Seit mehr als sieben Jahren arbeitet die Künstlerin Anna Jermolaewa (51) an ihrem Projekt "Chernobyl Safari". Ein einziger Tag hat alles verändert. Am 24. Februar begann Russland seine Invasion in der Ukraine. Russische Truppen drangen in die 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl ein, um dort eine Militärbasis zu errichten. "Seither zeigen unsere Wildtierkameras keine Tiere mehr, sondern nur noch militärisches Gerät", sagt Jermolaewa vor der Eröffnung ihrer MAK-Ausstellung im Gespräch mit der APA.

Künstlerin Anna Jermolaewa. 
- © apa / MAK / Scott Clifford Evans

Künstlerin Anna Jermolaewa.

- © apa / MAK / Scott Clifford Evans

2014 hat die Künstlerin, die 1989 nach Österreich kam, das Gebiet um den 1986 explodierten Atomreaktor erstmals besucht und ein wahres Naturparadies vorgefunden. "Vorher waren dort auf Milchproduktion spezialisierte Kolchosen. In den vergangenen Jahren haben sich aber an die 400 Tierarten angesiedelt, viele davon gefährdet. Also habe ich beschlossen, in einem Kunstprojekt mit dem Begriff Safari zu spielen. Von einer Safari bringt man Trophäen mit. Meine waren Filme und Fotos, die von unseren Kameras aufgenommen wurden."

Anna Jermolaewa, "Chernobyl Safari" (2014 bis 2021), Fotografie (Wildkamera-Aufnahme).
Anna Jermolaewa, "Chernobyl Safari" (2014 bis 2021), Fotografie (Wildkamera-Aufnahme).

Auf einer Fotowand in der MAK Galerie sind Wölfe zu sehen, Wildpferde, Hasen, Füchse, Rehe. "Das Paradies, das wir auf diesen Fotos sehen, gibt es nicht mehr. Und die Radioaktivität ist dort alleine durch den vielen vom militärischen Gerät aufgewirbelten Staub wieder stark gestiegen." Auch ganz ohne Beschädigung des Reaktor-Sarges.

Im Gefängnis

Bei ihren Besuchen in der Zone waren Guides und Geigerzähler Pflicht. "Diese Maßnahmen waren auch berechtigt, weil es immer wieder Hotspots gab, an denen die Radioaktivität hoch war. In einem Großteil der Gegend konnte man sich jedoch wieder gefahrlos bewegen. Sie wurde ein Beispiel dafür, wie rasch sich die Natur regeneriert, wenn der Mensch sich zurückzieht."

Auch von den Schreckensszenarien der Genveränderungen durch erhöhte Radioaktivität sei nichts wahrnehmbar gewesen, erzählt Jermolaewa. Der Grund sei wohl simpel: natürliche Auslese. Es habe zwar Berichte über Tiere mit solchen Veränderungen gegeben, die hätten in der freien Wildbahn aber nicht überlebt.

Anna Jermolaewa setzt alles in Bewegung, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. "Ich kenne und liebe das Land so sehr. Meine Tochter ist halbe Ukrainerin. Es schneidet mir ins Herz. Was sich da abspielt, ist unbegreiflich." Für das Heimatdorf ihres Mitarbeiters Nikolai, der die Sperrzone um Tschernobyl wie seine Westentasche kennt, die Speicherkarten der Wildkameras alle zwei Monate austauschte und nach Wien schickte, hat sie gemeinsam mit ihrem Mann im Auto Hilfsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze gebracht und auf der Rückfahrt Flüchtlinge mitgenommen.

"Es war bewegend", schildert sie, "Am Sammelplatz standen Menschen mit Schildern der Städte, für die sie Mitfahrgelegenheiten anboten. Und mitten unter den Flüchtenden war eine Mutter mit einem acht Tage alten Baby. Seit acht Tagen auf der Welt und muss schon flüchten! Unvorstellbar!" Ob ihr Projekt, das die Rückkehr der Natur nach Rückzug des Menschen behandeln wollte, eines Tages in einer Fortsetzung auch die neuerliche Zerstörung des Paradieses durch den Menschen zeigen wird, ist noch ungewiss. "Niemand weiß, wie es weitergehen wird."

Das gilt auch für die Entwicklung der Ukraine, ja von ganz Europa. "Je mehr Sanktionen, desto besser", glaubt Anna Jermolaewa. Garantie sei das keine, denn "Putin ist wahnsinnig. Deswegen habe ich Angst, dass er tatsächlich auf den Knopf drücken könnte." Vor einem pauschalen Kulturboykott gegen Russland warnt sie. Das treffe auch die vielen, die trotz immer größerer persönlicher Gefahr gegen den Krieg auftreten. "In meiner Heimatstadt Sankt Petersburg haben jeden Tag Demonstrationen stattgefunden. Ich bin so stolz. Doch die meisten der Demonstranten sitzen heute im Gefängnis."(apa)