Da versteht einer das Holz aber. (Und das Holz ihn.) Der Herbert Golser ist eben ein Holzflüsterer. Wobei: Leise nähert er sich dem Holz ja nicht gerade. Vielmehr mit der Säge. Mit der fühlt er sich allerdings ins Material ein wie kein Zweiter und holt aus diesem alles raus. Und noch ein bissl mehr. Die zersägte Jungfrau ist lahm dagegen. Jedenfalls schneiden Zauberer, die bekanntlich auch gerne zersägen, die Kiste mit ihrer Assistentin drin bestimmt nicht so fein auf. (Andererseits müssen sie sie am Ende wieder zusammenfügen. Die Kiste und die Assistentin.)

In der Galerie Frey zeigt der "Teufelssäger" wieder einmal, was er kann. Spielt alle Stückln. Okay, nicht alle. Nichts von Vivaldi und genauso wenig Mozarts "Kleine Nachtmusik". Schließlich bearbeitet er das Nuss- und Birnholz, die Esche, die Pappel nicht mit dem Geigenbogen, sondern mit einem invasiven Schneidwerkzeug, das er sogar selber optimiert hat. Ursprünglich kommt er nämlich vom Elektromaschinenbau. Und aus Salzburg. (Nicht, dass Letzteres in diesem Zusammenhang irgendwas zur Sache täte.) 

Das Holz geht niemals in den Ruhestand

Musikalisch sind seine Skulpturen trotzdem irgendwie. Wenn er sie zum Beispiel in freien oder strengeren Rhythmen strukturiert, sie manchmal in regelrechte Takte unterteilt. Oder sich die fast blattldünnen Schichten in einer sanften Melodie zu wiegen scheinen. (Oder in der Strömung. Doch ob Schall oder Wasser: Hat nicht beides Wellen?) Abgesehen davon, dass die Jahresringe frappant an die Rille in einer Schallplatte erinnern. Nur, dass sie halt konzentrisch sind und keine Spirallinie. Bei einem Redwood hat er sich in sie versenkt, der Golser, wie die Nadel eines Plattenspielers, hat quasi das Zentrum eingekreist, die Vergangenheit des Baums, seine Jugend. (Dieses Opus ist freilich bereits weg.)

Teamwork: Mensch (Herbert Golser) und Holz (Nuss) arbeiten hier kongenial zusammen. (Und das Holz werkt sogar immer noch fleißig weiter.) 
- © Herbert Golser und Galerie Frey

Teamwork: Mensch (Herbert Golser) und Holz (Nuss) arbeiten hier kongenial zusammen. (Und das Holz werkt sogar immer noch fleißig weiter.)

- © Herbert Golser und Galerie Frey

Ein anregender Dialog zwischen Natur und Säge. Der Mensch macht gerade Schnitte, konfrontiert das natürlich Gewachsene mit seiner rationalen Geometrie, seinen Rastern, und das Holz reagiert darauf. (Auf die Luftfeuchtigkeit und auf Temperaturschwankungen sowieso.) Wellt sich, wird luftig und locker wie Blätterteig, fächert sich auf, kriegt Sprünge. Lässt sich mit seiner Antwort indes Zeit. Teamwork also. Das Holz, das nie in den Ruhestand geht (und nie axtstill ist, Tschuldigung: hackenstad), arbeitet fleißig mit. 

Streichhölzer: Geigen?

Herbert Golser treibt das Nussholz auf die Spitze. (Und kalkt es.) 
- © Herbert Golser und Galerie Frey

Herbert Golser treibt das Nussholz auf die Spitze. (Und kalkt es.)

- © Herbert Golser und Galerie Frey

Hm. Wenn man es ständig an seine Grenzen bringt, bis alles scheinbar bloß noch von einer einzigen Faser zusammengehalten wird, bricht dann nicht zwangsläufig immer wieder irgendwo was ab? Ja, schon. Sicher. "Aber das ist kein Drama. Das Leben ist vergänglich", nimmt der ehemalige Gironcoli-Schüler diese kleinen Fehler, die beim Sägen, beim Transportieren und beim Betrachten passieren, fatalistisch hin, während er grad ein Stückerl Redwood in der Hand hat, das soeben abgegangen ist. Außerdem macht das Imperfekte das Ganze lebendiger. Wie die schroffe Rinde, die er nicht überall wegschält. Und die zu "Streichhölzern" verarbeitete Pappel (er hat Geigen aus ihr gemacht? – nein) wäre ziemlich fad und vorhersehbar, wenn nicht ein paar von denen, die sich wie Gräser auf einer Wiese drängen, geknickt wären.

Und wie hat er dem Nussholz diese sinnliche grüne Patina gemacht? Wie hat er die hingekriegt? Ist das Schimmel? I wo. Oxidierter Kupferstaub. "Ich hab das recherchiert. Ein Pflanzendüngemittel bringt das Kupfer zum Oxidieren – Substral." Und die Brandwunden? Womit hat er die im Buchenholz erzeugt? Mit Sonnenenergie. Und verstellbaren Lupen. Technik: Sonne auf Holz. Der Künstler beschreibt den Vorgang so: "Wenn die Sonne scheint, passiert was, sonst nix." Das "s. a." im Titel dieser konzeptuellen Tafelbilder steht demnach für? Sonnenallergie? Sonnenanbeter? Falsch. Für "Solare Aufzeichnungen".

Und "awach awang"? Was Dialektales? Kalt. Spontanes Golserisch. "Adrah" ist doch ebenfalls kein weiblicher Vorname, wie "weimischu" nicht die Abkürzung für "Gemischter Satz" ist (für "Weinmischung"). Wohlklingend abstrakte Fantasietitel. 

Nicht jeder steht auf athletischen Marmor

Der Stein muss nicht immer mit Muskeln protzen: Auch beim Laaser Marmor geht er an die Grenzen des Materials, der Herbert Golser. ("scraped out", 2017/2018.) 
- © Herbert Golser und Galerie Frey

Der Stein muss nicht immer mit Muskeln protzen: Auch beim Laaser Marmor geht er an die Grenzen des Materials, der Herbert Golser. ("scraped out", 2017/2018.)

- © Herbert Golser und Galerie Frey

Der Titel für die gesamte Ausstellung könnte dafür kaum deutscher sein: "Im Wald bin ich nie allein." Stimmt. Weil einem die Bäume Gesellschaft leisten. (Sie können ja nicht davonrennen.) Hat er ein Naheverhältnis zum Wald? "Kamma schon sagen. Ich brauch net weit zu gehen, um im Wald zu sein. Ich leb ja im südlichsten Waldviertel. Südlicher geht’s nimmer. Dann fallt ma in die Donau."

Großvater: Tischler, Vater: Steinmetz. Hölzer und Steine liegen folglich in der Familie. Und was der Golser mit dem Laaser Marmor aufgeführt hat (das ist der harte, widerstandsfähige Stein, aus dem einige Statuen an der Ringstraße sind und der sich barbusig und mit wallenden Stoffen allegorisch vorm Parlament um die Pallas Athene drapiert), das ist nicht weniger beeindruckend.

Und das, obwohl sein Marmor (im Gegensatz zum athletischen vom Michelangelo) keinen Sixpack hat und keine sexy Rundungen. Oder vielleicht gerade deswegen. Dünn und zerbrechlich wie eine Eierschale faltet er sich schützend um die Stille. Formt vergleichsweise keusch und introvertiert schlanke Säulen. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus.