Bei geschlossenen Museen und Galerien bleibt Kunstbegeisterten in Lockdown-Zeiten - die am Sonntag zwar enden, aber vielleicht nach Weihnachten schon wiederkehren - nur das Wandern zu Denkmälern unter freiem Himmel. Um Kunst abseits der hiesigen Ausstellungshäuser zu entdecken, kann man sich aber auch auf jene ganz alten Spuren begeben, die aufgrund von zeitgenössischen Interventionen auch nicht von vorgestern sind: Gemeint ist das Thema Kunst und Kirche, das ganz individuell ausgekostet werden kann.

In meinem Fall ist es die Erinnerung an Weihnachtsspaziergänge mit dem Vater, der weniger Besucher von Messen war als an der Kunst interessiert, wahrscheinlich eine der Grundlagen für meine späteren Berufsentscheidungen.

Abstrakte Komposition
trifft "zackbrüchigen" Stil

Die Ruprechtskirche mit Lydia Roppolts Fenstern (seitlich). - © Bwag / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Die Ruprechtskirche mit Lydia Roppolts Fenstern (seitlich). - © Bwag / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Die älteste Kirche Wiens bietet neben ihrer Widmung an den heiligen Ruprecht zwei Entdeckungen: Zum einen, wie wichtig Glasfenster auch noch nach der klassischen Moderne für Künstleraufträge nach 1945 waren, zum anderen trifft man hier auf eine Künstlerin, die im feministischen Wiederentdeckungsboom noch unentdeckt geblieben ist: Lydia Roppolt (1922-1995).

Immer neugierig: der Fenstergucker im Dom. - © picturedesk / Kurier / Jeff Mangione
Immer neugierig: der Fenstergucker im Dom. - © picturedesk / Kurier / Jeff Mangione

Sie war als Angehörige der Benediktinischen Laiengemeinschaft prädestiniert für kirchliche Aufträge in ganz Österreich. Die Konfrontation von abstrakten Kompositionen mit dem ältesten erhaltenen gotischen Beispiel im interessanten "zackbrüchigen" Stil ist dabei besonders reizvoll. Um 1300 entstand das kleine Mittelfenster der Apsis mit einem Gekreuzigten, flankiert von Maria und Johannes, über einer Madonna mit Kind. Ergänzend hat der Maler Heinrich Tahedl (1907-1985), Absolvent der Angewandten und spezialisiert auf Glas und Mosaiken, 1949 dem heiligen Ruprecht als Lehrer und als Bischof sowie der frühen Kirchengründung 740 die seitlichen Apsisfenster gewidmet, die wie der Rest im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Die Künstlerin Roppolt, eine Schülerin von Sergius Pauser, Albert Paris Gütersloh und Herbert Boeckl, hat neben Glasfenstern auch Wandteppiche, Fresken, Objekte und Ölgemälde für viele Kirchen gestaltet. Hier zeigen von 22 nur drei Fenster abstrahierte Figuren hoher künstlerischer Qualität zu "Daniel in der Löwengrube", "Jonas und der Wal" und "Die drei Jünglinge im Feuerofen". Im Hauptschiff und Langhaus entschied sich Roppolt dann von 1953 bis 1993 für gegenstandslose, farbstarke Kompositionen, um frei nach Gebetstexten auf Elemente und Gestirne zu verweisen.

Tierisches Treiben auf dem Handlauf in St. Stephan

Doch nun zu meinen Favoriten aus der Kindheit, die heute noch Wiedersehensfreude auslösen, auch wenn sie nicht mehr berührt werden dürfen. In der Stephanskirche faszinierten mich neben den aus dem alten Orgelfuß, aber auch aus der Kanzel herausblickenden, bereits 1511/15 hyperrealistischen Selbstbildnissen von Dombaumeister Anton Pilgram der Handlauf des Treppengeländers der Kanzel mit den Kröten, Schildkröten, Schlangen und Hunden. Diese wunderbare aufsteigende Wanderung eines erlösungsbedürftigen "Gezüchts" hatte und hat für mich absolut nichts Sündhaftes an sich und wirkt auch nicht, als würde sie geistlose Materie verkörpern.

Zum Glück hat Elisabeth von Samsonow für diese wunderbaren Kunstwerke im Jahr 2010 eine zweite Sinnschicht textlich erschlossen, die einer Seelendeutung näher rückt und die Kröte als Symbol der Gebärmutter dechiffriert - eine höchst poetische Form der Analyse (bis zur Vereinigung der Gegensätze im Heiligen Gral), wie ich sie immer für meine geliebte Lurch-Parade erhofft habe.

Trotz der Impfstraße in der Barbarakapelle des Doms ist es leider fast unmöglich, auf die Empore im Apostelchor hinter dem Grabmal Kaiser Friedrichs III. zu gelangen, von wo aus man hinunterblicken kann auf die einmalige Grabplatte des niederländischen Star-Bildhauers Niclas Gerhaert van Leyden. Darum sollte man jede Gelegenheit nutzen, die dies spontan oder bei Führungen erlaubt.

Nicht allzu weit entfernt lohnt es sich, vom Josefsplatz aus, in die Augustinerkirche einzutreten, um den wohl teuersten Kenotaph einer Kaisertochter zu besuchen: Den Preis für das Werk Antonio Canovas (1757-1822) für Erzherzogin Marie Christine, die selbst künstlerisch tätige Lieblingstochter Maria Theresias, musste ihr Mann, Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen, in vielen Raten abstottern. Ihr Körper ist in der Kapuzinergruft bestattet, das Grabmal der Hausherrin der Albertina, die an verunreinigtem Wasser 1798 verstorben war, ist eine Schein-Pyramide, die ähnlich einer Bühnenarchitektur ein fünf Meter hohes Relief ist und den Eintritt ins Totenreich oder in eine Gruft inszeniert.

Der Tod kommt mit
schönen Trostgestalten

Im Sinn des Klassizismus und der Aufklärung ist der Tod auf schöne Allegorien und Trauermotive beschränkt: Selbst der Löwe schläft friedlich, bewacht von einem jungen Genius mit Wappen des Herzogs, der seine Frau als die beste Gattin beschreibt. Ein Glückgenius-Mädchen trägt ihr Profilbildnis über dieser Inschrift schwebend, den Rahmen bildet die Ewigkeitsschlange der Ägypter - die Erinnerung an Marie Christine wird mit diesem Kunstwerk immer bleiben. Die trauernde Tugend trägt eine Urne, Caritas führt einen erstaunlich muskulösen blinden Greis heran.

Alles Trostgestalten, die ihre Fortsetzung in kleinen Grabmälern am St. Marxer Friedhof finden: Der Tod ist nur der schöne Bruder des Schlafes mit ausgelöschter Lebensfackel. Es warten noch weitere Favoriten, also auf in die Außenbezirke.