Seit mittlerweile 30 Jahren erzählt das Jüdische Museum Hohenems nicht nur über das Judentum und die jüdische Geschichte in der Region, sondern stellt auch regelmäßig kritische Fragen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Kooperationen mit Wiener Einrichtungen, so war etwa die Ausstellung "Die Türken in Wien" 2010 zunächst im Jüdischen Museum Wien und anschließend in Hohenems zu sehen, umgekehrt startete die Schau "Hast du meine Alpen gesehen?" 2009 in Hohenems und präsentierte sich anschließend in der Dorotheergasse. Nun streckt das Vorarlberger Museum seine Fühler dauerhaft nach Wien aus: Künftig soll einmal im Jahr eine Ausstellung auch in einem Wiener Museum zu sehen sein. Den Anfang macht die Schau "Die letzten Europäer. Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee", die ab 21. Jänner 2022 im Volkskundemuseum gezeigt wird.

Auf Spendensuche

Damit so eine Kooperation jedes Jahr möglich wird, haben sich nun die Wiener Freunde des jüdischen Museums Hohenems konstituiert, denen unter anderem Ulrike Kinz, Obfrau des Vereins Vorarlberger*innen in Wien, der frühere Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, der Jurist Andreas Köb und Gertraud Auer B’orea d’Olmo, Generalsekretärin des Kreisky Forums, sowie die Kommunikationsexpertin Sonja Kato angehören. Ziel sei es, 30.000 Euro pro Jahr an Spenden zu lukrieren, um einmal jährlich das Zeigen einer Schau aus Hohenems in Wien zu ermöglichen. Ihr ist das von Hanno Loewy geführte jüdische Museum Hohenems im Zug vieler Urlaube in dem Vorarlberger Ort ans Herz gewachsen, erzählt Kato. Die Wiener Freunde wollen nun für dieses Kleinod "ein Schaufenster in Wien" schaffen, wie sie betont.

Dem ersten Kooperationspartner für dieses Schaufenster, dem Volkskundemuseum, streut Loewy jedenfalls Rosen: "Das ist ein spannender Museumsort mit Ausstellungsformaten, die etwas Neues ausprobieren." Ausgelotet würden in dem Haus österreichische Identitätskonstruktionen. Insofern passe die Schau "Die letzten Europäer" auch gut dorthin. Das sieht auch der Direktor des Wiener Museums, Matthias Beitl, so. "Das Jüdische Museum Hohenems und das Volkskundemuseum Wien treffen sich bei dem Anliegen, museologische wie gesellschaftspolitische Fragen aufzubringen und diese auch mit einer entsprechenden institutionellen Haltung zu debattieren."

Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei Europa vor einem Rückfall in nationalistische und fremdenfeindliche Ideologien bedroht, der europäische Imperativ "Nie wieder" werden von vielen in Frage gestellt, so Beitl. Zugleich würden Europas Nationalisten ihre eigene Fantasie vom "christlich-jüdischen Abendland" als Kampfbegriff gegen Zuwanderung und Integration entdecken.

Pioniere der europäischen Idee

Die Ausstellung "Die letzten Europäer" holt Pioniere der europäischen Idee vor den Vorhang, von denen viele auch jüdisch waren. Sie dachten bereits nach dem Ersten Weltkrieg über eine europäische Friedenslösung nach und machten sich für Gleichberechtigung, Menschenrechte, Pressefreiheit stark, betont Loewy. Dass gerade für Juden das Zusammenwachsen Europas zu einer rechtlichen Gemeinschaft zu spät kam, sei "der eine bittere Grundton in der Ausstellung". Der andere: "Dass vieles von dem, was nach 1945 erreicht worden ist, heute wieder zur Disposition steht", so Loewy. Wie auch Beitl prangert er dabei Nationalismus und eine neue Abschottung an.

Wer aber zählte nun zu den auch in der Schau porträtierten jüdischen Pionieren der europäischen Idee? Eine zentrale Rolle kam beispielsweise Hersch Lauterpracht zu. Er wurde 1897 in der heutigen Ukraine geboren und studierte beim Rechtsphilosophen Hans Kelsen in Wien. Von 1938 bis 1955 hatte er den Lehrstuhl für Internationales Recht in Cambridge inne, danach war er bis zu seinem Tod 1960 Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Er entwickelte die Terminologie "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", mit der Gräueltaten an Zivilpersonen im Völkerrecht verankert wurden. Der 1864 in Wien geborene Alfred Hermann Fried wiederum setzte sich sein Leben lang für den Pazifismus ein und erhielt dafür auch 1911 den Friedensnobelpreis.

Kreisky-Mythos

Vielen ein Begriff ist zudem der Schriftsteller Stefan Zweig, dessen Autobiografie "Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers" das Thema bereits im Titel widerspiegelt. Darin schrieb er etwa: "Ich bin aufgewachsen in Wien, einer zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt."

Ähnliches hat der spätere SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky 1938 erlebt. Ihn nennt Beitl auch als jene Person, die ihn in dieser Ausstellung am meisten fasziniert. "Als Kind verfolgte ich zufällig das TV-Duell zwischen Kreisky und Taus. Ich fand Kreisky einfach ‚cooler‘, was aber in meinem Erwachsenenumfeld nicht so gut ankam. Um Kreisky hat sich eine Art Mythos gebildet und es ist heute interessant zu beobachten, wer sich wann ins Kreiskyzimmer des Bundeskanzleramts setzt."