wird für ein Herz zur regelrechten Schutzmantelmadonna. "Organische Formen" meint hier also nicht einfach "rundlich, geschwungen". Sondern "geformt wie eine Lunge, ein Herz, ein Dickdarm . . .". 

Weil sich Vase auf Ekstase reimt

Organisches Mandala: Ornament aus lauter anatomisch korrekten Herzen, von Gudrun Kampl mit der Klebepistole auf Tüll gezeichnet. 
- © Galerie Silvia Steinek

Organisches Mandala: Ornament aus lauter anatomisch korrekten Herzen, von Gudrun Kampl mit der Klebepistole auf Tüll gezeichnet.

- © Galerie Silvia Steinek

Kampl lenkt meine Aufmerksamkeit auf eine filigrane Samtzeichnung (gepolsterter Samt auf Architekturkarton): "Da sind kopulierende Tiere drin. Ratten, Vögel und Frösche." Im Ernst? Ich muss mich extrem anstrengen, um in der reichhaltig gemusterten Vase zu erkennen, "wie sie aufeinanderhucken", die Ratten, Vögel und Frösche. Vase reimt sich auf Ekstase und Erstere ist grad in Letzterer, kurz: die Vase ist in Ekstase und trägt deshalb auch diesen Titel ("Extase").

Apropos "aufeinanderhucken" und "Ekstase". Im ersten Stock befindet sich die Pornoecke. Die Softpornoecke. Man ahnt bereits, was daran soft ist. Richtig: das Material. Schemenhafte Figürchen ohne jegliches Social Distancing (womöglich weil die "Samt Porno"-Serie im Jahr vor der Zeitenwende, vor Corona entstanden ist) und in diversesten Stellungen. Keine Position hat den Namen "Blümchensex". Lauter flotte Dreier oder Vierer mit dem Betrachter, der zwangsläufig fleißig mitgrapscht (mindestens in Gedanken). 

Kleider machen Beute

Gudrun Kampls Samtkleid ist gut vernetzt: "Gebunden", 2015. 
- © Galerie Silvia Steinek

Gudrun Kampls Samtkleid ist gut vernetzt: "Gebunden", 2015.

- © Galerie Silvia Steinek

Und was macht man mit dem lebensgroßen Revolver, der so knuddelig ist wie ein Teddybär? Ins Bett mitnehmen? Zum Kuscheln? Hilft der einem beim Einschlafen? Ambivalent wie das eindrucksvolle Netzkleid (Modell "Gebunden", 2015), bei dem es um nichts weniger als um Leben und Tod geht. Zwischen sexy Outfit und Käfig. (Kampl: "Man ist in die Form gepresst bis zum Ende." In die Form des Körpers?) Und obendrein ein Memento mori mit wattierten Deko-Knochen, über die man vermutlich dauernd stolpert, damit man seine eigene Sterblichkeit nur ja nicht vergisst.

Und wenn das eh nicht zum Anziehen gedacht ist? Dann stünde in der Preisliste nicht, dass es Konfektionsgröße 38 hat, oder? Ein bissl gruselig ist die Hand aus echter Haut. Vom Menschen? Blödsinn. Vom Schwein! (Die Haut. Schweine haben bekanntlich keine Hände.) Mit Symbolen von der russischen Mafia auf den Fingern. Zeichen für lebenslängliche Familienbande. La Familia. (Haut: Wie bei ihrer legendären "Gefühlsgarderobe", einer Art Rüstung, die ein Tänzer einmal tatsächlich angelegt hat.)

Gudrun Kampl ist eine Verführerin, die hinterhältig ihre Netze nach uns auswirft und uns mit ihren Begierden weckenden Fetischen ködert. Die versteht ihr Handwerk.