Ein bisschen so, wie wenn man in einem wohligen Schaumbad sitzt und jemand schüttet Eiswasser hinein. So in etwa kann man die Ausstellung der Fotografin Susan Meiselas im Kunsthaus Wien beschreiben. Der Rundgang beginnt recht harmlos, mit der Serie "Irving Street", in der sie Mitbewohner des Studentenwohnheims in Harvard porträtiert, in dem auch sie gelebt hat. Und geht im nächsten Raum mit Bildern weiter, die den Blutdruck auch nicht besonders hochtreiben: In der langjährigen Serie "Prince Street Girls" begleitete sie Mädchen, die zu Frauen werden, in Little Italy von den 1970ern bis in die 1990er. Dann kommt man schon eher in die Nähe dessen, weshalb ein Zettel vor der Ausstellung Zartbesaitete davor warnt, dass sie überfordert werden könnten in dieser Schau: Meiselas fotografierte von 1972 bis 1975 Frauen, die auf Jahrmärkten strippten.

Masken mit Symbolkraft

Aber der Grund für die Warnung auf dem Zettel findet sich im zweiten Stock der Ausstellung. Dort nämlich sind jene Bilder zu sehen, die Meiselas in Nicaragua zwischen 1978 und 1982 während des Aufstands der Sandinisten gegen den damaligen Präsidenten Anastasio Somoza Debayle gemacht hat. Von jungen Frauen, die frech Kaugummiblasen in die Kamera platzen lassen, landet man nun bei Jugendlichen, die üben, wie man selbstgebastelte Bomben wirft. Ihr Gesicht verbergen sie hinter den traditionellen Masken der Monimbó-Indios.

Nicaraguanische Jugendliche, die das Werfen von Bomben üben, während des Aufstands Anfang der 1980er. 
- © Susan Meiselas

Nicaraguanische Jugendliche, die das Werfen von Bomben üben, während des Aufstands Anfang der 1980er.

- © Susan Meiselas

Die Indigenen, die unter besonders elenden Bedingungen in der Stadt Masaya lebten, erhoben sich im Februar 1978, der Aufstand wurde von der Somoza-Nationalgarde blutig niedergeschlagen - das Ziel, durch die Gewalt den Widerstand im Land zu brechen, erreichte sie damit nicht, im Gegenteil. Meiselas begleitete mit ihrer Kamera die Aufstände, dabei gelang ihr ein ikonisches, also auch ohne Kontext bekanntes Bild: der "Molotov-Man". Die Ausstellung zeigt auch, wie das Bild des Mannes mit Gewehr, der im Begriff ist, eine Brandbombe in Pepsiflasche zu werfen, weiterhin als Symbol für Widerstand genutzt wurde und wird: 2009 ist es Mittelpunkt eines Graffitis, das auch andere Volkslegenden versammelt. Es wurde bald übermalt. 2018 wurde das Motiv auf T-Shirts bei Studentenprotesten wieder aufgenommen. Meiselas Fotos zeigen subtile und drastische Brutalität, etwa wenn ein Kind eilig weggeschleppt (und in Sicherheit gebracht?) wird oder wenn in einem Feld Körperteile liegen.

Die Prince Street Girls. - © Susan Meiselas
Die Prince Street Girls. - © Susan Meiselas

Man muss aber oft gar nicht weit reisen, um Gewalt zu dokumentieren. In der Serie "A Room of their Own" fotografierte Meiselas Zimmer im Frauenhaus, die die vor ihren Männern Geflohenen individuell hergerichtet hatten. Dieser nachdenklichen Betrachtung folgt eine radikale. Im "Archive of Abuse" zeigt sie Polizeifotos von misshandelten Frauen. Die Nahaufnahmen von Brandblasen, nachdem ein Mann seine Frau mit kochendem Wasser übergossen hat, etwa. Immer wieder arbeitet Meiselas mit Schriftelementen, hier sind es die Aussagen der Opfer.

Doch den stärksten Tobak hat der letzte Teil der Schau zu bieten, Meiselas’ Langzeitprojekt "Kurdistan". Ausgangspunkt war die Dokumentation des Genozids an den Kurden durch das irakische Regime unter Saddam Hussein im Jahr 1988. Meiselas hat Massengräber fotografiert, die prosaisch durch Betonblöcke markiert wurden. Anderswo hilft Kleidung notdürftig bei der Kennzeichnung von anonymen Gräbern. Ein Foto zeigt eine trauernde Witwe vor einem Haufen Skelette.

Eine Vitrine offenbart einen Teil des Archivschatzes an Oral History. Er erzählt von tragischen Einzelschicksalen, wie das herzzerreißende Bild des Mannes, der über einem Baby kauert. Es ist Omar, der seinen Sohn vor dem irakischen Beschuss mit chemischen Bomben im Schutzraum der Nachbarn retten wollte. Er schaffte es nicht rechtzeitig. Meiselas dokumentiert die Diaspora der Kurden auf der ganzen Welt; wo immer sie sich aufhält, macht sie Workshops, so auch in Wien. An einer Wand hängen laminierte Ergebnisse dieser Workshops, Dokumente des Nach-vorne-Schauens. Sie sind ein versöhnlicher Abschluss dieser Ausstellung, die man nicht leicht vergisst.