Die französische Nationalversammlung hat einstimmig die Rückgabe von 15 von den Nationalsozialisten geraubten Kunstwerken an die rechtmäßigen jüdischen Erben beschlossen. Kulturministerin Roselyne Bachelot sprach nach der Abstimmung am Dienstag von einem "historischen" Gesetzestext. Zu den restituierten Bildern zählen unter anderem Werke von Marc Chagall und Gustav Klimt.

"Es ist das erste Mal seit der Nachkriegszeit, dass die Regierung einen Gesetzestext verabschiedet hat, der die Rückgabe von Kunstwerken aus öffentlichen Sammlungen ermöglicht", die "während des Zweiten Weltkrieges weltweit geplündert oder unter düsteren Umständen während der (nationalsozialistischen) Besatzung im Rahmen der antisemitischen Verfolgung erworben wurden", sagte Bachelot. Das Gesetz muss noch vom Senat angenommen werden, eine entsprechende Abstimmung ist für den 15. Februar angesetzt.

Auch Marc Chagalls "Le père" (1911), derzeit im Centre Pompidou wird den Erben eines Holocaust-Überlebenden zurückgegeben.  
- © Musée d'art et d'histoire du Judaïsme/Wikipedia

Auch Marc Chagalls "Le père" (1911), derzeit im Centre Pompidou wird den Erben eines Holocaust-Überlebenden zurückgegeben. 

- © Musée d'art et d'histoire du Judaïsme/Wikipedia

Zurückgegeben wird unter anderem das bisher im Pariser Musée d'Orsay aufbewahrte Klimt-Gemälde "Rosen unter Bäumen", das 1980 vom französischen Staat erworben worden war. Umfassende Recherchen in den vergangenen Jahren ergaben, dass das Gemälde der Österreicherin Eleonore (Nora) Stiasny gehört hatte. Sie musste demnach das Bild nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 verkaufen, bevor sie von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurde.

Ob die Rückgabe Auswirkungen auf die frühere Restitution des Klimt-Gemäldes "Apfelbaum II" durch die Republik Österreich haben könnte, ist noch unklar. Die Erben nach Stiasny hatten 2001 von der Republik das Klimt-Gemälde "Apfelbaum II" aus dem Belvedere zugesprochen bekommen. Infolge der nicht restlos geklärten Umstände um die Identität des Bildes gaben die Erben bei der Ausfolgung des Gemäldes im November 2001 jedoch eine Haftungserklärung ab, mit der sie sich u.a. verpflichteten, das Gemälde an den Bund zurückzustellen, sollte sich herausstellen, dass dieses nicht mit dem 1938 im Eigentum von Nora Stiasny befindlichen Gemälde ident ist. Der Kunstrückgabebeirat kam 2017 zu dem Schluss, dass es sich bei dieser Restitution um eine Verwechslung gehandelt habe. Es spreche vielmehr "eine hohe Wahrscheinlichkeit" dafür, dass das Gemälde "Rosen unter Bäumen" als ehemaliges Eigentum von Nora Stiasny anzusehen sei.

Laut Recherchen des "Standard" soll "Apfelbaum II" über die Vermittlung von Daniella Luxembourg in die Privatsammlung des französischen Milliardärs und Eigentümers des LVMH-Luxusgüterkonzerns Bernard Arnault gelangt sein. Da "das Gemälde nicht mehr im Eigentum der Erb:innen nach Nora Stiasny steht", sei "die Situation daher sehr komplex", hieß es am Mittwoch aus dem Kulturministerium gegenüber der APA. Man stehe im Hinblick auf etwaige weitere Schritte infolge der Ausfolgung des Gemäldes aus dem Musée d'Orsay mit den Rechtsnachfolger:innen sowie mit der Finanzprokuratur in engem Austausch.

Restituiert wird von Frankreich auch an die Familie des polnisch-jüdischen Musikers David Cender, der den Holocaust überlebte und 1958 nach Frankreich einwanderte. Ihm gehörte nachweislich das bisher im Pariser Centre Pompidou befindliche Chagall-Gemälde "Le Père". Dieses Bild war 1988 in die nationalen französischen Sammlungen aufgenommen worden.

Zwischen 1939 und 1945 wurden nach Angaben des Kulturministeriums in Frankreich etwa 100.000 Kunstwerke beschlagnahmt. Nach der Befreiung wurden 60.000 der Werke in Deutschland gefunden und nach Frankreich zurückgebracht. 45.000 dieser Bilder wurden zwischen 1945 und 1950 an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Anfang der 50er-Jahre verkaufte Frankreich rund 13.000 der von den Nationalsozialisten geraubten Kunstwerke.

(apa)