Schon einmal eine 4.000 Jahre alte Maus gesehen, die noch immer ihren Mund und Schwanz bewegt? Eine aus dem Alten Ägypten tut diesen Job bis heute, und das in Pollock’s Toy Museum in Fitzrovia, London. "Das ist unser ältestes Stück", sagt Jack Fawdry, der Urenkel der Museumsgründerin Marguerite Fawdry. Der sympathische 31-Jährige betreibt nunmehr mit seiner Partnerin Emily Baker, seinem Vater im Hintergrund und einem kleinen Team an seiner Seite das heitere Nischenmuseum, dessen Herzstück historische Spielzeugtheater sind: die viktorianische Vorstufe des Playmobil.

Diese gehen zurück auf John Kilby Green: Er war im 19. Jahrhundert ein Verleger und Künstler, der regelmäßig Theatervorstellungen besuchte, um die Charaktere und Bühnenbilder möglichst akkurat zu malen. "Er arbeitete sehr schnell und detailliert an seinen Miniaturen, und das lange vor Fotografie", so Jack Fawdry.

Sollte Eric ein Hochstapler sein? Einer der ältesten Teddybären ist er aber zweifellos. - © Clemens Marschall
Sollte Eric ein Hochstapler sein? Einer der ältesten Teddybären ist er aber zweifellos. - © Clemens Marschall

Von Greens Zeichnungen wurden Druckplatten erstellt, um Abzüge auf Papier und daraus Spielzeugtheater zu fertigen. Kinder konnten kleine, liebevoll bemalte Theatermodelle nach Hause bringen, die Figuren selbst ausschneiden, und dort eigene Aufführungen orchestrieren: eine damals äußerst populäre Unterhaltungsform.

Nachdem Green 1860 starb, landete seine Sammlung über biographische Verzweigungen in Benjamin Pollocks Händen - dem Namensgeber des Museums. Pollock, einer der letzten traditionellen Spielzeugtheaterhersteller des viktorianischen Zeitalters, führte das Geschäft satte sechs Jahrzehnte bis 1937. Zu seinen Kunden zählten nicht nur Kinder, sondern auch zahlreiche Prominente, darunter Charlie Chaplin und Winston Churchill.

Die Swinging Sixties

"Diese Spielzeugtheater scheinen heute aus der Zeit gefallen, aber auch vor hundert Jahren war das viktorianische Zeitalter schon vorbei und die industrielle Revolution angekommen", sagt Jack Fawdry: "Die Menschen beschwerten sich bereits damals, wie modern und schnell das Leben sein würde, und Pollock galt mit seinem Shop zu Lebzeiten als Kuriosität - auch deswegen sind viele zu ihm gekommen." In überlieferten Zitaten hört man Pollock lamentieren: "Nicht einmal meine eigenen Kinder können noch etwas mit Spielzeugtheatern anfangen - sie sind ihnen zu langsam! Oh, diese modernen Kinder..."

In den 1950er Jahren kaufte die hippe Marguerite Fawdry sämtliche Restbestände des gerade brachliegenden Geschäfts auf und eröffnete einen neuen Shop mit angehängtem Museum, denn ihr schwante, dass Phänomene wie Kino und Fernsehen den Theatern im Kinderformat keine Chance mehr geben würden. Marguerite Fawdry, die für eine damals experimentierfreudige BBC arbeitete, zog die Avantgarde in ihren Shop: Pollock’s Toy Museum wurde zur Wunderkammer der "Swinging Sixties", in denen auch die viktorianische Ästhetik wieder aufblühte. Pop-Art-Künstler, Surrealisten und ein junger David Bowie frequentierten den Laden, der von einem kleinen Dachbodenkabäuschen zum mehrstöckigen Kuriositätenkabinett gedieh. Jack Fawdry zeigt auf Harlekinzeichnungen an der Wand und sagt: "Wenn man David Bowies damalige Kostüme und Alter Egos betrachtet, liegt es ziemlich nahe, dass er davon inspiriert war." Marguerite Fawdry verstarb 1995.

Nach wie vor steht eine große Büste von ihr im Eingangsbereich des Museums. "Sie hat noch immer den Überblick", so ihre Urenkel, der sich, wenn er an sie denkt, an mit doppelten und dreifachen Reihen überfüllte Bücherregale erinnert.

Wie wenn das Christkind läutet

Das Museum beruht auf einer gut 200 Jahre langen Geschichte und ging durch verschiedene Hände, "aber bei jeder Übergabe wurden die originalen Druckplatten weitergegeben, die wir auch heute noch haben", sagt Jack Fawdry: "Die sind ungefähr das, was Goldbarren für die Nationalbank sind." Er, selbst Grafiker, druckt damit bis heute Miniaturtheater, wagt sich aber auch an neue, selbst designte.

Der Gang durch die Sammlung ist eine Zeitreise ins Vorvorgestern: Zwei Häuser, eins aus dem 18., eins aus dem 19. Jahrhundert, wurden für die Sammlung zusammengelegt, die erfüllt ist von besonders warmen Momenten der Kindheit, die man beim Läuten des Christkinds oder beim verwöhnten Großelternwochenende gespürt hat.

Man geht über enge Stiegen auf der viktorianischen Gebäudeseite hinauf und auf der georgianischen, bautechnisch 100 Jahre zuvor, wieder hinunter. Der Plafond scheint von Stock zu Stock niedriger zu werden. Im obersten hängt er regelrecht in den vielschichtig drapierten Raum. Es knistert und knarzt wie in einem Hexenhäuschen. Skurrile Spielzeuge, die es schon lange nicht mehr gibt, werden mit handschriftlichen Notizen von der Museumsgründerin beschrieben.

Zu sehen ist eine Überfülle von Teddybären, Puppenhäusern, Zinnsoldaten, Kasperlpuppen, Keramikfiguren, Brettspielen, exotischen Masken und mechanischen Spaßmachern aus aller Welt. Man sieht die für Kinder gefertigten Spielzeuge fern des eigentlichen Zwecks, und kann sich daran frisch erfreuen: als künstlerische, aber auch gesellschaftliche Erscheinungen ihrer Zeit. Danke, Christkind.

Das Museum wird von allen Altersgruppen besucht. Viele Touristen verschlägt es in das britisch-exzentrische Haus, weswegen die Covid-Zeiten für das nicht von öffentlicher Hand geförderte Sammelsurium eine Herausforderung waren. "Sonst halten wir es lebendig, mit verschiedenen Veranstaltungen und Workshops. Kinder lernen in der Volksschule über die Geschichte von Spielzeug, um ihnen das Geschichtsfach schmackhaft zu machen", so Fawdry.

Fliegen als Puppenspieler

Das Museum wurde von Marguerite Fawdry in den 1950ern und 1960ern noch dank ihrer eigenen Sammelleidenschaft erweitert. "Damals war das noch einfacher, weil Spielzeug für viele keinen Sammelwert hatte", so der heutige Chef. Danach kam vieles von Spendern, die 4.000 Jahre alte ägyptische Maus etwa in den 1980ern von einem Ägyptologen. "Die Menschen haben oft ein sehr emotionales Verhältnis zu ihrem Spielzeug, weswegen sie sich nicht gut dabei fühlen, es einfach wegzuschmeißen", meint er. Ihnen ein neues Zuhause in einem Museum zu schenken, scheint für sie schmerzfreier.

Pollock’s Toy Museum geht bei der Annahme von Spenden, nicht zuletzt aufgrund der Platzbeschränkungen, sehr streng vor. Sie werden nur integriert, wenn sie einen Mehrwert haben. "Wir haben einen der ältesten Teddybären hier, Eric, der ist 116 Jahre alt." Seine Urgroßmutter setzte ihm noch die handschriftliche Info zur Seite: "The oldest known teddy bear".

Jack Fawdry muss selbst lachen, wenn er sagt: "Das klingt lustig, aber es ist ein sehr kontroversielles Thema, wer nun den ältesten Teddybären hat. In Amerika ist angeblich der älteste, mit 117 Jahren, aber unser Eric war der älteste meiner Uroma bekannte Teddybär, insofern können wir das so stehen lassen."

Es blitzen auch Ausstellungsstücke aus den 1980ern durch, retrofuturistische Roboterfiguren, Raumschiffe und Modellautos, "aber seien wir uns ehrlich: Viel neueres Spielzeug ist einfach hässlich und als Wegwerfprodukt gedacht - nicht als Sammelobjekt", mein Jack Fawdry.

Was seine persönlichen Lieblingsgegenstände sind? Er zeigt auf eine Figurengruppe aus Ecuador und sagt: "Ich fand die schon immer großartig, aber es hat 20 Jahre gedauert, bis ich rausgefunden habe, dass die aus Brot gemacht sind."

Dann weist der Hausherr eine Ecke weiter auf ein kleines, aus einer Walnuss gefertigtes Schweinchen aus Mexiko. Anstelle der Schnauze sieht man ein kleines Loch: "Die Idee dahinter ist, dass man eine Fliege fängt und sie durch das Loch ins Schwein kriegt. Die Fliege wird natürlich versuchen, wieder rauszukommen, aber drinnen sind Fäden montiert, die mit den Schweinsohren und dem Ringelschwanz verbunden sind. Wenn die Fliege sich bewegt, dann betätigt sie automatisch die Fäden und das Schwein bewegt sich. Die Fliege wird sozusagen zu einem Puppenspieler - bis sie wieder rausfindet."