Leider ist das Verständnis von neuen Musikströmungen seit Techno in der Kunstkritik nur bei einigen wenigen wirklich tiefergehend. Der als Fotograf bekannte, aus Deutschland stammende Wolfgang Tillmans ist nicht nur im Stil der 1980er Jahre nebenbei DJ und Musikprodozent, es ist wie seine Untersuchung der Bilder im digitalen Zeitalter eine intensive Auseinandersetzung. Diese Erkenntnis verstärkt sich dann beim Rundgang und auch durch den Textbeitrag von Diedrich Diederichsen im Katalog. Tillmans Musik zur Filmauswahl im Mumok-Kino kann per Smartphone mitgenommen werden und schon durch die kombinierende Grenzüberschreitung von Hören und Sehen wird schnell klar, dass die Sinnlichkeit selbst wichtiger Teil seiner Recherche ist. In einem Video bewegen sich silberne Netzfolien aus der Landwirtschaft in heißen Zonen, die der Künstler dann nebenan im Eingangsbereich über einer ausgewählten Bildstrecke für uns ganz haptisch kombiniert. Das Gewebe erinnert weniger an Warhols Factory als an Schallelemente in Musikstudios. In jedem Fall wird hier schon verständlich, dass Tillmans Karriere als Fotograf mit typischen Fotostrecken der Musikszene für einschlägige Magazine wie "Flex" nach 1990 startete.

Die Vielfalt als offenes System

Allerdings drängt sich das Reflexive aktueller Fotografie nicht gleich im ersten Augenblick auf. Der Raum ohne Zwischenwände auf der zweiten Ebene funktioniert durch seinen Wechsel an Themen, Größen, Farbigkeit und Montage der gemischten Werkblöcke an den Wänden. Der weite Blick und die Leere sind angenehm und die selten hinter Plexiglas geschützten "Silver"-Serien, seine abstrakt-malerischen Experimente mit Fotoemulsion, tauchen auch als direkt an die Wand gepinnte monumentale Ausdrucke auf, wechseln mit intimen Körperbildern, daneben Architekturen, Strände, verregnete Landschaften. Größensprünge und Wechsel zwischen Schwarz-Weiß, teils am Laserkopierer erzeugter alter Aufnahmen einer Interrail-Reise durch Europa, und stark farbigen Verwandten alter Stillleben lassen nicht den Eindruck von Chaos aufkommen. Die Vielfalt bildet ein offenes System. Der allererste Eindruck erinnert vielleicht nur Kundige älterer Generation an die Collage, die 1968 der weißen, von Richard Hamilton mitgestalteten LP der Beatles beigelegt war. Doch seit damals haben sich gesellschaftspolitische Inhalte und auch Fragen an den Wahrheitsgehalt fotografierter Bilder stark verändert.

Wolfgang Tillmans in der Ausstellung "Schall ist flüssig". - © Mumok / Georg Petermichl / Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London / David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans in der Ausstellung "Schall ist flüssig". - © Mumok / Georg Petermichl / Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London / David Zwirner, New York

Tillmans absichtlicher Schwenk vom alltäglichen Stillleben zu Partyresten, die man nicht gerne beseitigen würde, Hausfassaden, die völlig disparates Wachstum verschiedener Städte und Stadtviertel aufzeigen, Subkultur versus museale Räume, halten den Künstler selten davon ab, intensive Untersuchungen von Materialoberflächen einzubeziehen, wobei die Bandbreite seiner fotografischen Techniken im Digitalen natürlich mitwirkt. Auch das Handy selbst dient als seriöse Apparatur, hält Hände beim Fischessen in Nahaufnahme fest oder taucht als Objektbild im Krankenhausfoto "Lüneburg (self)" 2020 auf. Am Display gezoomt, ganz klein, der Künstler, krank und doch bei der Arbeit, über Bettzeug in Faltenbergen aus dem Krankenhausbett seine Umgebung dokumentierend.

Eine thematische Vorliebe neben der Architektur, die auch in einer Zweikanal-Videoinstallation ein "Book of Architects" präsentiert, sind kosmische Himmelsbeobachtungen, Mond und Sterne. Und auch Tillmans Debütalbum, das zu den Videofilmen gespielt wird, heißt "Mond im Erdlicht". Als Fotosujet von 1980 und 2015 wird das kosmische Schattenphänomen auch 2020 in einem "Half Moon" wichtig. Plakat, Katalog und eine Kunstkarte werden vom grauen Erdlicht am Sichelmond bestimmt - zum Titel "Der Schall ist flüssig" lässt sich da die alte Sphärenmusik der altgriechischen Philosophen zwischen Betonguss und Favela, hängender Tulpe und Bäume beschneidenden Arbeitern auf Leitern wahrnehmen.