Was hat es zu bedeuten, wenn die Galerie Gerersdorfer voller Blätter vom Flora ist? Na, dass bald Weihnachten ist, natürlich. (Blöde Frage. Das ist jedes Jahr so. Seit den 1970ern. Das ist ein Naturgesetz.) Aber müsste das nicht heißen: "voller Blätter von der Flora"? (Flora, die!) Nein, in dem Fall nicht.

Zum einen war "Flora, der" (Vorname: Paul) ein Mann und keine Pflanzenwelt und zum andern hatte er mehr in petto als Grünzeug. Als Zeichner und Radierer war er schließlich kein Vegetarier. Trotzdem könnte man schön langsam das Gesamtwerk des 2009 verstorbenen Tirolers (1922 in Glurns in Südtirol geboren) ebenfalls als Flora bezeichnen. Wenn sogar die Gesamtheit der Mikroorganismen im unteren Verdauungstrakt eine solche sind. (Stichwort Darmflora. Der geben wir die Restln von unseren Weihnachtskeksen ab. Das, was von den Zimtsternen und Kokosbusserln übriggeblieben ist, nachdem der Magen sie verdaut hat.) 

Der Wotan war jedenfalls mit WENIGER Raben per Du

Dass man nach dem wahren Herrn der Raben (der Wotan war grad einmal mit zwei von denen per Du, mit Hugin und Munin, der Flora wiederum mit allen; selbst auf seinem Grabstein sind welche drauf – andere haben himmlisches Geflügel, er irdischere "Engerln"), dass man also nach ihm Weihnachten stellen kann wie nach den Vanillekipferln, weil die Regel bisher gelautet hat: "Ist die Ausstellung beim Gerersdorfer zu Ende, kann man getrost die Christbaumkerzen anzünden, etwaige Kinder ihre Blockflöten hervorkramen lassen, ,Stille Nacht‘ singen und die Geschenke auspacken", das stimmt freilich nimmer so ganz.

Ein stolzer Schnabel in der Landschaft: Paul Floras "Alter Rabe". 
- © Galerie Gerersdorfer

Ein stolzer Schnabel in der Landschaft: Paul Floras "Alter Rabe".

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Letztes Jahr ist der Advent nämlich quasi bis zur Sommerpause in die Verlängerung gegangen, wegen der dauernden Lockdowns (ist wegen dem Flora demnach Ostern ausgefallen, weil seine Fans, die "Floristen", noch immer auf Weihnachten gewartet haben?), und heuer wird die Schau zumindest bis Jänner weiterlaufen, bis jenes Jahr beginnt, in dem der Künstler mit dem blumigen Nachnamen seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte (am 29. Juni hätte er das allerdings erst). Oh, man kann doch noch Weihnachten nach ihm stellen. Wenn man sich seinen Kalender daheim aufhängt. Den mit den zwölf Blättern. Aha, der kostet 29 Euro und an einem 29. hat der Flora Geburtstag. Kann das ein Zufall sein? Ja. 

Lachen, bis der Pestarzt kommt

Nicht, dass die Sujets an den Wänden so besonders weihnachtlich wären. Romantisch morbide venezianische Vedouten, Commedia-dell’arte-Typen, skurrile Einwohner von Absurdistan, eine Blasmusikkapelle in Tiroler Tracht marschiert im Gleichschritt als Armee der personifizierten "Guten Töne" aus dem Schalltrichter einer riesigen Trompete. Und nach jedem Schmunzeln scheint ein Pestarzt um die Ecke zu kommen. Spätestens auf dem nächsten Blatt. (Gespenstisch aktuell, diese unheimlichen vermummten Gestalten mit ihren kräutergefüllten Schnäbeln, ihren FFP2-Masken aus der jüngeren Neuzeit.)

Schräge Vögel? Nein, wieso? Die stehen doch wirklich sehr gerade und stramm. Und schauen sich die Parade an. (Handkolorierte Federzeichnung von Paul Flora.) 
- © Galerie Gerersdorfer

Schräge Vögel? Nein, wieso? Die stehen doch wirklich sehr gerade und stramm. Und schauen sich die Parade an. (Handkolorierte Federzeichnung von Paul Flora.)

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Immerhin ist häufig Winter (wie am 24. Dezember) oder Nacht (eine stille), auch wenn der Bote, der im Mondschein von einem einsamen Haus davonreitet, vermutlich nicht soeben ein Paket von Amazon zugestellt hat. Und nicht alles, was weiße Flügel hat, ist ein Engerl oder ein Christkind. "Der schreckliche Traum vom großen weißen Huhn": Mega-Henne (Tyrannogallus Rex, Tschuldigung: Tyrannogallina Regina) starrt eingeschüchtertes Menschenmännchen mit diesem irren Gluckenblick an, als wolle sie es gleich ausbrüten. (Und offenbar hat der Kleine die Große mit seinen Ängsten selber gemästet.)

Schwarzes Vögelchen und prächtiger Paradiesvogel (und so wie sich ihre Schnäbel einander nähern, erinnert mich das an eine berühmte Szene in der Sixtinischen Kapelle). Paul Flora hat die beiden pointiert addiert: "Zwei Vögel." 
- © Galerie Gerersdorfer

Schwarzes Vögelchen und prächtiger Paradiesvogel (und so wie sich ihre Schnäbel einander nähern, erinnert mich das an eine berühmte Szene in der Sixtinischen Kapelle). Paul Flora hat die beiden pointiert addiert: "Zwei Vögel."

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Die Frauen waren beim Flora eben das dominante Geschlecht. Die Chefinnen. Die, die oben waren. Und an einer Ornithophobie, einer Angst vor Vogerln, hat er sowieso nicht gelitten. Im Gegenteil. Mit denen hat er viel Zeit verbracht, mit den Vögeln. Hat sie ausgiebig mit Tusche oder Druckerschwärze gefüttert. Die schwarzen (seine Raben) und die bunten. (Die Paradiesvögel aus dem Tier- und vor allem dem Menschenreich. Die hat er obendrein mit Farbstiften handkoloriert: die fesch dahergockelnden Offiziere, die modisch als Federvieh herausgeputzten "manieristischen Damen".) 

Er war ja selber gefiedert

Seinen Monsieur Corbeau, einen Corvus sapiens (vernünftigen Raben) im liebevoll zerzausten Out-of-the-nest-Look, diesen Dandy mit Elmayer-Manieren (außer wenn er auf Bäume klettert oder herumfliegt – ohne Flugzeug), den macht er zum Maler ("Monsieur Corbeau, Artiste") und lässt ihn einen unvernünftigen Raben auf eine Leinwand pinseln. Einen seiner Vorfahren. (Als ob ein Homo sapiens ein Bild von einem Affen anfertigen würde.)

He, ob der Flora sich deshalb so zu den Vögeln hingezogen gefühlt hat, weil er selber gefiedert war? (Gewissermaßen.) Jedenfalls ist seine Fantasie gern mit einer Feder abgehoben. Mit der Tuschefeder. (Okay, mit der Radiernadel genauso oft. Ohne dass er deswegen zwanghaft Mücken oder andere stechfreudige Insekten oder Krankenschwestern porträtieren hätte müssen.)

Dieses "Penthaus, nostalgisch" mit Garten und in bester Höhenlage ist bereits um 260 Euro zu haben. Bezugsfertig. In Gedanken kann man jedenfalls sofort einziehen. Und wie heißt der Architekt? Paul Flora. 
- © Galerie Gerersdorfer

Dieses "Penthaus, nostalgisch" mit Garten und in bester Höhenlage ist bereits um 260 Euro zu haben. Bezugsfertig. In Gedanken kann man jedenfalls sofort einziehen. Und wie heißt der Architekt? Paul Flora.

- © Galerie Gerersdorfer

Mit markantem Strich hat er seine Figuren und Szenen pointiert charakterisiert (und mit Buntstift akzentuiert) oder hat seinen abgründigen Humor in ein feinsinniges Gespinst aus Schraffuren hineinverwoben, die sich furios bis zum düstersten Notturno verdichten konnten. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass dieser "Melanchomiker" Nostalgiker war: Auf seelenlose moderne Wolkenkratzer im internationalen Stil setzt er bevorzugt individuelle Häuschen mit rasenmäherskeptischem Garten: "Penthaus, nostalgisch." (Die Radierung ist übrigens bis Weihnachten abgepreist und bietet sich als Geschenkpapier förmlich an. Nein, nicht zum Einwickeln von etwas. Zum unter den Baum Legen, damit der Beschenkte es nachher aufhängt!) 

Weihnachten kugelt herum

Und was ist mit diesen merkwürdigen Kugeln, auf denen Harlekine oder Raben balancieren oder die surreal als verstörende Pointe (oder als unübersehbarer, fetter Schlusspunkt) auf Dorfplätzen landen? Einer, die nicht landet, sondern in der Luft bleibt, entsteigt bzw. entspringt, enthüpft gar ein Alien ("Besuch kommt"). Die kommen mir alle ziemlich weihnachtlich vor. Hängen solche runden Dinger, solche vollschlanken Kreise, nicht am Christbaum? Die Erde ist bekanntlich eine Kugel, Weihnachten dagegen kommt mit einer einzigen bei Weitem nicht aus.

Venedig muss natürlich auch noch sein: Den Himmel über der Beschaulichkeit mit Gondeln hat der Paul Flora da höchst dramatisch zerfetzt. 
- © Galerie Gerersdorfer

Venedig muss natürlich auch noch sein: Den Himmel über der Beschaulichkeit mit Gondeln hat der Paul Flora da höchst dramatisch zerfetzt.

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Hm. Wird es nicht irgendwann langweilig, sich jedes Jahr dieselben Bilder anzuschauen? Nein, wieso? Erstens nutzt sich ein gutes Blatt nicht ab, zweitens ist jedes Mal was neues Altes dabei, das ich entweder noch nicht kenne oder von dem ich wieder vergessen habe, dass ich es kenne, weil ich es noch nicht gut genug kenne, und drittens gehört das Rabensuchen beim Gerersdorfer mittlerweile zum Brauchtum wie das Ostereierverstecken.