Eine Reisende ist sie. Und ist da sogar ein bissl wie Christoph Kolumbus. Denn eigentlich entdeckt sie unentwegt eine neue Welt, die sich in der alten verbirgt und streng genommen schon die ganze Zeit dagewesen ist.

Ihre Expeditionen unternimmt Angela Andorrer freilich nicht zu irgendwelchen fernen Kontinenten, sondern ist in fremden Händen unterwegs. Bzw. treibt sie sich in ihrer aktuellen Ausstellung "Reliquie Natur", wo sie obendrein zur mahnenden Priesterin in einem Naturkult wird (weil sie außerdem eine Performerin ist), auf Blättern herum. Mit dem Pinsel, mit Ölkreiden, den bloßen Fingern. Oder orientiert sich mit der Nadel. (Nein, nicht der Kompassnadel, vielmehr der Nähnadel. Mit Nadel und Faden.) 

Sich durch die Farbgefilde träumen

Okay, viele malen auf Blättern. Deren Blätter bestehen allerdings üblicherweise aus Papier und nicht aus – Blatt. (Dem Ding, das unter anderem auf Bäumen wächst.) Bekannt ist die Deutschkanadierin (geboren am Atlantik, in Bayern erwachsen geworden), die sich mittlerweile in Klosterneuburg angesiedelt hat, ja für ihre "Handscapes" (das Wortspiel funktioniert auf Deutsch genauso: Handschaften). Die Handfläche wird zur lebenden, körperwarmen Leinwand, auf der die Malerin mit Aquarellfarben und Fantasie das zerfurchte hügelige Terrain erkundet, den Flussläufen und Pfaden, die sich eingegraben haben, und den Lebenslinien folgt, sich durch pittoreske Farbgefilde träumt.

Alle Wege führen in die Natur: "Blattscape" von Angela Andorrer (Acryl, Garn und Perlen auf einem Blatt, bei dem es sich nicht um Papier handelt). 
- © Angela Andorrer

Alle Wege führen in die Natur: "Blattscape" von Angela Andorrer (Acryl, Garn und Perlen auf einem Blatt, bei dem es sich nicht um Papier handelt).

- © Angela Andorrer

Selbst Kartografen hat sie bereits aus der Hand gelesen. Quasi. (Nicht, dass darin stünde, wohin der nächste Urlaub geht.) Hat ihnen die geheimen Karten offenbart, die sie ständig unbemerkt bei sich tragen. Die Topografie ihrer intimen Privat-Oasen.

Am Ende macht die Seife mit den schönen Farben zwangsläufig kurzen Prozess, egal wie lange man das Händewaschen hinauszögert, und holt die Ausflügler in den angeblich grauen Alltag zurück. Was bleibt, ist ein Erinnerungsfoto. (Na ja, wie bei jeder Reise.) In der Produzentengalerie färbt die Andorrer (bürgerlich: Angela Dorrer, doch irgendwann hat sich das zu Andorrer verschliffen) jetzt Blätter bunter als der Herbst ein. Im Grunde watet man aber zunächst einmal durch ein Massengrab. Die Gefallenen im Kampf ums Überleben knistern einem unter den Schritten. Trockenes, welkes Laub aus dem Garten der Künstlerin, großzügig ausgestreut. Als dekorative Endzeitstimmung. (Und hat der Parkettboden nicht dereinst eigene Blätter gehabt? Ist das nicht gefälltes Holz, das man domestiziert hat?) 

Exotische Blätterlinge

Also es ist so: Laubbäume halten Winterschlaf. Gewissermaßen. Und damit sie das bis zum Frühling durchstehen, müssen sie ihren Blättern im Herbst das nahrhafte Grün raussaugen, sich noch ein letztes Mal vollfressen, wobei die ausgezutzelten Pflanzenteile meistens gelb werden (respektive waren sie das sowieso schon vorher, man hat es nur nicht gesehen wegen dem vielen Grün), und nachher werden sie abgeworfen.

Blatt mit innerer Größe: Imposant wie ein ausgewachsener Baum ist dieses Andorrersche "Blattscape". 
- © Angela Andorrer

Blatt mit innerer Größe: Imposant wie ein ausgewachsener Baum ist dieses Andorrersche "Blattscape".

- © Angela Andorrer

An den Wänden hängen sie hingegen noch, die Blätter. Geschützt hinter Glas. Wie präparierte Schmetterlinge in Insektensammlungen. Und Andorrer macht aus dem, was ihr die Bäume und Sträucher vor die Füße legen, was sie auf Spaziergängen aufklaubt oder ihr Freunde mitbringen (aus Südamerika zum Beispiel), tatsächlich so etwas wie kapriziöse exotische Falter. Blätterlinge. Bemalt und bestickt am liebsten die angefressenen Exemplare.

Ach, die, die sauer sind? So richtig angepisst, weil ihr undankbarer Baum sie einfach verstoßen hat, nachdem sie den langen Sommer über für ihn gehackelt und sich mit der Photosynthese abgemüht haben? I wo. Sie mag die, die die Schnecken und Raupen und Käfer angeknabbert haben. Eines ist vom Zahn der Zeit oder dem herumkrabbelnden Hunger gar fast bis aufs Skelett abgenagt worden.

Empathisch arbeitet sie die Zerbrechlichkeit der Natur heraus, des Lebens überhaupt, konserviert, rekonstruiert, verarztet, schient geknickte Stiele, näht oder betont offene Wunden. Hört zu. ("Ich lass die Blätter wirklich zu mir sprechen.") Eine Blattversteherin eben. Plötzlich erkennt sie Landschaften (aus der Vogel- oder Satellitenperspektive) oder "eine Insel mit Buchten". Oder spannt ein Wegenetz aus Garn mathematisch präzise über die wachsige Epidermis. Macht Musik. Fädelt Perlen wie Noten auf den "Saiten" auf. Oder wie Tautropfen. (Gelernte Geigerin ist sie übrigens auch.) 

"Man braucht gute Nerven" – und gute Gene

Und wie macht sie das, dass ihre fragilen Werke, die immerhin von der Vergänglichkeit erzählen, nicht zerfallen? "Das war ein schmerzlicher Prozess. Viele Blätter sind zerbröselt. Dann bin ich zu den Restauratoren gegangen." Nämlich zu denen vom Naturhistorischen Museum. Die haben ihr eine spezielle Paste empfohlen. "Es gibt immer wieder Leute, die das Rezept von mir haben wollen, aber das ist ein Berufsgeheimnis." Mir verrät sie es genauso wenig. Lediglich so viel: Seither hängt sie ihre noch unbemalten Blätter nach dem Pressen und Gummieren zum Trocknen unterm Haus auf. Äh, im Keller? Nicht direkt. Sie wohnt in so einem Stelzenbau an der Donau. (Für die zerbröselten Blätter kam freilich leider jede Hilfe zu spät.)

Selfie mit umtriebigem "Blattscape": aus Angela Andorrers "GALERIE DER REISENDEN BLÄTTER" (Acryl, Öl, Garn, Perlen und Blatt auf dem Gesicht der Künstlerin). 
- © Angela Andorrer / Anzenberger

Selfie mit umtriebigem "Blattscape": aus Angela Andorrers "GALERIE DER REISENDEN BLÄTTER" (Acryl, Öl, Garn, Perlen und Blatt auf dem Gesicht der Künstlerin).

- © Angela Andorrer / Anzenberger

Ist es nicht trotzdem heikel, mit der Nadel reinzustechen und Fäden durchzuziehen wie bei einem Stickkissen? Eh. "Man braucht wahnsinnig gute Nerven", meint sie. Die hat sie sichtlich. Und gute Gene. Jedenfalls hat sie von ihrer Mama, Inhaberin eines Stoffgeschäftes, die Freude am Handwerk geerbt, und von ihrem Papa, einem Kartographie-Professor und Antarktisforscher, den Hang zu Landkarten und –schaften.

Wenn die Blätter schließlich fertig sind, zu individuellen Charakteren herangereift (die einen sind malerischer, abstrakt expressiv, andere wieder monochrom, haben bizarre Formen oder sind in eine geometrische Fadenkonstruktion eingebunden, sind rationaler), geht sie mit ihnen auf Wanderschaft, die Andorrer. Macht sie zu "Reisenden Blättern". Zu Touristen. Hält ihre "Blattscapes" vor diverse Naturkulissen. (Seltsamerweise nehmen die Menschen ihre Haustiere mit auf Reisen, zumindest die Hunde, die Goldfische ja weniger, doch nicht ihre Zimmerpflanzen, obwohl sie mit denen oft sogar reden.) 

Die Landschaft steht ihm gut, dem Blatt

Kleine Blätter in der großen, weiten (vorwiegend österreichischen) Welt. Wie bei einer Diashow mit (beschaulich bis dramatisch) bewegten Bildern reihen sich die 42 Kurzvideos aneinander, wo jeweils ein "Blattscape" eine Landschaft "anprobiert", die ihm erstaunlich gut passt. Nicht, als wäre sie ihm ein paar Nummern zu groß.

Gut getarnt: Suchbild mit Mensch. (Diese Serie hat Angela Andorrer sinnigerweise "Skins and Leaves" genannt. Häute und Blätter.) 
- © Angela Andorrer

Gut getarnt: Suchbild mit Mensch. (Diese Serie hat Angela Andorrer sinnigerweise "Skins and Leaves" genannt. Häute und Blätter.)

- © Angela Andorrer

Im Hintergrund zieht der Johnsbach vorbei, die Nockberge erheben sich, streckt sich ein See gemütlich aus, auf dem Hochwechsel liegt Schnee (no na, da hat das Blatt die Künstlerin auf eine Skitour begleitet), und auf einer Fähre von Polen nach Schweden hat der Horizont dermaßen geschwankt, dass das Meer darunter garantiert seekrank geworden ist. Da war’s "so windig, dass ich Angst gehabt hab, dass es mir wegfliegt", das Blatt. Wie ein Schmetterling. (Womit wir wieder bei denen wären.) In der Antarktis war sie nicht (in der definitiv keine Bäume wachsen).

"Skins and Leaves": Nackte Haut und künstlerisch gestaltete Blätter treten in einen lebendigen Dialog. Das eine trägt das andere als Schmuck, als zweite Haut, als Tarnung. Ein weibliches Gesicht spechtelt scheu aus der Deckung heraus. Die einfühlsame Fotoserie zeigt den Menschen als Teil der verletzlichen Natur. Auch der Städter kann sich nicht aus der Affäre ziehen, so tun, als gingen ihn die Abholzung der Wälder oder der Klimawandel nix an. 

Anderes Wort für Restlverwertung: Reliquienkult

Anbetungswürdige Natur: Angela Andorrer huldigt ihr mit einem "Blattscape". (Die Monstarnz ist eine Leihgabe vom Stift Klosterneuburg.) 
- © Angela Andorrer

Anbetungswürdige Natur: Angela Andorrer huldigt ihr mit einem "Blattscape". (Die Monstarnz ist eine Leihgabe vom Stift Klosterneuburg.)

- © Angela Andorrer

Als letzte Chance sozusagen bietet uns eine Monstranz, eine Leihgabe aus dem Stift Klosterneuburg, ein total zerfleddertes Blatt zur religiösen Anbetung und frommen Andacht an, rahmt ein Andorrersches "Blattscape" als Reliquie. Keiner behauptet, es wäre ein Blatt vom Baum des Lebens oder dem Baum der Erkenntnis aus dem Garten Eden, ein Restl aus dem verlorenen Paradies. (Das lateinische Wort "reliquiae" bedeutet ja nichts anderes als "das Zurückgebliebene".)

Und wie man weiß befinden sich ziemlich abgefahrene Sachen in den Reliquienschätzen. Eine Feder vom Heiligen Geist (sprich eine Taubenfeder), die Steine, die Jesus in der Wüste nicht in Brot verwandelt hat (weil er dem eigenen Hunger und der Versuchung durch den Teufel widerstanden hat), ein Milchzahn der Jungfrau Maria, ein Zweig vom brennenden Dornbusch oder mein absoluter Favorit: ein Behältnis mit einer Probe der Ägyptischen Finsternis (die vermutlich undurchdringlich schwarz war, blickdicht).

Und das Blatt? Ursprünglich von einem ordinären Ahornbaum vielleicht? (Das Ahornblatt: Hat das nicht an sich bereits Ähnlichkeit mit einer Hand? Rauscht das Laub des Ahorns somit nicht, applaudiert es? Oder betet?) Hier vertritt es augenscheinlich den Leib von Mutter Natur, deren Verehrung Andorrer für "zeitgemäß und angebracht" hält. ("Wir müssen wieder zu Komplizen der Natur werden.") Entsprechend hat sie in ihrer "Cantus Klima"-Performance die naturverbundene, umweltbewusste Priesterin gegeben, verhüllt mit einem landschaftlich bedruckten Tuch.

Angela Andorrer (rechts) als Priesterin während ihrer Performance "Cantus Klima". Valerie Pauß assistiert ihr als Fahnenhalterin und zweite Stimme. 
- © Angela Andorrer

Angela Andorrer (rechts) als Priesterin während ihrer Performance "Cantus Klima". Valerie Pauß assistiert ihr als Fahnenhalterin und zweite Stimme.

- © Angela Andorrer

Und die Fahne mit demselben Blatt drauf (allerdings in Freiheit und nicht gefangen in einem liturgischen Schaugerät) und dem Spruch "We must become friends of nature", die inzwischen wieder in einer Ecke lehnt? Für die hat die Angela Andorrer noch Pläne: "Damit geh ich dann auf Klimademos." Mit der Monstranz stattdessen würde die Grenze zwischen Demonstrationszug und Fronleichnamsprozession endgültig verschwimmen.

Eine zeitlose und zugleich topaktuelle Kunst, sinnlich und voller Bezüge, wo die Natur nicht nur eine Metapher ist (für das Leben, das Werden und Vergehen), sondern in erster Linie sie selbst bleibt.