Martin Noël – noch nie von ihm gehört? Ist keine Schande. Wenn sogar der Klaus Albrecht Schröder freimütig zugibt, dass ihm der Name erst seit Kurzem ein Begriff ist. Und der widmet dem früh verstorbenen deutschen Maler und vor allem Grafiker, der 2010 mit grad einmal 54 den Kampf gegen einen Hirntumor verloren hat, derzeit immerhin eine Retrospektive in der Albertina, deren Direktor er, Schröder, bekanntlich ist.

Parallel dazu lässt sich dieses konsequente Werk aber auch in der zs art galerie kennenlernen. Und mit 82 (in Worten: zweiundachtzig!) Arbeiten ist die gut bestückte und trotzdem nicht überfüllte Schau, die den Schwerpunkt auf die Holz- und Linolschnitte legt, ohne sich freilich darauf zu beschränken, definitiv mehr als ein Appendix der Personale in der Albertina, mehr als ein Anhängsel oder etwas, wo man lediglich zum Vorglühen hingeht, zur Einstimmung. (Nicht, dass man vor- oder hinterher nicht einen Abstecher zum geflügelten Museum machen könnte, zum Haus mit dem nicht sehr vorteilhaften, verzogenen Flugdach, dem "Soravia Wing".) 

Die Linie ist gekommen, um zu bleiben

Ständig hat sich Noël auf Spurensuche begeben, war ein Fährtenleser im Alltag, fasziniert von den Wunden im Asphalt, im Gemäuer, von den Schatten eines Geästs oder von flächigeren Schemen. Ein abstrakter Realismus folglich? Oder doch ein konzeptueller Minimalismus? Beides? Oder ein realistischer Minimalismus? Ein konzeptueller Minimal-Realismus? Auf alle Fälle scheint nichts komplett frei erfunden zu sein, ist alles irgendwo verankert. In der Welt der Gegenstände oder der Kunstgeschichte.

Die Linie weiß, wohin sie will, und hat schöne Namen, die ihr alle der Martin Noël gegeben hat: "Frontzeck", "Lippi" und "Lombardo", drei Holzschnitte aus dem Jahr 1996. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Die Linie weiß, wohin sie will, und hat schöne Namen, die ihr alle der Martin Noël gegeben hat: "Frontzeck", "Lippi" und "Lombardo", drei Holzschnitte aus dem Jahr 1996.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Selbst die Alten Meister hat der Künstler bis zur Unkenntlichkeit zitiert. Hat zum Beispiel ein Detail aus einem Rembrandt zu einem unverkennbaren Noël gemacht. (Unverkennbar halt ab dem Zeitpunkt, ab dem man seinen Namen und seinen Stil gekannt hat.) Und wie der Ausstellungstitel nahelegt ("Der Raum dazwischen"), ist der Zwischenraum genauso elementar wie die Linie, die sich markant vorwärtsschiebt, sich verzweigt, in großzügiger Geste windet, eine Ehrenrunde dreht oder einfach auf der Durchreise ist.

Stilles Gedenken in einer ruhigen Ecke: kleine Linien, "aufgeklaubt" vor dem World Trade Center. (Martin Noëls "New York Small Lines", 1999.) 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Stilles Gedenken in einer ruhigen Ecke: kleine Linien, "aufgeklaubt" vor dem World Trade Center. (Martin Noëls "New York Small Lines", 1999.)

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Richtig: Diese Kunst ist liniert. Meistens. Allerdings nicht gerade, nicht mit dem unnatürlichen Lineal. Vielmehr freihändig. Wie übrigens die Drucke ebenfalls Handabzüge sind. Wobei der Noël das Papier gern schwarz grundiert hat, bevor er diesem mithilfe des hölzernen Druckstocks ein Weiß als poröse, ledrige Haut "transplantiert" hat, in der wiederum bloß die ins Holz vertieften Linien ausgespart geblieben sind. Eine raffinierte Methode, mit der trotz des Weißlinienschnitts am Ende eine schwarze Zeichnung herauskommt und die ebene Fläche Struktur kriegt, einen "Körper". Der imposante Holzschnitt "Buchwald" (220 mal 160 Zentimeter) drückt sich dagegen "asiatischer" aus. Fernöstlicher. Da haben sich kalligrafisch anmutende Rhythmen schwungvoll ins Material eingeschrieben. 

Das Linoleum stapft auf Plateauabsätzen daher

Ende der 1990er Jahre, quasi am Vorabend von 9/11, ist Noël dann in New York vorm World Trade Center herumgekrochen und hat mit Transparentpapier und Bleistift die Sprünge in den Bodenplatten abgepaust, die sich noch lebhaft an den ersten islamistischen Anschlag auf die Zwillingstürme erinnern konnten und ihm von der Detonation der Bombe am 26. Februar 1993 erzählten. Hat er später als Linolschnitte umgesetzt, diese Realitätsfragmente. Die einzelnen Blätter der handlicheren Version davon, die "kleinen Linien" ("New York Small Lines"), reihen sich in einem ruhigen Winkel der Galerie und in besinnlichem Schwarzweiß zu einem stillen Gedenken aneinander.

Das Linoleum darf sich jetzt vom Drucken ausruhen (und kommt alles andere als flach daher): "Kleine Hölzer" (Mischtechnik auf Linoleum auf Holz, 2003/2009) von Martin Noël. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Das Linoleum darf sich jetzt vom Drucken ausruhen (und kommt alles andere als flach daher): "Kleine Hölzer" (Mischtechnik auf Linoleum auf Holz, 2003/2009) von Martin Noël.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Unaufdringliche Schmankerln (obwohl: "unaufdringlich" – die wachsen einem förmlich entgegen; die tragen ja praktisch Plateausohlen), echte Schmankerln sind die "Kleinen Hölzer" ("Mischtechnik auf Linoleum und Holz") mit ihrer zurückhaltenden, von Adern durchzogenen Farbpalette. Die waren sozusagen wurmstichig, jedenfalls hat sich hier einer zunächst mit seinem Werkzeug, seinen Klingen und Hohleisen, eingegraben wie ein Borkenkäfer (ein minimalistischer Borkenkäfer) oder ein Holz- bzw. Linolwurm, und als das Linoleum als Druckplatte ausgedient hatte und als unikates Objekt in den Ruhestand gegangen ist (mit hohen Absätzen aus Holz gleichsam), hat es einen permanenten Teint bekommen, ein mattes Finish, und die Gänge des "Linolwurms" sind mit weißer Farbe wiederaufgefüllt worden. Lauter zarte Monochromien mit Narben, die sie interessanter machen. Die dezenten Risse im glatten Galerieboden interpretiert man plötzlich nimmer als Schäden, das sind auf einmal Ornamente der Vergänglichkeit. 

Die Ottos sind freundlich

Ein "Otto" (Nummer 139, Jahrgang 2008): Für dieses Exemplar hat der Martin Noël dem Holz was gegeben (Acrylfarbe) und dafür an anderer Stelle was genommen (weggeschnitzt). Kunst ist eben ein Geben und Nehmen. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Ein "Otto" (Nummer 139, Jahrgang 2008): Für dieses Exemplar hat der Martin Noël dem Holz was gegeben (Acrylfarbe) und dafür an anderer Stelle was genommen (weggeschnitzt). Kunst ist eben ein Geben und Nehmen.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Und die "Ottos"? Gibt’s als kleine und große Portionen. Sind keine Porträts, sondern Auseinandersetzungen mit dem Werk eines Pioniers der Abstraktion, mit den bunten Kompositionen von Otto Freundlich, den die Nazis als "entarteten Künstler" diffamiert und schließlich, weil er Jude war, ermordet haben. (Sein skulpturaler "Großer Kopf" war gar, durch die Untersicht perspektivisch zur Fratze verzerrt, auf dem Cover des Katalogs zur Propagandaausstellung "Entartete Kunst".)

Bei den "kleinen Ottos" (Aquatintaradierungen) gesellen sich wenige klare, leuchtende Farbfelder zueinander und zur Leere, zu den freigelassenen, weißen Stellen, formieren sich zu einer spannungsgeladenen Harmonie. (Oder bestehen zwischen den Einzelteilen harmonische Spannungen?)

Die Serie "Stolp" (nach Freundlichs Geburtsort): Für den flüchtigen Blick nicht sonderlich aufregend. Sieht man jedoch genauer hin und erklärt einem jemand, dass das mit Acryl und Lack behandelte und im Anschluss "gehäutete" Postkarten sind, deren Verletzlichkeit Noël nämlich behutsam freigelegt hat, indem er ihnen die oberste Schicht teilweise abgezogen hat (wie das der Enkel eines Tischlers sonst mit seinem Holz zu tun pflegte), weiß man sie schon eher zu schätzen. Nix für hektische Schnellschauer. (Die übersehen die Feinheiten.)

Mit Noëls radikalen, mitunter recht spröden Reduktionen wird man vielleicht nur langsam warm, dafür umso nachhaltiger.