Plakate von Kulturinstitutionen, Festivals und auch Opernhäusern sind im ersten Jahr der Corona-Pandemie noch wichtiger geworden, schreibt der Präsident von "100 Beste Plakate im deutschsprachigen Raum", Fons M. Hickmann. Zum Glück sind die Plakatwände im öffentlichen Raum auch 2020/21 nicht weiß geblieben, auch wenn viele Ankündigungen nicht wie geplant stattfinden konnten. 1.973 Einreichungen wollten die Meisterschaft in dieser wichtigen druckgrafischen Aufgabe weitertreiben, die Jury kam diesmal nicht nur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch aus Südkorea. Natürlich musste sie vor den Bildschirmen stattfinden. Der Slogan "form follows pandemic function" wurde dabei etwas ironisch wegen der schwer datierbaren Ankündigungen von Konzerten oder Eröffnungen nicht von ungefähr erfunden. Die Ghost Edition des Skiweltcups in Adelboden 21 des Schweizers Peter Gärtl für Nordland zeigt es deutlich: Ein Geist fährt Ski, diagonal Weiß auf Schwarz.

Hotspot der Plakatavantgarde

Plakat von Fons Hickmann und Olivier Bucher unter Verwendung einer Fotografie von David Kovalenko für die Wiener Staatsoper. - © 100 Beste Plakate / Fons Hickmann M23
Plakat von Fons Hickmann und Olivier Bucher unter Verwendung einer Fotografie von David Kovalenko für die Wiener Staatsoper. - © 100 Beste Plakate / Fons Hickmann M23

In den vergangenen Jahren wanderte die Schau aus Platzmangel hinaus an die Wände der Mittelhalle des Museums, heuer sind sie auf den relativ kleinen Raum und auf viele Zwischenwände beschränkt. Dafür gibt es die Möglichkeit, alle 100 Beispiele über Bildschirme abzurufen. Erfreulich neu ist, dass es zumindest sieben österreichische Plakatentwürfe in die prämierte Auswahl geschafft haben, 43 Siegerplakate stammen aus Deutschland und 50 aus der Schweiz. Dieses Ungleichgewicht ist bei den 600 Agenturen, einzelnen Grafikern sowie auch Studierenden von Kunstuniversitäten nach wie vor zu bedauern. Stuttgart erweist sich als Hotspot der Plakatavantgarde, nicht mehr nur die Schweiz.

Die besten Plakate werden zurzeit im Kunstblättersaal im MAK ausgestellt. - © Mak / Georg Mayer
Die besten Plakate werden zurzeit im Kunstblättersaal im MAK ausgestellt. - © Mak / Georg Mayer

Bunt sind viele Plakate, vielleicht bunter als in den Jahren davor, allerdings für die Kampagne des Tanzquartiers Wien hat studio Vie schon einmal gewonnen: dieses Mal mit der Kombination fantastisch bunter Korallenfestons über Tänzerinnen. MAK-Kurator Klinger stellt auch eine Retro-Typoskript-Phase fest. Das bedeutet, die Variablen im Einsatz von künstlerischer Schrift setzen zuweilen bei besonderen Beispielen der 1970er Jahre an, wie Studierende der Züricher Hochschule der Künste oder der Kunstschule Wandsbeck in Deutschland beweisen. Oder auch das Studio Beton aus Wien, das für das Zwischenräume-Festival in Salzburg erfolgreich war. Als besonderes Beispiel kann aber auch Marianne Lewandowska aus Wien mit einem Eigenauftrag gelten, der abstrakte Formen und Typografie farblos kombiniert, oder Heimat Wien - Agentur für Veränderung mit den Lieblingen der Saison Covid, angeführt von Klopapier.

Neue Ästhetik für Staatsoper

Politische Plakate fallen meist als Eigenauftrag heraus und sind oft an Hochschulen gestaltet wie Leander Eisenmanns Serie "Stop Asad". Doch auch die Artenvielfalt ist Thema wie in Sebastian Bissingers Design "Protect Biodiversity". Oder die auffallend für kulturelle Vielfalt werbenden Plakate Henning Wagenbreths für eine niederländische Wachsbatik-Textildruckerei, die Comics und alte Motive von Firmenkultur für den afrikanischen Markt kombiniert. Fons Hickmann hat mit Oliver Bucher eine eindrückliche Plakat-Serie für die Wiener Staatsoper geschaffen, die sofort ins Auge sticht: Fremde Fotografien wurden ausgewählt, um für die Staatsoper unter Bogdan Roščić in Programmheften und Plakaten zu werben. Die völlig neue Ästhetik für Giuseppe Verdis "Don Carlos" ist ein Eyecatcher ohne Bezug zur Oper: Ein altes Flugzeug ist mitten im Fichtenwald geparkt, eine grotesk anmutende Realität.

Für "Elektra" von Richard Strauss sieht man Modell Kathi Noever mit am Boden aufgefächerten langen Haaren und poppigem Mantelkleid am Boden der Modeboutique CM von Hans Hollein liegen. Sie lag dort 1968 vor Christian Skreins Kamera, nun verführt sie uns in die Oper - für manche ein Nostalgie-Einstieg. Das Bueronardin mit Christof Nardin und Pascal Magino war für die Vienna Design Week 20 erfolgreich, wie die gelungenen drei Streifen für die Streif und das auf 22 verschobene Hahnenkammrennen von Stefan Leberer für buero butter in Wien.