Wenn gleich am Anfang zwölf Namen untereinander auf der Galeriewand stehen, dann kann es sich ja wohl nur um eine Gruppenausstellung handeln und das ist die Liste der beteiligten Künstler, oder? Genau: oder. Beim Hubert Winter stellt nämlich grad bloß einer aus: der Jojo Gronostay. Ein Deutscher mit ghanaischen Wurzeln. Und ausgerechnet der wird nicht erwähnt. Dafür einer mit einem kunstgeschichtlichen Vornamen, ein gewisser Vincent. Vincent – wie dieser Typ mit den Sonnenblumen und dem Ohr? Nachname wird freilich keiner genannt. Van Gogh ist er aber vermutlich eher nicht.

Und was hat es nun mit den aufgelisteten zwölf auf sich? Die haben die Leiberln angehabt, die hier ordentlich zusammengelegt und gestapelt unterm Glas der über den Raum verteilten Vitrinentischerln präsentiert werden wie Museumsstücke. Oder wie Reliquien? Immerhin wurden sie während eines Fußballspiels getragen, bei dem einer der Kicker Boateng geheißen hat. Allerdings weder Jérôme noch Kevin-Prince oder George, sondern Elvis. Und der ist nicht der Bruder der andern drei. 

Die weißen Männer haben zu viele Leiberln

Gronostay, der schon als Person international und multikulturell ist (1987 in Hamburg geboren, Vater aus Ghana, studiert hat er in Wien, wo er inzwischen lebt, und Paris), bewegt sich ständig grenzgängerisch zwischen Kunst und Design. Nicht zuletzt mit seinem hybriden Modelabel DWMC, für das er Secondhandgewand überarbeitet und in etwas Neues transformiert.

Rechts: die Spielerliste, links: die Vitrinentische mit den Leiberln, hinten: der Vorhang, der Licht und Dunkelheit scheidet. Einblick in Jojo Gronostays Ausstellung "RECREATION" in der Galerie Hubert Winter. 
- © SIMON VERES, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien

Rechts: die Spielerliste, links: die Vitrinentische mit den Leiberln, hinten: der Vorhang, der Licht und Dunkelheit scheidet. Einblick in Jojo Gronostays Ausstellung "RECREATION" in der Galerie Hubert Winter.

- © SIMON VERES, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien

Aktuell hat er auf die gebrauchten Fantrikots von europäischen Vereinen frech seine vier Blockbuchstaben gedruckt, sein D, sein W, sein M und sein C. Nebst Zeichnungen, die seine Mutter während eines Lockdowns angefertigt hat, und Fotos, die er gemacht hat. Zum Beispiel von der Hand eines Straßenhändlers. Mit den Schnüren, die sich um dessen Finger wickeln, lässt sich übrigens das Tuch, auf dem die gefälschten Designertaschen oder dergleichen feilgeboten werden, ruck, zuck zu einem Beutel zusammenziehen, um jederzeit mit der Fake-Ware vor der Polizei türmen zu können. Kennt man ja etwa aus Barcelona.

DWMC? Kurz für "Dead White Men's Clothes". Das Label von Jojo Gronostay. 
- © SIMON VERES, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien

DWMC? Kurz für "Dead White Men's Clothes". Das Label von Jojo Gronostay.

- © SIMON VERES, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien

Und was bedeutet dieses kryptische "DWMC" jetzt? Dead White Men’s Clothes. Die Kleider der toten weißen Männer. Weil das, was aus Europa auf den riesigen Secondhandmärkten in Afrika landet, soll oft noch dermaßen gut beieinander sein, dass die Einheimischen angeblich zunächst gemutmaßt haben, die ursprünglichen Besitzer müssten gestorben sein, sonst würden sie die Sachen doch zweifellos noch selber anziehen. DWMC – ein bissiger Kommentar zur Überfluss- und Wegwerfgesellschaft? 

Flucht in den Fußball

In Aktion sieht man die quasi wiederauferstandenen T-Shirts der "toten weißen Männer" hinter dem weißen Vorhang. Wenn man zum Kern der Schau vordringt. Dort erhellen allein zwei Filmprojektoren die installierte Finsternis. In der Mitte ist der White Cube, der neutrale Ausstellungsraum, demnach schwarz. (Bzw. ist sein Zentrum in einem sehr dunklen Grau gestrichen.)

Ein Zweikanal-Video mit dem Titel "(RE-)CREATION", der sich auf die gesamte Ausstellung ausdehnt, läuft da. Von einem Fußballmatch, das der Künstler in Ghana am Strand choreografiert hat. Mit Jugendlichen aus der Gegend. Oder ist das eine Performance? Eine Modenschau? Kühles Weiß gegen warme Gelb- und Orangetöne. Jedenfalls hat er die Mannschaftsdressen aus den farblich sortierten Trikots diversester Clubs zusammengewürfelt.

Eindeutig zwei Kanäle: In Jojo Gronostays Video-Installation "(RE-)CREATION" prallen die Perspektiven aufeinander. (Die Aufnahme rechts hat eine Drohne gemacht.) 
- © Foto: Philipp Wagner, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien, 2022

Eindeutig zwei Kanäle: In Jojo Gronostays Video-Installation "(RE-)CREATION" prallen die Perspektiven aufeinander. (Die Aufnahme rechts hat eine Drohne gemacht.)

- © Foto: Philipp Wagner, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien, 2022

Wann der Loop beginnt und wann er aufhört, ist eigentlich nimmer zu eruieren. Wieso? Wie geht das Match denn aus? Gar nicht. Tore werden nicht gezählt. (Und entweder hab ich’s nicht mitgekriegt oder es wurde auch keines geschossen.) Unterschiedliche Tageszeiten und Blickwinkel kollidieren miteinander, Hell und Dunkel, Nahaufnahmen und Ansichten aus der anonymisierenden Drohnenperspektive. Rufe und atmosphärische Klänge lösen sich aus dem Meeresrauschen heraus (manchmal einfach nur die Stille), Schatten klären sich aus der Dämmerung, ein neongelbes Leiberl fluoresziert. Das sportliche Spiel bleibt nebulos wie das musikalische. (Soundtrack: Sofie Fatouretchi. – Und der Atlantik.)

In der Ferne erspäht man immer wieder einmal die imposanten Rundungen des Independence Arch, eines Triumphbogens, der zur Erinnerung an die Unabhängigkeit des westafrikanischen Staates von Großbritannien im Jahre 1957 in die Gegend gewuchtet worden ist. Die Burschen kicken schließlich nicht irgendwo, sondern in der Haupt- und Küstenstadt Accra, und da wiederum auf der Megabaustelle für das Marine Drive Project, eine gigantische Geschäfts- und Freizeitoase mit Büros, Hotels, Einkaufszentrum, Casino und schicker Skyline. Kurzum, das soll ein repräsentativer Ort werden, an dem man Geld machen und loswerden kann.

Spielen, bis es dunkel wird. (Oder ist das die Morgendämmerung?) Ein neongelbes Leiberl trotzt während Jojo Gronostays Fußballmatch der Finsternis. 
- © Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien, 2022

Spielen, bis es dunkel wird. (Oder ist das die Morgendämmerung?) Ein neongelbes Leiberl trotzt während Jojo Gronostays Fußballmatch der Finsternis.

- © Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien, 2022

Vieles fließt also in Gronostays vielschichtige Videoarbeit mit ein. Der Kolonialismus, ökonomische und menschliche Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen den beiden Kontinenten, die das Mittelmeer trennt, die Flucht in den Fußball, sprich die Hoffnung, aus der Armut in einen reichen Fußballverein auszuwandern, Recycling. Und ein weiterer Vorhang, der auf der einen Seite schwarz, auf der andern weiß ist, scheidet die Dunkelheit von der Helligkeit. Die ausgeklügelte filmische Lichtregie setzt sich in den Räumlichkeiten der Galerie folglich fort. 

Hohe Absätze sind brutal

Geradezu schattenlos ausgeleuchtet ist das letzte Kammerl. Auf mannshohen Fotos (1,80 Meter, die erreichen die meisten Frauen ja höchstens mit High Heels) schießen rätselhafte "Schwammerln" empor. Das waren einmal unspektakuläre, handliche Stöckel, die der Künstler auf dem Kantamanto-Markt in Accra erworben hat, auf dem es alles Mögliche gibt. Von Bekleidung aus zweiter Hand bis zu Ersatzteilen für Autos und eben für Schuhe. So isoliert und zu surrealer Monstrosität angewachsen, werden die Absätze, die ihre Trägerin üblicherweise lediglich ein paar Zentimeter vergrößern, zu eindrucksvollen Monumenten der postkolonialen afrikanischen Moderne. Und mit ihrer "brutalistisch" verrohten Ästhetik versteinern sie optisch zu regelrechten Fossilien der afroeuropäischen Beziehungen.

Brutalistisch in die Zukunft schreiten: Jojo Gronostay lässt auf seinen Fotos Stöckel  zu Monumenten des Brutalismus versteinern. 
- © SIMON VERES, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien

Brutalistisch in die Zukunft schreiten: Jojo Gronostay lässt auf seinen Fotos Stöckel  zu Monumenten des Brutalismus versteinern.

- © SIMON VERES, Courtesy of Jojo Gronostay und Galerie Hubert Winter, Wien

Und weshalb hat Gronostay den Damenheels just männliche Vornamen verpasst? (Rinaldo, Karl Hendrik . . .) Die hat er lauter Architekten des Brutalismus geklaut (Rinaldo Olivieri, Karl Hendrik Nostvik . . .), die in diesem sich emanzipierenden Erdteil ihre zukunftsweisenden Beton-Visionen hatten. Die gelungene Schlusspointe einer facettenreichen Schau.