Was hängt an der Wand und wenn es runterfällt, kriegt es wahrscheinlich keiner mit? Ein Bild in einer Galerie im Lockdown. So gut wie alles aus der Ausstellung in der Galerie ARTECONT kann man sich aber eh auch online ansehen (https://artecont.at/aktuelle_ausstellung). In Petersburger Hängung sozusagen. Eine dicht gefüllte Bilderwand. Und wenn man mit dem Cursor drüberfährt, der übrigens einen Lupeneffekt eingebaut hat, werden sie ganz unruhig, die Arbeiten vom Drago J. Prelog, als würden sie einen anbetteln: "Klick mich an!" (Bilder sind eben exhibitionistisch. Die muss man mit Blicken füttern.)

Ein Ersatz für die Begegnung mit den Originalen ist das natürlich keiner, besonders weil ein Computermonitor erstens vergleichsweise klein ist und zweitens total glatt. Und eine "Prelografie" beispielsweise, diese Schablonentechnik zur Erzeugung reptilischer Farbhäute, eines schuppigen Reliefs aus Farbe, ist immerhin was ziemlich Haptisches. Doch lieber ein flaches Bild als gar keins. Besser virtuell als komplett unsichtbar. 

Ein Maler in der Umlaufbahn

Der Schwerpunkt der luftig hellen Schau, die bis ins Jahr 1980 zurückblickt, liegt allerdings nicht auf den "Haut- und Rindenbildern" (stellvertretend beeindruckt der "Schuppenberg" von 1989 mit seiner echsischen Oberfläche, die sich einem abstrakten Farbenspiel einprägt), fokussiert wird vielmehr auf die unverwechselbaren "Umlaufbilder", die so ikonisch zum im März des Vorjahres überraschend verstorbenen Maler und Grafiker gehören wie Quadrate (schwarze im Speziellen) zum Kasimir Malewitsch.

Sehr reptilisch. Für Drago J. Prelogs "Schuppenberg" (1989) kamen aber weder ein Krokodil noch eine Schlange zu Schaden. Die "Prelografie" ist eine reine Schablonentechnik. 
- © Galerie ARTECONT

Sehr reptilisch. Für Drago J. Prelogs "Schuppenberg" (1989) kamen aber weder ein Krokodil noch eine Schlange zu Schaden. Die "Prelografie" ist eine reine Schablonentechnik.

- © Galerie ARTECONT

Am 12. April 1961 umrundete Juri Gagarin mit dem Raumschiff Wostok 1 als erster Mensch im Weltraum einmal die Erde, am 18. Mai 1977 ist Drago Prelog erstmals in eine Umlaufbahn um eine weiße Fläche eingeschwenkt (zu Fuß) und hat auf dieser (einem Blatt Papier, abgelegt auf einem provisorischen Tisch aus einer Holzplatte und zwei Böcken) beidhändig seine Bewegungsenergie aufgezeichnet.

Die Ruhe im Zentrum des Kreisverkehrs: Der umtriebige Drago J. Prelog, den es nämlich immer wieder mit der farbgefüllten Spritze um seine Leinwände herumgetrieben hat, hat sein "Umlaufbild" hier quasi gekreuzigt und dann in der Mitte das Licht angemacht. ("Das Kreuz", 1980/2003.) 
- © Galerie ARTECONT

Die Ruhe im Zentrum des Kreisverkehrs: Der umtriebige Drago J. Prelog, den es nämlich immer wieder mit der farbgefüllten Spritze um seine Leinwände herumgetrieben hat, hat sein "Umlaufbild" hier quasi gekreuzigt und dann in der Mitte das Licht angemacht. ("Das Kreuz", 1980/2003.)

- © Galerie ARTECONT

Okay, sein Orbit war nie eine gleichmäßige Ellipse, der Prelog (1939 im heute slowenischen Celje geboren, aufgewachsen in der Steiermark, und zuletzt hat er in Wien gewohnt) hat sich immer eher "unorthodox", wie er es beschrieben hat, um die liegenden Leinwände (beim Papier ist es nämlich nicht geblieben) herumbewegt. Also nicht wie ein braver Trabant. ("Ich springe, ich hopse, ich geh auch vorwärts und rückwärts.") Ein Action Painter (und Aktionszeichner) zwischen Konzept und Sinnlichkeit? Strenge und Zufall? 

Wo das Auge des Drehwurms hinstarrt

Brisanterweise sind die Bilder geimpft. Quasi. Mit Acrylfarbe. Jedenfalls sind die dynamischen Linien, die sich auf einer aufgespachtelten Grundstimmung zu Nestern verdichten oder mehr an die Ränder drängen wie die Beckenrandschwimmer, aus echten medizinischen Spritzen gedrückt worden. Ohne Nadel allerdings.

Beharrlich und variationsreich wird die innere Ruhe eingekreist, die Stille im Zentrum der Aktionsmalerei, bis das Auge des Drehwurms hypnotisierend herausglotzt oder sich ein Fenster öffnet mit Aussicht auf eine magische Leere. Manchmal strahlt die dermaßen hell und saugt einen förmlich ein, als wäre das nicht weiße Farbe gewesen, womit der Künstler sie nachträglich aufgehellt hat, sondern ein anderer optischer Aufheller: pures Licht. Und die späten Leinwände haben mitunter wirklich ein Loch. Ein Guckerl zum Spechteln in eine "Zweitwelt", in ein malerisches Paralleluniversum dahinter.

Wir haben vielleicht keinen Planeten B, der Drago Prelog hat allerdings 2019 eine "Zweitwelt" entdeckt. (Hinter einer Leinwand, nachdem er ein Loch in diese hineingemacht hatte.) 
- © HDUNZZ, Galerie ARTECONT

Wir haben vielleicht keinen Planeten B, der Drago Prelog hat allerdings 2019 eine "Zweitwelt" entdeckt. (Hinter einer Leinwand, nachdem er ein Loch in diese hineingemacht hatte.)

- © HDUNZZ, Galerie ARTECONT

Und was hat es mit diesen skurrilen Titeln auf sich? Warum heißt etwa so ein abstraktes Opus "Jan kam zu Besuch"? Wo ist da irgendein Jan? Zugegeben, das rote Umlaufbild (datiert 2006) "Formel 1" zu nennen, ist fast naheliegend. Wenn man die Augen zusammenkneift, kann man tatsächlich – beinah – den Michael Schuhmacher erkennen, wie er mit seinem Ferrari im Kreis herumflitzt. Und eines der "Verkehrsbilder" mit "Schnellbahn" zu betiteln, ist durchaus passend (zumal auf denen die kinetische Energie stets horizontal hin- und hersaust wie auf einer Durchzugsstraße).

Man liest nur mit dem Herzen gut: Drago J. Prelogs Schriftbild "Später Frühling" (2005) ist wahrscheinlich gut zum Kontemplieren. 
- © Galerie ARTECONT

Man liest nur mit dem Herzen gut: Drago J. Prelogs Schriftbild "Später Frühling" (2005) ist wahrscheinlich gut zum Kontemplieren.

- © Galerie ARTECONT

Was freilich hat ein zu rasanten bunten Linien abstrahierter Durchzugsverkehr mit der "Rache an Frau Dr. Kaindl" zu tun? Nix. Das Kind hat schlichtweg einen Namen gebraucht. Denn: "Titel erleichtern die Arbeit mit dem Galeristen – und mit dem Finanzamt", hat mir der Prelog einmal erklärt. Und so gesellen sich gern tagesaktuell Aufgeschnapptes, das Wetter oder ein autobiografisches Detail als witzige Pointe zu den aufgeweckt ernsten Bildern und bezeugen den Sinn ihres Schöpfers für Humor und Ironie. Worin die Rache an besagter Frau Dr. Kaindl bestanden hat, hat er mir zwar irgendwann erzählt (auch um wen es sich bei dieser ominösen Dame gehandelt hat), leider hab ich’s wieder vergessen. Ich weiß nur noch: Es war was Lustiges. 

Da nahm einer das Alphabet sehr persönlich

Man muss nicht raten, was das ist. Dass es sich um ein Z handelt (1998, aus Drago J. Prelogs "Persönlichem Alphabet"), steht praktischerweise gleich daneben. 
- © Galerie ARTECONT

Man muss nicht raten, was das ist. Dass es sich um ein Z handelt (1998, aus Drago J. Prelogs "Persönlichem Alphabet"), steht praktischerweise gleich daneben.

- © Galerie ARTECONT

"Schrift ist mein Thema, meine Obsession", wird er zitiert. Während er selbst um seine Bilder "gekreist" ist, hat sich seine Kunst letztlich im Kern ums Skripturale gedreht (und um die Linie). Und wofür steht "VZJ"? Wenn man das googelt, gibt’s einen einzigen Treffer: eine bodenkundliche Zeitschrift. Das "Vadose Zone Journal". Das wird er doch nicht abonniert haben? Vermutlich nicht. Die drei nebeneinander platzierten Tafeln "V", "Z" und "J" sind außerdem kein Triptychon, das sind einfach drei schwungvoll reduzierte Buchstaben, herausgegriffen aus dem "Persönlichen Alphabet", das der Prelog, der an der Wiener Kunstakademie Schrift und Schriftgestaltung unterrichtet hat, aus seinen Umlaufbildern entwickelt hat.

Ein J hatte er ja selber im Namen. In der Mitte. J wie Julius. Und bevor er sich in Drago umbenannt hat, Drago J. Prelog, um seine südslawischen Wurzeln zu betonen, war er der Karl gewesen.

Meditativere "Texte" aus rhythmisch vibrierenden, schwankenden Stricherln, die er wie Gräser einzeln angepflanzt hat, hat er gleichfalls verfasst. (Und vielfach mit der pittoresken Aura von halb verwitterten Schriftstücken versehen.) Bestens geeignet zum kontemplativen Eintauchen. "Frohe Festtage" wünscht ein Titel im Weihnachtskartenjargon. Dass Adventkränze frappierende Ähnlichkeit mit einem Umlaufbild haben (bis auf den Umstand, dass Letzterem die Kerzen fehlen), ist trotzdem reiner Zufall.

Wie unbeirrbar und konsequent Drago J. Prelog seinen eigenen Weg verfolgt hat, zeigt die Ausstellung sehr anschaulich. Und wie er einmal gefundene Lösungen immer wieder neu befragt hat, ohne dass die Antworten alt oder abgenutzt gewirkt hätten.