Durch die Tietze Galerie hallt der Schrei der englischen Starkünstlerin Tracey Emin, ausgestoßen am Steg von Edvard Munchs heute museal genutztem Haus am Asgardstrand nahe Oslo, nach den traumatischen Erfahrungen einer Abtreibung, die sie mit einem Video 1998 künstlerisch zu bannen versuchte. Kunst als Therapie gegen die Unerträglichkeit des Seins hat sich auch ihrVorbild Munch in seinen letzten Jahren erfolgreich verordnet, als er sich als alter Mann auf seinem Gut Ekely allein der Malerei und Grafik widmete, ohne Kontakte, bis auf Modelle und wenige Kunsthistoriker und Museumsdirektoren. Er verwendete die Kamera und setzte seine Bilder Schnee und Regen aus, was er die "Rosskur" nannte. Restauratoren kämpfen noch heute gegen die Schäden und zufällig eingefangenen Vogelkot; als Grafiker experimentierte er mit Zerschneiden von Druckstöcken und dünnen Papieren.

Andy Warhols "The Scream (After Munch)" aus dem Jahr 1984. 
- © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Bildrecht

Andy Warhols "The Scream (After Munch)" aus dem Jahr 1984.

- © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Bildrecht

Andy Warhols Munch-Motive

Jasper Johns’ "Savarin" (1977-1981) zeigt den Knochenarm aus Munchs Selbstbildnis unter den Pinseln in der Dose "Savarin". - © Jasper Johns / Bildrecht
Jasper Johns’ "Savarin" (1977-1981) zeigt den Knochenarm aus Munchs Selbstbildnis unter den Pinseln in der Dose "Savarin". - © Jasper Johns / Bildrecht

Vor Emin ist ein ganzer Raum mit Andy Warhols grellbunten Siebdruck-Paraphrasen von "Der Schrei" gefüllt. Auf Anregung eines Galeristen wandte sich Warhol um 1980 auch Munchs Motiven "Madonna", "Die Brosche" und dem Selbstbildnis mit Skelettarm zu. Die Intentionen der Übernahmen sind unterschiedlich: Hier geht es um das serielle Denken, die ikonischen Motive, bei anderen Künstlern um Inhalte, psychische Abgründe durch Themen wie Krankheit, Liebe und Tod, künstlerische Isolation, aber auch um die wilde Maltechnik und Verwendung greller Farbigkeit. Letzteres ist der Fall im Werk Jasper Jones’, der das abstrakte Muster der Decke in Munchs spätem "Selbstbildnis zwischen Uhr und Bett" überträgt in sein "Corpse and Mirror", dessen Knochenarm aus dem Selbstbildnis unter seine Pinsel in der Dose "Savarin" platziert.

Peter Doig, von dem ein großer Raum mit seinen Hauptwerken aus Museen wie dem Centre Pompidou in Wien sind, reflektiert neben den Landschaftsvorbildern mit dicken Farbtropfen auf Munchs wilde Technik, aber auch der einsame Bootfahrer in "Echo Lake" ist ein Nachfahre von dessen Figuren.

Es ist die dritte Munch-Ausstellung der Albertina, doch knüpft sie eher an die erste vor zwei Jahrzehnten von Thema und Variation im Frühwerk des Künstlers an, denn damals hatten Antonia Hoerschelmann und Dieter Buchhart als Kuratorenteam bereits 40 oder 50 Beispiele der Gegenwartskunst im Sinn, die sich auf Munch beziehen oder sichtbar von ihm beeinflusst sind, es wurden schließlich sieben. Fünf Säle mit Werken aus der Spätzeit Munchs bringen Ikonen wie das "Kranke Kind", "Pubertät", Der Nachtwandler", aber auch Landschaften und Selbstbildnisse nach Wien, die seine Variationsbreite, seine radikale Maltechnik, und sein Vorausgreifen über Jahrzehnte durch verflachende Frontalität der Figuren zeigen. Vom Munch-Museum über private Leihgeber konnte trotz pandemiebedingter Verschiebung ähnlich wie bei der Auswahl der Gegenwartskunst auf Hauptwerke zugegriffen werden. Georg Baselitz hat sogar den Namen Edvard angenommen, um in seiner Phase zwischen Zweifel und aufkeimender Berühmtheit am Boden zu bleiben: Das umgedrehte Motiv bleibt seine Eigenheit, die Geister und Füße Munchs sind trotzdem erstaunlich stark.

Abgehärtete Bilder

Miriam Cahn schafft es, den Frauen gegenüber skeptischen Munch mit feministischen Themen zu bereichern, da auch diese die gleichen ohnmächtigen Gefühle zwischen Angst und Eifersucht, Aggression und Todesangst, empfinden. Die düsterere Farbigkeit und Momente des Zufalls teilt auch Marlene Dumas, die auf politische Motive, Unterdrückung und Rassenwahn in ihrer Heimat Südafrika erweitert. Munchs Angst im Zweiten Weltkrieg vor den Nationalsozialisten, die sein Werk als "entartet" ausgrenzen, ist hier tatsächlich eine Parallele. Sein Ein- und Unterordnen aller Themengruppen mit persönlichen Erlebnissen in einer Art "Lebensfries" ist ein weiterer fast konzeptueller Aspekt, der bis heute aktuell geblieben ist. Statt psychischer Qualen des Selbst setzte er seine Bilder der Abhärtung durch die Natur aus - sie, die er auch als seine Kinder bezeichnete, mussten Kälte, Feuchte und Staub erleiden.