Die Charakterköpfe des Franz Xaver Messerschmidt galten in seiner Zeit als abstruse Fantasien, die in Gruselkabinetten und Praterbuden als Kuriositäten und nicht als museale Kunst gezeigt wurden.

Als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und Kunst wurden sie erst im 20. Jahrhundert beachtet. Noch immer ist unklar, ob es einen Zusammenhang mit den esoterischen Theorien Franz Anton Mesmer gab, was die Seile um so manchen Hals als Therapie und nicht als Erhängen erklären würden. Auch Erzbösewicht, Schalksnarr oder Schnabelkopf waren wohl nicht Messerschmidts Titel, sicher ist seine genaue Selbst-Beobachtung von Schmerz, Verdruss und Alter in physiognomischen Studien, die an sich an Akademien üblich waren, jedoch nicht in der sarkastischen Weise und in derart zahlreich.

Berückende Selbstanalyse. Marc Quinns "Emotional Detox: The Seven Deadly Sins IV", 1995. - © Marc Quinn Studio
Berückende Selbstanalyse. Marc Quinns "Emotional Detox: The Seven Deadly Sins IV", 1995. - © Marc Quinn Studio

Krisenhaftes Gegenüber

Nachdem Sigmund Freud und sein Schüler Ernst Kris die Köpfe 1920/30 als besondere Verbindung zwischen Kunst und Psychoanalyse wiederentdeckten, kam nach 1945 und vor allem ab den 1980er Jahren das besondere Interesse in Kunstgeschichte und Gegenwartskunst. Heute sind die Charakterköpfe so beliebt und gefragt, dass Besucher ihre Abwesenheit in der Dauerpräsentation des Museums sofort beklagen.

Nach Franz Xaver Messerschmidt, "Der erboßte und rachgierige Zigeuner", vor 1923. - © Belvedere / Marc Quinn Studio
Nach Franz Xaver Messerschmidt, "Der erboßte und rachgierige Zigeuner", vor 1923. - © Belvedere / Marc Quinn Studio

Marc Quinn, einer der bekanntesten Vertreter der Young British Artists, der mit seinem Kopf "Self" aus dem eigenen gefrorenen Blut 1991 schockierte, sah im Londoner Victoria & Albert Museum einen Abguss Messerschmidts, den "Starken Geruch", als er Anfang der 1990er Jahre gegen seine Alkoholsucht ankämpfte und während eines Entzugs ein Jahr auf das Kunstmachen verzichten musste.

Der Barockmeister schien ihm ein krisenhaftes Gegenüber zu zeigen, weshalb er 1994 begann, die Charakterköpfe zu beforschen und danach eine erste Serie von Gips-Abgüssen seines Kopfes und Oberkörpers herstellte. Er bezeichnete die ersten sechs Paraphrasen als "Oneironauts (Emotional Detox)", und sie zeigen seine inneren Zustände, mit ihren auf Kopf und Körper wild zugreifenden Händen, die wie im Albtraum auch brutal den Bauch aufreißen, und scheinbar Bruchstellen und Lücken zurücklassen. Oneironautisch träumen spielt am Rande auf Freuds Traumdeutung an, die als Allgemeinwissen längst ins Bewusstsein übergegangen ist, denn es handelt sich um eine bewusste Lenkung des Traums, einen luziden Bewusstseinszustand, der Quinns Kampf gegen seine Dämonen mittels Kunst vor Augen führt.

So entschied er sich in der zweiten Serie von acht weiteren selbstanalytischen Halbfiguren für das Metall Blei neben Wachs und dem üblichen Eisengestänge, das die Abguss-Teile zusammenhält. Damit arbeitete schon Messerschmidt, dem man Vergiftung durch Blei nachsagte.

Wo früher im Oberen Belvedere die monumentalen Makarts, dann der Klimt-Raum Besucherströme anlockten, ist die Konfrontation zwischen dem Barockbildhauer und dessen Köpfen und Quinns Bleigüssen als Sockelwald zu finden, daneben im Turm-Oktogon sind die Gipse beider Bildhauer konfrontiert.

Vorbild Messerschmidt

Quinn hatte Direktorin Stella Rollig auf die von ihm ersehnte Gegenüberstellung angesprochen. Coronabedingt dauerte es ein Jahr länger bis ihm der Wunsch erfüllt wurde. 2019 hatte Belvedere 21-Kurator Axel Köhne bereits eine ganze Gruppe von Künstlerinnen wie Maria Lassnig, Anna Artaker, Miriam Cahn, zudem Bruce Nauman, Douglas Gordon oder Arnulf Rainer in "Talking Heads" mit Messerschmidt in Bezug gesetzt, das Interesse, sich an den Köpfen Messerschmidts abzuarbeiten ist anhaltend groß, Quinn wird sicher nicht der letzte sein. Jedoch ist seine Serie "Emotional Detox" wegen des sehr privaten Bezugs im Grunde nur neben dem Barockmeister verständlich.

Das Interesse am Gipsabguss, auch am Präparat war in den 1990er-Jahren groß, wie Quinns Kollege Damien Hirst und die Kolleginnen Rachel Whiteread oder Sarah Lucas beweisen. Zudem ist Physiognomik und Selbstanalyse in immer wieder neuen Wellen bis heute auf deren Agenda.