Mein Lieblingszitat von ihm ist eindeutig: "Ich bin Autodidakt, aber ich fahr nicht Auto." Das ist ja fast schon ein gekotflügeltes Wort. (Tschuldigung: ohne Kot.) Von wem überhaupt? Na, vom Hans Staudacher, diesem leidenschaftlichen "Kritzler", der vor ziemlich genau einem Jahr in Wien verstorben ist, nur ein paar Tage nach seinem 98. Geburtstag. (Am 14. Jänner 1923 wurde er nämlich in St. Urban am Nordufer des Ossiacher Sees geboren.)

Unter dem Titel "Spuren im Raum" (vielleicht, weil er seine Fährten zwar auf der Fläche hinterlassen hat, seine skripturale Malerei allerdings trotzdem alles andere als flach ist) hat man nun in der Galerie Ernst Hilger eine beachtliche Auswahl aus dem Nachlass zusammengestellt. "Mit Werken von 1960 bis 2000" verkündet die Einladungskarte. Oder eigentlich bis 2003. Der "Blaue Alltag" zumindest datiert aus diesem Jahr. Heißt es von dem nicht sonst, er wäre grau, der Alltag? Ja. Sonst, wohlgemerkt. 

Schreiben lernt man in der Schule . . .

Seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil hatte der Carinthowiener, der sich mit kindlichem Übermut und Spieltrieb auf seinen Malgründen ausgetobt hat (und für seinen Pinsel definitiv keine Lenkerberechtigung gebraucht hat, mit seinen temporeichen Spontan-Kompositionen jedenfalls unentwegt bewiesen hat, dass man auch ohne Führerschein Gas geben kann), wenngleich man seine malerischen "Schriftstücke", seine pittoreske Poesie, gern in die Schublade mit dem Action-Painting drin stopft. Oder in den Tachismus (vom französischen "la tache" = Fleck, Klecks) einordnet. In den Abstrakten Expressionismus sowieso. Und ein Verhältnis mit dem Lettrismus (und dem OEuvre von Georges Mathieu) hat man dem Staudacher ebenfalls nachgesagt, der sich in Paris ja tatsächlich mit beidem auseinandergesetzt hat.

Gezählt hat er also streng nach Vorschrift, der Hans Staudacher. Auf diesem Blatt von eins bis acht. ("Da Da" von 1974.) 
- © Galerie Ernst Hilger

Gezählt hat er also streng nach Vorschrift, der Hans Staudacher. Auf diesem Blatt von eins bis acht. ("Da Da" von 1974.)

- © Galerie Ernst Hilger

Regelrecht musiziert hat er mit dem Pinsel. Musikalisch improvisiert. Hat sein Streichinstrument nicht allein zum Streichen benutzt, sondern genauso für ein Trommelsolo. Als Drumstick. Dass die Farbtöne bloß so gespritzt sind.

In der Schule hat der Staudacher Schreiben gelernt, das Kritzeln hat er sich selber beigebracht. In einer Anekdote aus seiner Kindheit, die er einmal erzählt hat, erkennt sein Lehrer angesichts seines vollgekritzelten Tischs sein Talent und bestellt seine Mutter zu sich. Ihr Bub müsse unbedingt Maler werden. "Damals habe ich mir angewöhnt, ständig zu kritzeln. Dabei habe ich den Lehrer missverstanden. Er meinte, ich soll Maler und Anstreicher werden. Ich hab mir aber gedacht, ich werde Kunstmaler." Oder Kunstkritzler? Kritzler auf hohem künstlerischem Niveau? 

. . . aber das Kritzeln muss man sich selber beibringen

Den Schwerpunkt hat man diesmal aufs Papier gelegt, den klassischen Lebensraum der Zeichnung und der Schrift. Und die Blätter (oft konzentrierter, luftiger, heller) können mit den acht dazugehängten Leinwänden in puncto Ausdruckskraft, Energie und Intensität problemlos mithalten. Stinken daneben nicht ab. Aquarellig verfließende Farbstimmungen oder resolutere Patzen, eine zügig hingefetzte Handschrift, die sich zur expressiven, emotionalen Geste verselbständigt, zum unleserlichen Gefühlsausbruch, subjektiven und suggestiven Kritzi-Kratzi. (Kritzi-Kratzi: Österreichisch für "Informel"?)

Noch eine Leinwand. Muss man sich die von rechts nach links anschauen? Von rechts nach links hat der Hans Staudacher jedenfalls "von rechts nach LINKS" draufgeschrieben. Im Jahr 1986. 
- © Galerie Ernst Hilger

Noch eine Leinwand. Muss man sich die von rechts nach links anschauen? Von rechts nach links hat der Hans Staudacher jedenfalls "von rechts nach LINKS" draufgeschrieben. Im Jahr 1986.

- © Galerie Ernst Hilger

Abstrakte Lyrik in freien Rhythmen sozusagen. Der Staudacher hält sich da also exakt an sein eigenes Manifest von 1960, in dem er die abstrakte Kunst wie folgt definiert: "Abstrakte Kunst ist Handschrift, Farbe, Tanz, Spiel, Zeichen, Einfall, Wort, Überfluss, Bewegung, Geschwindigkeit." Andererseits ist seine Kunst sooo abstrakt auch wieder nicht. Sooo weltfremd. Die eingestreuten "richtigen" Wörter und Satzteile sind durchaus realistisch: "Grablegung", "Sigharting", "Staudacher" . . . – okay, Letzeres ist die Signatur. Doch Sigharting ist eine Gemeinde im Innviertel. Oder "malen in der DAVIDGASSE", zum Beispiel. Die Davidgasse existiert wirklich. Die liegt in Favoriten. Und in der hatte der Maler lange sein Atelier.

Die Omi kommt zu Besuch und keine Virusvariante. 1960 war Omikron eben noch lediglich ein griechischer Buchstabe. (Übrigens das älteste Blatt in der Hans-Staudacher-Ausstellung.) 
- © Galerie Ernst Hilger

Die Omi kommt zu Besuch und keine Virusvariante. 1960 war Omikron eben noch lediglich ein griechischer Buchstabe. (Übrigens das älteste Blatt in der Hans-Staudacher-Ausstellung.)

- © Galerie Ernst Hilger

Ja gut, das mit der Davidgasse ist auf einem Leinwandbild notiert. Dafür steht es auf einer zwittrigen Mischtechnik auf Papier (1978), die doppelt signiert ist (einmal als Quer- und einmal als Hochformat) unentschieden zwischen Landschaft und Figur ("Landschaft oder Figur", "so oder so"). Im Moment ist es eine Landschaft (ein Berg?), weil sie quer hängt. Würde man die Landschaft aber um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn drehen, wäre sie plötzlich eine Figur. Na ja, behauptet das Wort "Figur", das dann halt deutlich zu lesen wäre. Im "Garten" (1969) wachsen blumige Kleckse auf Stängeln. Und das "Treffen zweier Herzen" ist eine bunte Liebesgeschichte. Herzerlkitsch vor düsterem Hintergrund. Witzig: "OMI", nein, nicht "–KRON", "OMI / MIO"!

Abstrakt oder nicht, im intimen Kleinformat (und sooo klein auch wieder nicht) war der Staudacher nicht weniger großartig.