Angesichts der sich in den letzten Jahren erweiternden Kluft zwischen armen und reichen Menschen landet selbst das Betriebssystem Kunst schnell auf dem Prüfstand, da doch eher die Wohlhabenden ins Museum gehen. Daneben ist auch der Umgang der Kirche mit reicher Kunst ein ambivalenter Gesichtspunkt, dem sich Dommuseums-Direktorin Johanna Schwanberg ohne Koketterie stellt. Nach "Fragile Schöpfung" zieht sich auch "arm & reich" als eine Grundkonstante durch alle Kunstepochen, drückt sich in allen Medien aus, wenngleich die Kritik an Perioden großer Ungleichheit sich seit der Renaissance vor allem in der Druckgrafik und später der Collage zeigt. Rezent transportieren aber auch die neuen Medien sozialkritische Themen in besonderem Maße.

Breit angelegte Sichtung in sechs Kapiteln

Wieder hat Schwanberg die drei Räume zum Stephansplatz hin, aber auch das Stiegenhaus und den Otto Mauer-Raum für ihre breit angelegte Sichtung in sechs Kapiteln genützt. Es beginnt mit Hubert Lobnigs performative Fotoserie "Baustelle", die Leiharbeit (vom Arbeiterstrich Triester Straße) und Gentrifizierung im Rahmen des Umbaus des Dommuseums dokumentiert hat. Die Hausmodelle von Sigi Hofer leiten in das Kapitel "Die große Schere" mit "Gott ist aus Gold" ein - so auch symbolisch in der himmlischen Farbe des spätgotischen Meisters der Martinslegende aus Schwaben. Mantelteilung betreibt die Upperclass von San Francisco kaum in Jim Goldbergs konzeptueller Fotoarbeit über "Rich and Poor", die titelgebend war, und parallel die Lebenssituation der verarmten Linda Benko seit 1985 in einem Buch dokumentierte. Paolo Woods’ Projekt "Chinafrica" verweist aktuell auf den Europäern folgende neokolonialistische Machtstrategien Chinas im Kongo, daneben die reichen Damen Rios in Farbfotos von Lamia Maria Abillama und Albrecht Wilds hyperrealistischer "Sitzender Mann" aus Müllmaterialien.

David Hammons’ "Bliz-aard Ball Sale" (1983). 
- © Courtesy Tilton Gallery, New York / Dawoud Beyourtesy

David Hammons’ "Bliz-aard Ball Sale" (1983).

- © Courtesy Tilton Gallery, New York / Dawoud Beyourtesy

Zentral füllen "Gesichter und Geschichten" mit der Ungleichheit und dem Protest in drei Kapitelteilen den ersten Saal. Hauptwerke wie Luca Giordanos Bettler, der ebenso einen Philosophen darstellen könnte, treffen auf Rembrandts "Hundertguldenblatt", sowie auf die Grafiken Bruegels auf denen Geldkassetten mit Sparbüchsen kämpfen, oder auch die großen Fische, welche die kleinen fressen, ihre bleibende Aktualität beweisend. Spottbilder sind Käthe Kollwitz, John Heartfield, Friedl Dicker-Brandeis aus den 1930er Jahren weniger, aber gut konfrontiert mit Lisl Pongers postkolonialen Meinl-Mohr-Inszenierungen oder mit den politischen Plakaten von Klaus Staeck. Kinderarmut im Bild von Peter Fendi folgt die der Frauen in einem Projekt von Otto-Mauer-Preisträgerin Isa Rosenberger. Partizipative Projekte wie jenes von Thomas Struth ermöglichen den Blick von Obdachlosen auf Passanten, dazu steht mittig das "Homeless Vehicle" von Krysztof Wodiczko.

Forderung nach einem Wandel im System

"Orte der Ungleichheit" und "Teilen und Teilhabe" werden noch mit Materialien, Symbolen und Werten verbunden. Bekannte Positionen der Arte povera wie Michelangelo Pistolettos Bettobjekt namens "Hunger" oder Joseph Beuys‘ Multiple-Tafel mit der roten Kreativ-Aufschrift "Kunst=Kapital" treffen auf das Stadtmodell des brasilianischen Projeto Morrinho (ein mittlerweile bekanntes Künstlerkollektiv aus den Favelas von Rio de Janeiro, das 2007 zur Biennale von Venedig kam). Zu entdecken ist nebst Reliquien und sozialkritischen Gemälden Ferdinand Georg Waldmüllers das aktuelle Gegenüber in Werken von Johanna Kandl. David Hammons gibt mit seiner Aktion "Bliz-aard Ball Sale" 1983 einen grotesken Seitenhieb auf Schneeballsysteme der Reagan-Jahre ab. Auch dabei fehlt der bissige Humor seitens eines Afroamerikaners nicht, der das weiße elitäre Betriebssystem Kunst selbst mit geißelt. Leichtes Konsumieren ist hier nicht angesagt, doch ist die Forderung der Protagonisten auf einen Wandel im System weder zu übersehen noch in Filmen wie Oliver Resslers "The Visible and the Invisible" zu überhören.